# taz.de -- Der Hausbesuch: Berlin ist nicht Istanbul
       
       > Techno und kurdischer Volkstanz, Intensivstation und Tiktok – all das
       > verbindet Çetin Hanoğlu. Er lebt in Berlin in einem ehemaligen
       > Patientenzimmer.
       
 (IMG) Bild: Der 26-Jährige arbeitet als Krankenpfleger. Unter dem Namen Kürtlaç berichtet er auf TikTok über seinen Alltag
       
       Spuren seiner Heimat fehlen ihm hier: kein Meer, nicht die richtige
       Partyszene – und die Wärme der Menschen vermisse er auch. Dabei sei ihm
       doch gesagt worden: „Berlin ist wie Istanbul.“ 
       
       Draußen: Ein helles Gebäude, frühmoderner Stil, im Hinterhof eines
       Krankenhauses in Berlin-Spandau. Wilder Wein zieht sich über die Fassade.
       Neben der Eingangstür hängt eine Hinweistafel: Palliativmedizin,
       Mitarbeiterunterkünfte, Berliner Adipositas Zentrum. Hinter der Tür ist ein
       Krankenhauskorridor, Neonlicht, Linoleumboden, der Geruch von
       Desinfektionsmitteln.
       
       Drinnen: Im ersten Stock ein langer Krankenhausflur, von dem Zimmer
       abgehen. In einem davon wohnt Çetin Hanoğlu. Zwei abstrakte Gemälde hängen
       über den Lampen, unter denen früher die Krankenbetten standen. Jetzt, wo es
       sein Zimmer ist, hat er sein Bett unter die Fenster gerückt. Ansonsten gibt
       es kaum Möbel. Von ihm sind die weiße Perücke und das Ringlicht – er
       braucht es für seine Social-Media-Videos. Mehrere bunte Halay-Tücher liegen
       auf dem Stuhl. Mit so einem wedelt der Anführer bei kurdischen
       Gruppentänzen.
       
       Und noch ein Tuch: Çetin Hanoğlu zeigt auf das Yazma seiner Mutter – ein
       traditionelles anatolisches Kopftuch. Er hat es gerne bei sich, um ihr nahe
       zu sein. Viele andere Dinge bleiben in Koffern. Als wäre er gerade erst
       angekommen. Platzmangel halt. Seit fast einem Jahr lebt der 26-Jährige
       hier.
       
       Spätschicht: Während er arabischen Mokka aufsetzt, erzählt er, dass er erst
       vor drei Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen sei. Zunächst habe
       er in Gießen gewohnt. Während er den Kaffee ausschenkt, wirkt er müde. Die
       vergangenen zwei Wochen sei er am Stück im Dienst gewesen. Spalier stehen:
       In seiner Kindheit war Deutschland ein fernes Versprechen. „Wenn Verwandte
       in den Sommerferien von dort zu uns nach Istanbul kamen, haben wir uns
       vorher draußen aufgestellt“, sagt er. „Wie Soldaten in einer Reihe.“ Dann
       warteten sie auf das Auto, das in die Straße einbog. Ein großes Spektakel.
       Die „Gurbetçi“ brachten Schokolade, Tee und Kaffee. Gurbetçi – jemand der
       in der Fremde wohnt.
       
       Heimat: Hanoğlu ist das jüngste von sechs Kindern. Seine Mutter bekam ihn
       mit 43 Jahren, ein Nesthäkchen. Er ist der Einzige in der Familie, der in
       Istanbul geboren wurde. Seine Geschwister kamen in Erzurum zur Welt, einer
       Stadt ganz im Osten der Türkei. „Meine Mutter war Hausfrau. Mein Vater hat
       mal gearbeitet, mal nicht. Und wenn, dann für einen Hungerlohn.“ Die
       älteren Geschwister mussten zum Familieneinkommen beitragen, „da waren sie
       erst zwölf, dreizehn Jahre alt“.
       
       Die Schwester: Früh entscheidet sich Hanoğlu, [1][Krankenpfleger zu
       werden.] „Ich habe nach einem Job gesucht, der gut bezahlt ist und den man
       überall auf der Welt ausüben kann“, sagt er schulterzuckend. Er habe seine
       Geschwister, die bereits viel für die Familie „geopfert“ hätten, nicht
       weiter finanziell belasten wollen. Und er folgte dem Rat seiner Schwester,
       die ebenfalls Krankenpflegerin ist. „Sie ist wie meine Mutter“, sagt er.
       Schon immer sei sie für ihn „zuständig“ gewesen – und habe ihm den Weg
       gezeigt.
       
       Der Entschluss: Während der Covidpandemie arbeitete er auf einer
       Intensivstation in Istanbul. Ein Höllenjob. Als am 6. Februar 2023 dann
       noch das verheerende Erdbeben in der Türkei passierte, wurde es ihm zu
       viel. Er war gerade bei Freund:innen, deren Familien direkt davon betroffen
       waren. Gemeinsam bangten sie um Angehörige. Kurz darauf behandelte er in
       Istanbul Menschen, die tagelang unter Trümmern lagen. Die Erinnerung lässt
       ihn verstummen. In dieser Zeit [2][reifte die Entscheidung], die Türkei zu
       verlassen. Als Erdoğan dann am 14. Mai 2023 erneut zum Präsidenten gewählt
       wurde, reichte er tags darauf seine Kündigung ein.
       
       [3][TikTok]: Schon vor der Wahl war Hanoğlu auf Social Media aktiv und
       teilte Videos aus seinem Krankenhausalltag. Dazu solche, in denen er die
       Politik kommentierte. Manche davon wurden mehrere Tausend Mal angesehen.
       Besonders die aus seinem [4][Krankenpflegealltag] wurden viel kommentiert.
       Auch negativ. „Wie kann so ein Typ verbeamtet sein?“, ereiferte sich einer
       und spielte auf seine genderfluiden Inszenierungen an. In der Türkei haben
       viele Krankenpfleger den Beamtenstatus, so wie er. „Unsere Steuergelder
       finanzieren einen Terroristen'“, schrieb ein anderer und zielte damit
       vermutlich auf seine kurdische Herkunft ab.
       
       Namen: In einem anderen Kommentar auf Tiktok wurde er „Kürtlaç“ genannt.
       „Wie passend“, dachte er, und machte Kürtlaç kurzerhand zu seinem
       Benutzernamen. Er kann sich damit identifizieren, obwohl er bis heute nicht
       weiß, was genau damit gemeint ist. Zumindest ein Teil des Begriffes ist auf
       seine Herkunft bezogen. „Kürt“ bedeutet Kurde. Viele seiner rund 200.000
       Follower:innen nennen ihn nur Kürtlaç. Seinen richtigen Namen kennen
       sie oft nicht. Er kannte ihn lange ja selbst nicht.
       
       Freiheit: Bei der Geburt wurde ihm zwar der Name Çetin gegeben, doch viele
       Jahre seines Lebens wusste er nichts davon. „Alle nannten mich Haydar. Aber
       viele Männer in meiner Familie heißen Haydar.“ Als Hanoğlu in die erste
       Klasse kam, wurde ein Çetin aufgerufen. Das war er – doch er meldete sich
       nicht. Weil er den Namen ja nicht kannte. In seiner Bio auf Instagram und
       Tiktok steht: „Rezil olma özgürlüğü“ – die Freiheit, peinlich zu sein.
       Damit meint er auch Anekdoten wie diese. Heute nennt man ihn nur noch
       innerhalb der Familie Haydar. Der Name sei etwas Besonderes – nur für die
       engsten Menschen.
       
       Musik: Hanoğlu liebt Techno und Halay, eine Art kurdischer Gruppentanz.
       Sollte er mal DJ werden, möchte er beides verbinden. Ein Konzept, das man
       bisher so nicht kennt. „Techno ist fern von meiner Kultur, meine Eltern
       könnten damit nichts anfangen.“ Sie kennen sich dagegen bestens mit Halay
       aus. „Auf Hochzeiten oder manchmal sogar hier im Zimmer kann ich
       stundenlang Halay tanzen“, sagt er. Das Schöne daran sei, dass Männer und
       Frauen die gleichen Bewegungen machen würden.Herkunft: Mit seiner
       kurdischen Herkunft habe er sich lange nicht so beschäftigt, in der Familie
       sei meist Türkisch gesprochen worden. „Als Kind war es mir unangenehm, wenn
       meine Mutter Kurdisch sprach.“ Bis heute gebe es in der türkischen
       Gesellschaft Vorbehalte gegen alles Kurdische. Hanoğlu würde die Sprache
       heute gerne besser beherrschen.
       
       Existenz: Als Kurde werde ihm von Kurden mitunter gesagt: „So wie du dich
       gibst, bist du keiner von uns.“ Denn er liebt es, sich modisch zu
       inszenieren. Und als Alevit werde er von manchen Muslim:innen wie ein
       Ungläubiger behandelt. Er möchte Gräben nicht vertiefen. So wie er sich
       online präsentiere, stehe er für seine Kultur und seine mäandernde
       Identität. „Mein Aktivismus ist meine Existenz“, sagt er.
       
       Wiedererkennen: Geld verdiene er mit seinen Videos kaum, sagt Hanoğlu.
       Trotzdem mache er weiter. „Der größte Gewinn ist für mich nicht finanziell,
       es ist das Gefühl, Menschen zu erreichen.“ Manchmal merke er das ganz
       unerwartet. Einmal sei er in einem Restaurant gewesen. Plötzlich habe ihn
       eine junge Frau vom Nachbartisch erkannt und Baklava schicken lassen.
       Damals sei es ihm mental nicht besonders gut gegangen. „Ich kann gar nicht
       beschreiben, wie sehr mich das berührt hat“, sagt er.
       
       Zimmer: Als das Gespräch kurz ins Stocken gerät, rückt der Raum wieder in
       den Blick. Wie es sich anfühlt, in einem ehemaligen Krankenzimmer zu
       wohnen? Hanoğlu zuckt mit den Schultern. Eine Wohnung zu finden, sei
       unmöglich gewesen – hier im Krankenhaus in Spandau zeigte man ihm dann das
       Zimmer und er nahm an. Sein Plan war einfach: ein paar Monate bleiben, dann
       etwas anderes suchen. „Zwei Minuten von der Arbeitsstelle zu wohnen, hat
       für mich auch Vorteile.“
       
       21 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Krankenpfleger-ueber-seinen-Beruf/!6162880
 (DIR) [2] /Syrische-Aerzte-in-Deutschland/!6066187
 (DIR) [3] https://www.tiktok.com/@user24564222568877
 (DIR) [4] /Armut-und-Pflege/!6163685
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Rumeysa Ceylan
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Berlin
 (DIR) Krankenpflege
 (DIR) Krankenhäuser
 (DIR) Istanbul
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Der Hausbesuch
 (DIR) Berlin-Wedding
 (DIR) Der Hausbesuch
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Der Hausbesuch: In der Sprache eine Heimat finden
       
       Poesie begleitet Dagmar Nick durch die Jahrzehnte, ihr erster Gedichtband
       ist den KZ-Überlebenden gewidmet. Am 30. Mai wird sie 100.
       
 (DIR) Der Hausbesuch: Fortissimo in Maßen
       
       Mit Hochkultur hatte sie lange „null Komma null“ Berührung. Heute ist
       Josefin Feiler Sängerin an der Oper in Stuttgart – und Frontfrau einer
       Punkband.
       
 (DIR) Der Hausbesuch: Null achthundert vier siebzig achtzig neunzig
       
       Elke Schilling hat eine Hotline gegen Einsamkeit im Alter gegründet. Zuvor
       war sie Kapitalistentochter, Versicherungsvertreterin und
       Frauenpolitikerin.
       
 (DIR) Der Hausbesuch: Die Pistole lag auf dem Boden
       
       Es braucht ein Thema, das Liebende zusammenschweißt. Bei Katharina Oguntoye
       und Carolyn Gammon ist es der Kampf gegen Ausgrenzung und Rassismus.