# taz.de -- Doku über Russland: Eine Gesellschaft, die in den Totalitarismus abgleitet
       
       > Julia Loktevs Dokumentarfilm „My Undesirable Friends: Part I“ begleitet
       > Frauen, die vor der Repression in Russland fliehen. Ihre Kamera ist immer
       > zugegen.
       
 (IMG) Bild: Olga Churakova in „My Undesirable Friends: Part I“
       
       Das Perfide am Unterdrückungssystem eines autoritären Staates ist nicht
       zwingend das, was passiert, sondern das, was jederzeit passieren könnte.
       Der Zustand der permanenten Angst und Ungewissheit ist das entscheidende
       Kontrollprinzip, nicht die letztendliche Ausführung. Als die russische
       Regierung im Jahr 2021 begann, neben Organisationen auch Einzelpersonen als
       ausländische Agenten einzustufen, fing sie nicht mit den bekanntesten
       Oppositionellen an, sondern mit einer willkürlichen Liste, die keine Logik
       aufwies. Die Botschaft war klar: Es kann jeden jederzeit treffen.
       
       Das dazugehörige Gesetz existiert bereits seit 2012, wurde aber nur auf
       wenige NGOs angewendet. Erst ab dem Sommer 2021 kamen unabhängige Medien
       und Journalist:innen hinzu. Meist am Freitagabend wurden die neuen
       Namen veröffentlicht. Einmal auf der Liste, müssen nicht nur alle
       persönlichen Ausgaben an den Staat übermittelt werden. Zudem müssen
       jegliche öffentlichen Äußerungen mit einer Erklärung versehen werden, die
       darauf hinweist, dass man als ausländischer Agent tätig ist. Das gilt nicht
       nur für publizistische Veröffentlichungen, sondern auch für banale Posts
       auf Instagram oder Facebook.
       
       Für die amerikanische Regisseurin Julia Loktev, die im damaligen Leningrad
       (heute St. Petersburg) geboren wurde und mit neun Jahren in die USA
       immigrierte, war das der Ausgangspunkt ihres [1][Dokumentarfilms „My
       Undesirable Friends: Part I – Last Air in Moscow]“, wie sie selbst erklärt:
       „Was mich an dieser Geschichte wirklich fesselte, war eine Gesellschaft,
       die begann, Menschen dazu zu zwingen, sich selbst als anders, als ‚nicht
       einer von uns‘ zu kennzeichnen – es war schwer, nicht an einen
       offensichtlichen historischen Präzedenzfall zu denken.“
       
       Herausgekommen ist ein rohes, unmittelbares und mit einer Spielzeit von
       fast 6 Stunden monumentales Zeitdokument, das eine Gesellschaft zeigt, die
       in den Totalitarismus abgleitet. Loktevs Film spielt in den letzten Wochen
       und Monaten, in denen noch so etwas wie eine unabhängige Zivilgesellschaft
       existierte, bevor Russland am 24. Februar 2022 seine Vollinvasion in der
       Ukraine begann. Alle Protagonistinnen (es werden ausschließlich Frauen
       begleitet) sind innerhalb einer Woche nach Kriegsbeginn aus dem Land
       geflohen. Insgesamt verließen seitdem über eine Million Menschen Russland.
       
       ## Ihr gesamtes Leben unter Putin
       
       Zu ihnen gehören auch die Mitarbeiter:innen des unabhängigen
       Fernsehkanals Rain TV, der mittlerweile von Amsterdam aus arbeitet. Über
       die Moderatorin Anna Nemzer, die auch als Co-Regisseurin des Films genannt
       wird, erhält Loktev Zugang zu einem Netzwerk unabhängiger Journalist:innen.
       Sie interessiert sich dabei weniger für ihre konkrete Arbeit als vielmehr
       für ihr alltägliches Leben.
       
       Die meisten ihrer Protagonistinnen gehören zur Gen Z und haben nahezu ihr
       gesamtes Leben unter Putin verbracht. Sie tauschen sich über ihr Guilty
       Pleasure, die Netflix-Serie „Emily in Paris“ aus, verspotten Putin als Lord
       Voldemort und wollen schlicht Teil der (westlichen) Welt sein. Einige von
       ihnen wurden bereits als ausländische Agentinnen eingestuft. Die Angst, wie
       andere Kolleg:innen verhaftet zu werden, ist allgegenwärtig.
       
       [2][Loktev, die zuletzt das Drama „The Loneliest Planet“ (2011)] mit Gael
       García Bernal drehte, verzichtet gänzlich auf Interviews oder
       Archivmaterial. Sie ist schlicht die Kamera, die immer und überall zugegen
       ist. Dabei verwendete sie ausschließlich ein iPhone. Eine so pragmatische
       wie kluge Entscheidung, da sie eine Intimität zulässt, wie sie mit einer
       professionellen Kamera (inklusive Filmteam) kaum möglich gewesen wäre.
       
       Es ist verblüffend, mit wie viel Humor und Standhaftigkeit die Frauen ihren
       Ängsten und der staatlichen Repression begegnen. Gemeinsam feiern sie
       Silvester und stoßen auf ein neues Jahr ohne Putin an. In einer Szene
       fragen sie Loktev, ob ihr bewusst sei, dass sie gerade in einem Raum stehe,
       der sehr wahrscheinlich verwanzt ist.
       
       ## Im Alleingang produziert, gefilmt und geschnitten
       
       In einer anderen wird darüber gewitzelt, welche Unterhose man am besten
       tragen sollte, wenn frühmorgens die Polizei anrückt. Sie sollte nicht zu
       aufreizend sein, aber auch keinen verlotterten Eindruck machen. Am Ende,
       als die Journalistin Ira Dolinina zusammen mit Kolleg:innen aus dem Land
       flüchtet, scherzt sie im Auto darüber, dass sie im Februar Sommerklamotten
       eingepackt hat. Schließlich habe sie keine Hoffnung mehr.
       
       Gleichzeitig tragen diese jungen Frauen ein bewundernswertes Maß an
       Verantwortung und auch Scham in sich. Bezeichnend dafür steht die damals
       erst 26-jährige Investigativjournalistin Alesya Marokhovskaya. Als am 24.
       Februar das passiert, von dem alle auch noch am Abend davor hofften, es
       würde nicht eintreten, richtet sie den Blick auf sich selbst:
       „Wahrscheinlich ist es unser aller Schuld. Wir haben 20 Jahre lang damit
       gelebt, und was wir getan haben, war nicht genug, um das zu verhindern.“
       
       Julia Loktev hat ihren Film nahezu im Alleingang produziert, gefilmt und
       geschnitten. Ihr ist ein eindringliches und erschütterndes Werk gelungen,
       das jene Menschen zeigt, die ihre Freiheit riskierten, um das Leben in
       diesem finsteren Land nur ein wenig erträglicher zu machen. Im Verlauf
       dieses Jahres soll der zweite Teil erscheinen. Der Titel lautet „My
       Undesirable Friends: Part II – Exile“.
       
       Mittlerweile leben alle Journalistinnen verstreut in Europa und den USA und
       versuchen weiterhin, über die Situation in Russland und den Krieg zu
       berichten. Und das ist vielleicht das Tröstlichste an der ganzen Tragik
       ihrer Geschichte: Sie können morgens aufstehen und einfach ihrer Arbeit
       nachgehen, ohne um ihr Leben zu fürchten.
       
       2 Apr 2026
       
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