# taz.de -- Ulrike Herrmann über Krieg und Ökonomie: „Europa muss fähig sein, sich allein zu verteidigen“
       
       > Die Wirtschaft ist ein unterbelichteter Faktor im Krieg, sagt
       > taz-Redakteurin und Buchautorin Ulrike Herrmann. Sie plädiert für
       > Aufrüstung.
       
 (IMG) Bild: Großer Bedarf: Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) vor einem Patriot-Luftabwehrsystem
       
       taz: Ulrike Herrmann, Dein neues Buch heißt „Geld als Waffe. Wie die
       Wirtschaft über Krieg und Frieden entscheidet.“ Kannst Du Dich noch
       erinnern, wie die Idee entstand? 
       
       Ulrike Herrmann: Die Buchidee entstand im Frühjahr 2022 – direkt nach dem
       Angriff Russlands auf die Ukraine. Ich konnte es gar nicht fassen, dass
       Putin einen so großen Krieg beginnt, denn Russland ist zu arm für diesen
       Konflikt. Aber in der Berichterstattung tauchten ökonomische Aspekte fast
       gar nicht auf. Es ging vor allem um Militär, Diplomatie, Politik. Die
       Wirtschaft fehlte.
       
       taz: Jetzt steht aktuell ein Kriegsherd im Fokus, der im Buch noch gar
       nicht auftaucht: Der Iran. Wie passt der zu Deinen Thesen? 
       
       Herrmann: Auch im Iran wird die Wirtschaft den Krieg entscheiden – weil
       Teheran das Öl zur Waffe macht, indem es die Straße von Hormus schließt.
       Jetzt fehlen zwanzig Prozent der globalen Ölförderung. Trump hat diese
       Gefahr offenbar vorher nicht gesehen, was nochmal zeigt, wie oft die
       Wirtschaft ignoriert wird.
       
       Im Buch beschäftigst Du Dich intensiv mit Russland und China. Warum diese
       beiden? 
       
       Herrmann: Diese Konstellation ist für uns in Europa am gefährlichsten.
       China und Russland wollen andere Länder erobern – und arbeiten dabei
       indirekt zusammen. Russland attackiert die Ukraine und könnte auch
       Nato-Gebiet angreifen, China bedroht Taiwan. Dieses Szenario erinnert
       entfernt an den Zweiten Weltkrieg. Damals führten das Deutsche Reich und
       Japan gleichzeitig Krieg, was die USA geschwächt hat, weil sie auf zwei
       Kriegsschauplätzen präsent sein musste. Dieses Problem wiederholt sich
       jetzt. Da sich die USA vor allem auf China konzentrieren, muss Europa fähig
       sein, sich allein gegen Russland zu verteidigen. Das gilt auch, wenn Trump
       nicht mehr US-Präsident ist.
       
       taz: Du unternimmst auch einen großen Ritt durch die russische und die
       chinesische Geschichte. Warum ist Dir der wichtig? 
       
       Herrmann: Das heutige Russland und China versteht man gar nicht ohne ihre
       historische Entwicklung. Ein Beispiel: Russland ist das größte Land der
       Erde und hat enorme Mengen an Rohstoffen – trotzdem war es immer
       rückständig. Wie kann das sein?
       
       taz: Was mir vorher nicht klar war: Wie sehr die Kriegsschauplätze alle
       vernetzt sind. 
       
       Herrmann: Stimmt. Diese engen Verflechtungen zeigen sich jetzt auch im
       Iran: Die Patriot-Luftabwehrraketen sind so knapp, dass die USA einige
       Systeme aus dem Pazifik in den Nahen Osten verlegen mussten. Das könnte
       einen chinesischen Angriff auf Taiwan wahrscheinlicher machen.
       
       taz: Die EU muss aufrüsten, sagst Du. Und zwar gemeinschaftlich. Was
       bedeutet das für unsere Wirtschaft? 
       
       Herrmann: Momentan fehlen in Europa fast alle wichtigen Waffen, um uns zu
       verteidigen. Wir haben keine Drohnen, keine Abwehrdrohnen, kaum Raketen und
       Marschflugkörper und auch viel zu wenig Luftabwehr. Wir müssen also
       nachrüsten, was wir uns aber mühelos leisten können. Um es etwas zynisch
       auszudrücken: Unser Glück ist, dass Russland vergleichsweise arm ist. Die
       Nato muss gar nicht viel Geld aufwenden, um Putin abzuschrecken. Bis 2035
       sollen die [1][Wehretats auf 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen] –
       so viel hat man unter Willy Brandt auch in die Bundeswehr gesteckt.
       
       taz: Welche Deiner Thesen hat bisher den heftigsten Widerspruch ausgelöst? 
       
       Herrmann: Natürlich gibt es immer noch Menschen, die auf [2][Verhandlungen
       mit Putin] hoffen. Das kann ich verstehen, halte es aber für eine Illusion.
       Putin muss immer weiter Krieg führen, weil ein Frieden für ihn zu
       gefährlich wäre. Erst im Frieden würde sich zeigen, wie teuer der Krieg
       war. Die [3][Inflation wäre weiterhin hoch], und zudem wären Millionen
       arbeitslos, weil sie an der Front und in der [4][Rüstungsindustrie] nicht
       mehr gebraucht würden. Dieses Chaos will Putin nicht riskieren.
       
       5 May 2026
       
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