# taz.de -- Signal-Angriffe im Regierungsviertel: Wie viele Abgeordnete wurden abgefischt?
> Das Interesse nach dem Phishing-Angriff transparent aufzuklären, ist im
> Bundestag unterschiedlich groß. Opfer gibt es in allen Fraktionen – außer
> einer.
(IMG) Bild: Hat sich von Betrügern hinters Licht führen lassen: Julia Klöckner (CDU), Bundestagspräsidentin
Bundestags-Vize-Präsidentin Andrea Lindholz von der CSU hat es offenbar
noch nicht ganz verstanden. Sie forderte nach dem breiteren Bekanntwerden
der [1][Phishing-Angriffe über die App Signal] auf Politiker*innen und
weiteren Personen kurzerhand ein Verbot. Abgeordnete und Verwaltungen
sollten stattdessen vollständig auf den europäischen Messenger-Dienst Wire
umsteigen.
Sie hätte auch die Abschaffung von Telefonen fordern können, weil Betrüger
beim Enkeltrick häufig anrufen. Oder sie hätte sagen können: Wer keinen
Autounfall bauen will, soll am besten nicht Autofahren. Blöd ist halt, wenn
man seinen Autoschlüssel, sein Bankkonto oder eben seinen Messenger-Account
einem Betrüger oder gleich russischen Hackern zur Verfügung stellt und
[2][seit Februar kursierende] [3][behördliche Sicherheitshinweise] verpasst
hat.
Am Wochenende war bekannt geworden, dass mehrere hochrangige
Politiker:innen Opfer von Phishing-Angriffen wurden. Um Zugriff auf
ihre Adressbücher und Daten zu erhalten, verschickten die
Angreifer*innen [4][getarnt als „Signal Support“] eine Nachricht mit
der Aufforderung, eine PIN einzugeben beziehungsweise Links oder einen
QR-Code anzusteuern. Wird dem Folge geleistet, können die
Angreifer*innen nicht nur vorhandene Chats mitlesen, sondern sich auch
unter falscher Identität in internen Chat-Gruppen bewegen.
Signal selbst aber bleibt eine sichere und verschlüsselte App. Zwar hätte
der Dienst selbst [5][besser über laufende Angriffe informieren können oder
müssen], aber dennoch bleibt die Schwachstelle hier vor allem der Mensch –
oder im Gruppenchat des Bundestagspräsidiums eben: [6][Julia Klöckner
(CDU)], die sich von einer Nachricht des dubiosen „Signal Supports“ hinters
Licht hat führen lassen. Die Masche heißt „Social Engineering“ und setzt
gezielt auf Gutgläubigkeit der User.
Für die Angreifer dürften danach Klöckners Kontakte, Chats und der
Chatverlauf des Bundestagspräsidiums sichtbar gewesen sein und sogar die
Nachrichten der letzten 45 Tage. Über einen längeren Zeitraum werden die
Nachrichten bei Signal nicht lokal gespeichert. Klöckner ist ebenfalls Teil
des CDU-Präsidiums, das offenbar über Signal kommunizierte.
Deswegen könnten ebenfalls Chats mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU)
betroffen sein. Gut möglich also, dass im nächsten Wahlkampf sensible Infos
über hochrangige Politiker geleakt werden – wie es russische Stellen
bereits [7][beim Taurus-Leak] mit einem mitgeschnittenen Gespräch zweier
Bundeswehr-Offiziere über die Einsatzmöglichkeiten des Marschflugkörpers im
Ukraine-Krieg getan haben.
## Union bleibt intransparent
Das dicke Ende der Phishing-Kampagne könnte also durchaus noch kommen –
zumal insgesamt laut Behörden mindestens 300 Personen betroffen sein
sollen: darunter Journalist*innen, Diplomat*innen, Militärs und hochrangige
Beamt*innen
Die bekannten Betroffenen sind neben Klöckner und dem CDU-Präsidium und dem
Gruppenchat des Bundestagspräsidiums ebenfalls Bauministerin Verena Hubertz
(SPD) sowie Bildungsministerin Karin Prien (CDU).
Die Union bleibt auf taz-Anfrage äußerst intransparent darüber, welche
Abgeordneten und Mitarbeiter*innen der Fraktion auf den Trick
hereinfielen. Man äußere sich dazu grundsätzlich nicht, heißt es weiter von
einem Sprecher, man sensibilisiere aber fortlaufend und empfehle
Alternativen.
Wie viele Menschen genau betroffen sind, ist von außen also schwer
nachzuvollziehen – Putins Geheimdienste werden es am besten wissen. Zumal
Abgeordnete die Angelegenheit auch einfach für sich behalten könnten,
obwohl sie eigentlich verpflichtete wären, alle ihre Kontakte zu
informieren. Von einem Sprecher heißt es, dass bestimmte Infos von der
Fraktionsführung künftig nur noch auf „Wire“ geteilt würden – um die
Abgeordneten zu einem Umstieg zu bewegen.
Bei der SPD heißt es weiter, dass „einige wenige Abgeordnete“ betroffen
seien. Wie viele genau, wollte die Fraktion nicht mitteilen, ebenso wenig,
ob sämtliche Kontakte der Betroffenen informiert wurden. Auch hier setzt
man eher auf Intransparenz.
## Unter den Opfern auch Grüne und Linke
Bei den Grünen gebe es eine niedrige, einstellige Zahl von Betroffenen, wie
aus der Fraktion zu hören ist. Offiziell teilt die Fraktion allerdings
nicht mit, wer betroffen ist. Aber die erste parlamentarische
Geschäftsführerin, Irene Mihalic, sagte der taz, dass sie froh sei, dass
man zeitnah die eigene Fraktion gebrieft habe und die Sicherheitshinweise
vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und vom
Verfassungsschutz direkt an die Abgeordneten und Mitarbeiter weitergegeben
hätte.
Ebenso habe man alle empfohlenen Sicherheitsmaßnahmen durchgeführt und alle
Kontakte der Betroffenen informiert. „So konnte es gelingen, die Schäden
für unsere Abgeordneten und Mitarbeitenden eng zu begrenzen“, so Mihalic.
Grund zur Entwarnung gebe es laut Mihalic aber nicht: „Die laufenden
Angriffe und Phishingversuche gegen Nutzer des Messengerdienstes Signal
sind weiterhin sehr besorgniserregend. Sie zeigen einmal mehr, wie
aggressiv und unverhohlen Dienste autokratischer Staaten gegen unseren
Staat vorgehen.“
Aus Fraktionskreisen heißt es, dass die Grünen das Thema in den
Fachausschüssen des Bundestags in der nächsten Sitzungswoche noch einmal
auf der Tagesordnung setzen wollen. Auch im parlamentarischen
Kontrollgremium dürften die wiederholten Angriffe auf das Regierungsviertel
Thema sein.
Die Linksfraktion erklärte, das „einige wenige“ Abgeordnete betroffen seien
– auch hier ist die Rede von einer niedrigen, einstelligen Zahl. Alle
Betroffenen hätten sich am Leitfaden des BSI orientiert. Darüber hinaus
gebe es im Fraktionsbetrieb keine Phishing-Vorfälle und auf Dienstgeräten
sei die Nutzung von Messengern ohnehin untersagt.
Man nehme die Vorfälle sehr ernst und sensibilisiere weiter – „möglich
wurden diese Hacks nicht aufgrund technischer Schwachstellen beim Messenger
Signal selbst. Insofern erscheint fraglich, inwiefern ein möglicher Wechsel
zu einem anderen Dienst an der Ursache des Problems etwas ändert“, heißt es
von dort mit Blick auf den Lindholz-Vorschlag.
## AfD passt nicht ins Beuteschema
Nicht betroffen ist offenbar die extrem rechte AfD. Kaum jemand nutze in
der Fraktion Signal, heißt es von dort von mehreren Stellen. Fälle von
erfolgreichen Phishing-Angriffen seien nicht bekannt, heißt es auch
offiziell. Man verfolge aber die Entwicklung und rate bei der Verwendung
von Messengern zur Vorsicht.
Nach taz-Informationen nutzen aber zumindest Alice Weidel und Tino
Chrupalla ebenfalls Signal. Aus Kreisen der Fraktion heißt es, dass die
meisten AfD-Abgeordneten Whatsapp oder Telegram nutzen – das in Russland
entwickelte Telegram wiederum ist standardmäßig nicht vollständig
verschlüsselt.
Womöglich passt die AfD aber auch nicht in das Beuteschema: Die
Nachrichtendienste gehen weiter davon aus, dass die Angriffe aus Russland
kommen und nach Moskau [8][hat die AfD ohnehin einen guten Draht]. Ins Bild
passt: Inhaltlich wollte die AfD die Attacken auf taz-Anfrage nicht
bewerten, diesbezügliche Anfragen an Fraktion, Weidel und Chrupalla blieben
ohne Antwort.
Die Angriffe sind dabei nicht überstanden. Mittels erbeuteter Adressbücher,
Chatverläufe und Daten könnten sie sogar noch ausgeklügelter werden. So
könnten auch verwendete Spitznamen in Chats, tatsächliche private Termine
dabei helfen, weitere Kontaktpersonen zu täuschen. Das BSI spricht daher
weiter von „laufenden Cyberangriffen auf hochrangige Ziele aus Politik,
Militär und Diplomatie und Medien“ durch einen „wahrscheinlich staatlich
gesteuerten Cyberakteur“. Ausländische Nachrichtendienste nennen das Kind
auch beim Namen: Russland.
IT-Experten wie Dennis-Kenji Kipker gehen davon aus, dass die bisher
bekannten Fälle weiter nur die Spitze des Eisbergs sein dürften und
sprechen von mindestens 300 erfolgreiche Fällen. Sie schätzen, dass die
Dunkelziffer der Betroffenen noch deutlich höher liegen dürfte und halten
es für sehr wahrscheinlich, dass Russland dahinter steckt. Aus
Behördenkreisen wird die Größenordnung von 300 erfolgreichen Zugriffen in
etwa bestätigt.
Gefeit sind wenige vor solchen Angriffen: Einer der ersten prominenteren
Fälle war Arndt Freytag von Loringhoven, ein Ex-Vizepräsident des
Bundesnachrichtendienstes, der sogar ein Buch über russische Desinformation
geschrieben hat. Er hatte damals aufgeklärt, [9][alle Kontakte
angeschrieben und öffentlich gewarnt]. Nicht alle haben seine Warnungen
gehört.
30 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /FAQ-zum-Angriff-auf-Signal-Wie-du-pruefen-kannst-ob-du-betroffen-bist/!6174923
(DIR) [2] https://www.bsi.bund.de/DE/Themen/Unternehmen-und-Organisationen/Informationen-und-Empfehlungen/Empfehlungen-nach-Angriffszielen/Signal-Support/signal-support_node.html
(DIR) [3] https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/publikationen/DE/praevention_wirtschafts-und_wissenschaftsschutz/2026-02-06-gemeinsame-warnmitteilung-phishing.pdf?__blob=publicationFile&v=3
(DIR) [4] /Attacke-auf-Politiker-ueber-Signal/!6174013
(DIR) [5] https://www.spiegel.de/politik/signal-attacke-der-anbieter-der-messenger-app-hat-miserabel-reagiert-kommentar-a-4994b6ce-9323-4e51-b8af-9d12011cd5b3
(DIR) [6] https://www.spiegel.de/politik/deutschland/phishing-alarm-in-berliner-regierungsviertel-julia-kloeckner-opfer-des-signal-hacks-a-7f5fc795-d0c2-4325-b726-4109531270bc
(DIR) [7] /Cybersicherheitsexperte-zu-Taurus-Leak/!5993524
(DIR) [8] /AfD-Streit-um-Aussenpolitik-eskaliert/!6172816
(DIR) [9] https://www.n-tv.de/politik/Ex-BND-Mann-offenbart-wie-er-Opfer-der-Signal-Attacke-wurde-id30764612.html
## AUTOREN
(DIR) Gareth Joswig
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