# taz.de -- Nachruf auf einen Vierbeiner: Tschüss, Jack!
> Der Hund unseres Autors musste eingeschläfert werden. Dass es irgendwann
> so weit kommen würde, war allen klar. Doch nun fehlt die Familienseele.
(IMG) Bild: Jack jung
Eigentlich sollte es Jack gar nicht geben. Geplant war eine Katze. Sie hieß
Manni und wohnte sogar kurz bei uns. Doch dann kam alles anders. Im
November 2010 zog ein drei Monate alter Golden Retriever ein.
[1][Am Anfang kuschelte sich „der Köter“], wie wir ihn gerne nannten, in
jede Achselhöhle, rollte sich durch jede Pfütze, und seine Augen schienen
immer zu lachen. Um ihm beizubringen, draußen zu machen, feierten wir jeden
Haufen, der nicht im Haus landete. Und wie. Wir quietschten, lachten und
wälzten uns mit ihm vor Glück auf dem Boden, als hätte er etwas
Außerordentliches geleistet. Dafür bekam er dann Leckerlis. Eigentlich
bekam er für alles Leckerlis.
Es war schnell klar, dass Jack kein besonders anspruchsvoller Charakter
war. Er wollte im Grunde nur Nähe und Essen. Am besten gleichzeitig.
Menschen, die Angst vor Hunden hatten, verloren sie in seiner Gegenwart.
Jack war freundlich, sanft, ein bisschen unterwürfig und auf
unaufdringliche Weise selbstbewusst. Manchmal fragte ich mich, ob er über
das Leben mehr verstanden hatte als ich.
Mit ihm war alles so lebendig. Das Tapsen seiner Schritte, [2][sein Geruch
nach dem Regen] oder die Fellbüschel, die er überall hinterließ. Das
unaufgeregte Glück des Gewöhnlichen. Als ich meiner Mutter erzählte, dass
ich über Jack schreibe, sagte sie: „Oh Gott, die Familienseele.“
Auch schön: seine Art, Nähe zu organisieren. Er wollte immer mittendrin
sein, besonders wenn es nicht passte. Wenn es sich ergab, dass jemand neben
mir im Bett lag, dauerte es selten lange, bis Jack an der Tür stand. Dann
sprang er dazu und presste sich mit einer Selbstverständlichkeit zwischen
uns, die keine Diskussion zuließ. Es war schwer, ihm das übelzunehmen, denn
seine Eifersucht hatte nichts Aggressives, sie war so rührend.
Nähe war für ihn kein exklusives Gut. Er verteilte sie großzügig und
forderte sie dann auch ein. Ich erinnere mich gerne an das Bild, wie meine
Nichte Lovis ihn als Kissen beim Fernsehen benutzt hat. Ihr Kopf auf seinem
Bauch und er liegt da wie ein Möbelstück mit Herzschlag.
Es waren diese kleinen Routinen und Abläufe. Immer war jemand da, immer lag
jemand im Weg. Man wurde langsamer an bestimmten Stellen im Haus, weil man
diese weiße Stolperfalle erwartete. Und beim drüber Hinweggehen streichelte
man sie kurz mit dem Fuß oder beugte sich zum Kraulen runter.
Es begann unauffällig, 2020 oder so, und anfangs konnte man es noch gut
ignorieren. Jack brauchte einen Moment länger, um aufzustehen oder er
überlegte kurz, bevor er loslief. Dinge, die früher selbstverständlich
waren, bekamen plötzlich eine Vorlaufzeit. Irgendwann kam er nicht mehr
allein auf die Couch.
Dann sah er einen wartend an. Dann musste man ihn hochheben. Niemand wollte
es wahrhaben, aber er wurde langsam alt. Es ist zynische
Haustiermathematik: Jeder der sich einen Hund anschafft, muss früher oder
später auch den Zeitpunkt bestimmen, an dem er ihn verliert.
[3][Wir mussten ihn vor genau einem Jahr einschläfern lassen.] Jack war
fast 15. Die Diagnose war erstaunlich unspektakulär für das, was sie
bedeutete. Der Kehlkopf funktionierte nicht mehr richtig. Man könne das
operieren, sagte der Arzt, zumindest bei jungen, gesunden Hunden. Aber bei
Jack nicht mehr.
Die ganze Familie kam zusammen. Til und Jörg aus Aachen, Larissa aus
Düsseldorf, Uli, Lovis, Anne, Teresa, Elaine. Innerhalb weniger Tage saßen
wir alle im Elternhaus. Jack lag im Wohnzimmer oder auf der Terrasse. Wir
trugen ihn raus, damit er pinkeln konnte. Er war leicht geworden, als
fehlte schon etwas von ihm. Manchmal fraß er ein bisschen. Er röchelte,
hörte auf, begann wieder.
Nachts schlief ich auf der Couch neben ihm und hoffte, dass er friedlich
einschläft und nicht mehr aufwacht. Den Gefallen tat er uns nicht. Es war
so, wie es mir ein Freund prophezeit hatte: „Ihr werdet die Entscheidung
treffen und dann wird irgendwas passieren. Jack wird fressen, aufstehen,
hüpfen, laufen oder sonst was und ihr werdet denken, dass ihr einen Fehler
macht.“ „Das wird schlimm sein“, sagte er noch, „aber ihr macht keinen
Fehler.“
Den Satz verstand ich erst im Nachhinein. Es passierte genau das. Jack fraß
plötzlich ein paar Happen, stand auf, lief durch den Garten und kurz schien
er wieder der junge Hund von damals zu sein, der so gerne den
Schmetterlingen hinterherhüpfte. Mein Vater fragte dann: „Müssen wir das
jetzt wirklich tun?“
In der Mitte dieser Tage war Lovis da. Sie lief durch den Garten, lachte,
wie Kinder eben lachen, und legte sich halb auf Jack, als wäre nichts
anders als sonst. Sie begann seine Pfoten bunt anzumalen und davon Abdrücke
auf Papier zu machen.
Irgendwann schaute sie dabei auf und sagte einen schönen Satz: „Weißt du,
es gibt eine Welt, die ist so bunt wie der Himmel.“ Gott, ist dieser Satz
schön. „Gott, gibt es dich eigentlich? Und hast du im Himmel einen Platz
für Jack?“ Man wird sentimental, wenn Kinder einem das Paradies erklären.
Jack lag da und grunzte leise vor sich hin. Dieses Geräusch, das er immer
gemacht hatte, wenn es ihm gut ging.
Am nächsten Tag kam die Tierärztin. Jack lag auf der Terrasse und sie
kniete sich zu ihm. Sie untersuchte ihn kurz. „Es ist Zeit“, sagte sie.
Wir waren alle da. Mein Vater, meine Mutter, meine Geschwister, Teresa,
Elaine. Lovis küsste ihn.
Die Tierärztin bereitete die Spritzen vor. Zuerst das Beruhigungsmittel.
Jack wurde ruhiger, schwerer, sein Atem wurde gleichmäßiger. Dann setzte
sie die zweite Injektion direkt ins Herz.
Es ging schnell.
Wir saßen noch eine Weile bei ihm. Anne holte ein altes Betttuch und packte
ihn gut ein. Er sah ein bisschen aus, wie eine Oma mit Kopftuch. Seine
graue Nase schaute noch heraus. Wir beerdigten ihn mit seinem Napf, ein
paar Leckerlis und Blumen.
In den Tagen danach passierten kleine, unspektakuläre Dinge. Man wurde
automatisch langsamer, da wo der Hund immer lag und beim Vorbeigehen ließ
man Platz, wo keiner mehr war. Es dauerte eine Weile, bis der Körper
verstand, was der Kopf schon wusste. Kein Getrappel mehr, mit jedem Mal
Staubsaugen, verschwanden die Spuren, die er im Haus hinterlassen hatte,
ein kleines bisschen mehr. Sein Geruch verflog und aus jeder Ecke des
Hauses gähnte die Leere in den Raum.
Wusste er, dass er sterblich ist? Ich glaube, er brauchte davon nichts zu
wissen. Er wusste, dass wir ihn überall hin mitnehmen, raus in die Wälder,
zum Rumhängen im Café, an den Atlantik, in unser Leben. Und er wusste, dass
wir zueinander gehören.
Er wusste, er war sicher bei uns. Er kannte seinen Namen.
21 May 2026
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