# taz.de -- Transition in einer Frauenfreundschaft: „Männer können es besser machen“
       
       > Was macht Frauenfreundschaften aus? Und ist das übertragbar, wenn eine
       > Freundin in Transition geht? Christina Wolf und Henri Jakobs berichten.
       
 (IMG) Bild: Henri Maximilian Jakobs
       
       Aus Bekannten werden Freundinnen, aus Freundinnen beste Freundinnen, aus
       Vertrautheit tiefe Verbundenheit. Dann wird aus Frau Mann. Was verändert
       sich in einer Freundinnenschaft mit feministischem Konsens, wenn ein Teil
       in Transition geht? Fragt man Christina Wolf und Henri Maximilian Jakobs:
       wenig. „Ich erkenne jetzt keinen Unterschied mehr zu unserer Freundschaft
       von vor zwölf Jahren“, sagt Wolf. Sie lacht: „Wir sind noch dieselben – nur
       älter.“
       
       Doch der Weg dahin war nicht unanstrengend. Die Zeit rund um Jakobs
       Geschlechtsangleichung haben die Freund*innen dokumentiert. Im Podcast
       „Transformer“ des Bayrischen Rundfunks (BR) begleitet Wolf ihren besten
       Freund über sieben Episoden hinweg bei der Transition. Das Gespräch führen
       sie nun im Buch „All die brennenden Fragen“ fort.
       
       Alles beginnt 2009: Christina Wolf und der Musiker, Schauspieler und Autor
       Henri Jakobs lernen sich in München kennen, als Jakobs mit seiner Band beim
       BR auftritt, wo Wolf Moderatorin ist. Schnell entsteht eine enge
       Freundschaft. Rund sechs Jahre später offenbart Jakobs seiner inzwischen
       besten Freundin: Er fühlt sich als Mann und möchte seinen Körper
       entsprechend angleichen.
       
       „Ich habe mir damals viele Gedanken gemacht, wie ich es Leuten erklären
       soll und wie sie darauf reagieren werden“, erzählt Jakobs heute. Er trägt
       Schnäuzer und Brille, seine Arme sind volltätowiert. „Was ist, wenn die
       Person damit nicht umgehen kann oder will?“ Wolf konnte und wollte. Als
       Jakobs, in der Zwischenzeit von München nach Berlin gezogen, ihr auf
       Facebook schrieb: „Was wäre, wenn ich trans werden würde?“ habe sie
       geantwortet: „Ja, dann wäre es halt so.“ Und: „Ich muss mir jetzt dringend
       etwas zu essen machen.“
       
       ## Will ich einen Mann so nah an mir dran haben?
       
       Heute lachen die Freund*innen über ihre Unaufgeregtheit. Den Moment
       selbst habe sie nicht als besonders einschneidend erlebt, sagt Wolf. Erst
       im Nachhinein seien Zweifel aufgekommen: „Hätte ich eher merken müssen,
       dass Henri ein Mann ist? Ist das Konzept Beste Freundinnen über
       Geschlechter hinweg übertragbar? Will ich einen Mann so nah an mir dran
       haben? Werde ich in fünf Jahren noch so selbstverständlich über meine
       Periode sprechen können oder wird das komisch?“ Heute weiß die 34-Jährige:
       „Es waren lauter Quatschfragen, die ich mir gestellt habe.“
       
       Damals habe sie jedoch große Sorge gehabt, eine gemeinsame Ebene zu
       verlieren: „Dieses Selbstverständnis, das man durch Erfahrungen als
       weiblich gelesene Person teilt: Gewalterfahrungen, Diskriminierungen, ein
       Unsicherheitsgefühl, Solidarität untereinander.“ Hinzu kam: Sie habe Jakobs
       Freude über seine Männlichkeit nicht teilen können. Während sie
       Männlichkeit weiterhin als etwas latent Bedrohliches empfunden habe, sei er
       ihr sehr positiv und unvoreingenommen gegenübergetreten.
       
       Jakobs wirft ein: „Ich fand nicht das Konzept Männlichkeit per se toll. Was
       ich toll fand, war, dass ich mich nicht mehr ablehnen und alles an meinem
       Körper verachten musste.“ Heute würde er damit jedoch anders umgehen. Sein
       Blick auf Männlichkeit sei deutlich kritischer als noch vor zehn Jahren, so
       der Transmann. „Aber man wird da hineingeworfen und muss in so kurzer Zeit
       eine Sozialisation nachholen für die andere Männer ihr Leben lang Zeit
       hatten.“
       
       Zu Beginn bleibt vieles zwischen den Freund*innen unausgesprochen. Wolf
       habe in der Transitionszeit besonders sensibel sein wollen. „Ich wollte
       Henri nicht an die Zeit erinnern, in der er als Frau gelebt hat“, erzählt
       sie. Andere in Jakobs Umfeld waren nicht so einfühlsam: In der
       Transitionszeit, die er heute als „sehr anstrengend und fragil“ beschreibt,
       habe er schmerzhafte Reaktionen aushalten müssen, mit denen er nicht
       gerechnet hatte, berichtet er. Nur wenige Wochen vor seiner Operation
       trennte sich etwa seine langjährige Partnerin. Während sich vieles in
       Jakobs Leben verschiebt, bleibt eine Konstante: Die Freundschaft zu
       Christina Wolf.
       
       ## „Cis-Männer denken, dass alles, was eine Frau sagt, ein Angriff auf sie
       ist“
       
       In ihrer Beziehung habe sich wenig verändert, sind sich die Freund*innen
       einig. Wolf glaubt, weil ihr Freund nicht den „standard cis-Typen-Blick“
       habe. Jakobs stimmt zu: „Ich würde dir deine Erfahrungen und deine
       Wahrnehmung nie absprechen, cis-hetero-Typen schon. Sie denken, dass alles,
       was eine Frau sagt, ein Angriff auf sie ist.“
       
       Nur in der Außenwahrnehmung habe es Veränderungen gegeben, gegen die sich
       Wolf und Jakobs nicht hätten wehren können. Sie seien ständig als Paar
       gelesen oder gefragt worden, ob sie etwas miteinander haben. Wenn sie etwa
       einen Mietwagen abholten, sei der Schlüssel selbstverständlich ihm in die
       Hand gedrückt worden. In die Freundschaft habe Jakobs diese patriarchalen
       Muster und Verhaltensweisen nie hineingetragen, darauf habe er immer
       besonderen Wert gelegt.
       
       „Meine nicht-patriarchalen Verhaltensweisen sorgen bei vielen Heterofrauen
       für Irritation“, erzählt er. „Frauen haben internalisiert, dass ein Mann
       sich nicht so verhält“ – wohl auch in freundschaftlichen Beziehungen. Für
       Wolf ist Jakobs einer der wenigen Männer, denen sie „blind vertraut“. Bei
       ihren anderen Freundschaften mit Männern traue sie der ausschließlich
       platonischen Freundschaft nie ganz. „In unserer Beziehung spielt es auf
       eine andere Art eine Rolle, dass ich eine Frau bin“, sagt sie. „Auf eine
       Art, mit der ich mich wohlfühle.“
       
       Wie können Männer solche Beziehungen führen, auch ohne Transition? Jakobs
       lacht: „Therapie schadet nie.“ Jungen und Männer müsse beigebracht werden
       Gefühle zu benennen und zu besprechen, Männer müssten aufhören Frauen ihre
       Erfahrungen abzusprechen, lernen Verantwortung zu übernehmen, zu
       kommunizieren und Frauen nicht als Mutter- oder Therapieersatz zu sehen. Es
       müsse sich „richtig viel ändern“, sind sich die Freund*innen einig. „Und
       es darf nicht von den Frauen aus kommen!“, betont Jakobs.
       
       Ihre Freundschaft sei der Beweis dafür, dass andersgeschlechtliche
       Freundschaften auf Augenhöhe funktionieren, meint Wolf – und nicht nur,
       weil Jakobs ein Transmann ist. „Es ist eine Entscheidung, Frauen schlecht
       zu behandeln“, sagt dieser. „Und Männer können es besser machen.“
       
       14 May 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lilly Schröder
       
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