# taz.de -- Vincent Kompany beim FC Bayern: Die Ein-Mann-Kulturrevolution
> Trainer Vincent Kompany hat die Wahrnehmung des FC Bayern grundlegend
> verändert. Seine Verdienste gehen weit über die Deutsche Meisterschaft
> hinaus.
(IMG) Bild: Mit Inbrunst: Vincent Kompany feiert seine zweite Deutsche Meisterschaft mit dem FC Bayern
Wer hätte das je für möglich gehalten? Der gehaltvollste
Antirassismusvortrag im deutschen Fußball ist in dieser Saison an der
Säbener Straße beim FC Bayern München zu hören gewesen. Der Rekordmeister,
der Verein der Privilegierten, der Großkopferten und alten Granden, wurde
wieder so furios in die Spur zurückgeführt von einem Trainer, der seine
persönliche Stärke insbesondere mit den reichlichen
Diskriminierungserfahrungen in Verbindung setzt, denen er als Schwarzer zu
trotzen hatte.
Dieser Verein, dessen Stolz und Identität auf seiner Unbeweglichkeit („Mia
san mia“) beruht, wird von einem Trainer angeleitet, der nicht nur
sportlich, sondern auch politisch progressiv denkt, mit Tiefenschärfe über
die besten Lösungen eines guten Miteinanders nachsinnt. Von einem, der
keine Lust auf hoeneßsche Selbstbeweihräucherung hat, dafür aber mit
Empathie und Wertschätzung für alle anderen auffällt.
Vincent Kompany ist so etwas wie eine Ein-Mann-Kulturrevolution bei Bayern
München. Und freilich ist er der Trainer dieser Bundesligasaison. Würde man
ihn nach dem besten Coach dieser Saison fragen, würde er vermutlich so sehr
über die Arbeit von Heidenheims Trainer Frank Schmidt, über die Kollegen
Manuel Baum und Julian Schuster aus Augsburg und Freiburg schwärmen, dass
man ihn gleich als Laudator bestellen wollte.
Was für ein Trainer! Auch Präsident Herbert Hainer, sein Vorgänger Uli
Hoeneß sowie Karl-Heinz Rummenigge sind begeistert von Kompany. Dessen Ego
braucht kaum Platz.
## Begeisternder Fußball
Vor zwei Jahren, als der Verein mit seinem behäbigen Fußball und dem nicht
wohl gelittenen Trainer Thomas Tuchel in eine schwere Krise schlitterte,
hätte eigentlich wie immer beim FC Bayern ein Nachfolgetrainer mit
allerhöchsten Verdiensten und unzähligen Titelgewinnen kommen sollen. Doch
wegen dramatisch schwindender Anziehungskraft und etlichen Absagen [1][ließ
sich der Klub auf das Experiment mit Kompany ein], der mit dem FC Burnley
in die Premier League auf- und gerade wieder abgestiegen war.
Schon in der ersten Saison begeisterte der FC Bayern mit seinem teils noch
etwas wilden Offensivspiel, mit hohem Pressing und vielen riskanten
Eins-gegen-eins-Duellen. Dem souveränen Gewinn der Deutschen Meisterschaft
folgt diese Saison eine noch souveränere Titelverteidigung. Nach
jahrelanger Erfolgslosigkeit stehen die Münchner gegen den VfB Stuttgart
wieder einmal in einem DFB-Pokalfinale.
Und in der Champions League führte man gemeinsam mit Paris St. Germain in
deren Stadion [2][das größte Spektakel im europäischen Fußball auf], das
lange in Erinnerung bleiben wird.
Die Verfeinerungs- und Entwicklungsprozesse auf dem Rasen unter der Regie
von Kompany zu verfolgen, ist schon eine wahre Freude. Was Kompany
vielleicht aber noch mehr auszeichnet, beschreibt dieser selbst als ein
Unvermögen. Nach dem knappen Ausscheiden gegen Paris St. Germain im
Rückspiel erklärte er wenige Minuten nach Abpfiff: „Ich habe nicht die
Fähigkeit, lange enttäuscht zu sein.“
## Gut verlieren lernen
An möglicherweise mitentscheidenden falschen Schiedsrichterentscheidungen
wollte er sich nicht aufhalten. Negative Energien haben bei Kompany keine
lange Überlebenszeit. Er überlegte schon, wie er bekannte, was sein Team
beim nächsten Mal besser machen könnte. Von ihm ist der Leitsatz bekannt,
dass er an Lösungen denke, nicht an Hindernisse.
Als guter Verlierer ist der FC Bayern München wahrlich nicht bekannt. Es
fehlt die Übung. Der Erfahrungsschatz und Umgang von Kompany mit
Niederlagen und sportlichen Existenzkämpfen kann den Verein und seine Fans
nur bereichern. Der Druck im Tabellenkeller sei mit einem
Champions-League-Halbfinale nicht vergleichbar, hob der Belgier etwa mit
Blick auf seinen Heidenheimer Kollegen Frank Schmidt hervor.
Die Lust am Kompetitiven, am Bessersein als die anderen, muss trotz aller
Besessenheit nicht mit einer Drecksackmentalität verknüpft sein. Kompany
zeigt nicht nur im Bayern-Kosmos interessante, noch wenig beleuchtete
Sphären auf. Das macht der 40-Jährige meist dezent. Er ist kein Prediger,
will niemand verprellen.
In entscheidenden Augenblicken scheut er sich aber nicht, Haltung zu
zeigen. Als José Mourinho, der Trainer von Benfica Lissabon, eine
rassistische Beleidigung von seinem Spieler Gianluca Prestianni gegen Real
Madrids Stürmer Vinicius Junior mit dessen Verhalten relativierte, erklärte
Kompany auch am Beispiel seiner eigenen Rassismuserfahrung, warum das nicht
geht. „Man darf den Charakter eines Menschen nicht abwerten, der über eine
Erfahrung klagt, die für ihn extrem schmerzhaft und sehr real ist. Es muss
etwas passieren, und das muss ernst genommen werden.“
## Doppelte Anstrengungen
Sein 12-minütiger Vortrag war anschaulich, klar, verurteilend und
brückenbauend gegenüber Mourinho und Prestianni zugleich. Ein wundersamer
Spagat der Verständigung.
Vincent Kompany hat einmal erzählt, als Elfjähriger den Entschluss gefasst
zu haben, doppelt so hart arbeiten zu wollen. Seine Mutter hatte ihm zuvor
gesagt, Menschen mit Migrationsgeschichte hätten es doppelt so schwer,
einen Job zu finden. Mit diesem Erfahrungshorizont konnte er auch das
Trainerinnendebüt in der Männer-Bundesliga von Marie-Louise Eta bei Union
Berlin so treffend einordnen.
Er sprach von einem „Schlüsselmoment“. Sie könne kleinen Mädchen als
Vorbild dienen, was für sie künftig möglich ist. Und zu ergänzen wäre, dass
Eta mit ihrer Pionierinnenkraft allen ein Vorbild sein kann. Ähnlich wie
Kompany [3][als erster schwarzer Trainer der Männer-Bundesliga] allen ein
Vorbild sein kann.
Vorzuwerfen ist dem FC-Bayern-Trainer nur eines, und das ist freilich keine
Kleinigkeit. Mit seinem Erfolg in München hat er die Liga wieder
unbeschreiblich langweilig werden lassen. Und wer die Entwicklung dieses
Teams verfolgt, kann nur wenig Hoffnung haben, dass sich daran so schnell
etwas ändern wird.
16 May 2026
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## AUTOREN
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