# taz.de -- Trans Rechte in Indien: Kontrolle statt Selbstbestimmung
       
       > Indien galt als Vorreiter bei den Rechten von trans Personen. Nun hat die
       > Regierung von Narendra Modi diesen Kurs trotz Protesten umgedreht.
       
 (IMG) Bild: Protest der Transgender-Community gegen ein im Parlament verabschiedeten Gesetz zur Änderung des Transgender-Rechtsgesetzes
       
       Indiens Parlament hat letzte Woche das bisherige Selbstbestimmungsrecht der
       geschlechtlichen Identität faktisch abgeschafft. Künftig soll darüber eine
       Prüfung durch ein medizinisches Gremium und einen Regierungsvertreter
       entscheiden, was Proteste auslöste. Betroffene fühlen sich bevormundet,
       sehen ihre Privatsphäre durch verpflichtende Untersuchungen verletzt und
       fürchten um ihre Rechte, zumal die trans Community nicht konsultiert wurde.
       
       Im Parlament beklagte der oppositionelle [1][Abgeordnete] [2][Derek
       O’Brien] (TMC) einen „fundamentalen Angriff auf verfassungsmäßige Rechte“.
       Die zivilgesellschaftliche [3][People’s Union for Civil Liberties (PUCL)]
       fordert eine Rücknahme der Gesetzesänderung. „Wir haben unser Recht auf
       Selbstidentifikation erkämpft – und jetzt wird es uns wieder genommen“,
       heißt es in Stellungnahmen von Aktivist:innen und Organisationen, die
       auf Rücknahme pochen. Die bekannte Performer:in und Aktivist:in
       [4][Sushant Divgikar] (Rani Ko-HE-Nur) warnt in einem Podcast vor den
       Folgen eines Gesetzes, das Identität wieder von außen definiert, „in einem
       Land, in dem trans Menschen weiterhin verspottet werden“. „Wenn der Oberste
       Gerichtshof und mein Land mir das Recht gegeben haben, eine
       gleichberechtigte Bürger:in zu sein – wer sind Sie, das infrage zu
       stellen?“
       
       Mit Blick auf die geplanten medizinischen Kontrollen fragt sie: „Warum
       beschäftigen sich Menschen damit, was sich zwischen meinen Beinen
       befindet?“ Es gäbe doch zahlreiche andere Probleme wie Arbeitslosigkeit und
       die Folgen des Irankriegs. Die sogenannte Reform stellt einen Bruch mit
       bisherigen Rechten dar: [5][2014] hatte der Oberste Gerichtshof
       Selbstidentifikation und ein drittes Geschlecht anerkannt. Das Gesetz von
       [6][2019] griff dies teilweise auf. „Diese Errungenschaften haben wir
       gefeiert – und jetzt werden sie wieder infrage gestellt“, sagt Divgikar,
       „es geht um eine Frage der Menschenrechte“, und nennt die Gesetzesänderung
       „völligen Unsinn“.
       
       „Dieser neue Gesetzentwurf stellt uns unter Strafe und missachtet unser
       Recht auf Existenz“, kritisiert die trans Aktivistin wie Akkai Padmashali
       gegenüber [7][Human Rights Watch]. Expert:innen warnen, die strengeren
       Regeln könnten Mediziner verunsichern und den Zugang zu
       geschlechtsangleichender Versorgung erschweren.
       
       ## Warum die Eile bei der Gesetzesänderung?
       
       Die IT-Fachkraft Soumya, die an Demonstrationen in der Hauptstadt Delhi
       teilnahm, kritisiert gegenüber der taz die Eile bei der Gesetzesänderung,
       die sie als „demütigende“ Entscheidung bezeichnet: „Innerhalb von zwei
       Tagen wurde der Gesetzentwurf in beiden Häusern eingebracht und
       verabschiedet – aber wo war die Notwendigkeit dafür?“
       
       Manche sehen die Reform im Kontext eines Rechtsrutsches unter der
       konservativen Regierung von Narendra Modi und kritisieren, dass Geschlecht
       über vermeintlich „traditionelle“ Kategorien wie [8][„Hijra“ und „Kinnar“]
       definiert wird. Das sind historisch gewachsene soziale Gemeinschaften von
       trans- und geschlechtsnonkonformen Personen in Südasien.
       
       Einige sehen auch eine „[9][Saffronisierung]“ und damit eine Ausrichtung an
       hindu-nationalistischen Vorstellungen, wie sie die Regierungspartei BJP von
       Modi stärker entlang traditionell-religiöser Normen umsetzt. Dabei könnten
       moderne, vielfältige Lebensrealitäten aus dem rechtlichen Rahmen gedrängt
       werden, warnen Kritiker:innen. So wurden zuletzt in einigen Bundesstaaten
       auch die Bedingungen für interreligiöse Eheschließungen verschärft. Die
       People’s Union for Civil Liberties warnt vor einer Rückkehr zu Gesetzen,
       die eher überwachen und bestrafen als schützen und an [10][koloniale
       Zeiten] erinnern.
       
       Manche ziehen auch Vergleiche zu Entwicklungen in den USA, wo in den
       letzten Jahren in mehreren Bundesstaaten Gesetze verabschiedet wurden, die
       Geschlecht wieder stärker biologisch definieren und den Zugang zu
       geschlechtsangleichender Versorgung einschränken.
       
       ## Trans Personen meist ohne entsprechende Dokumente
       
       Schätzungen zufolge leben in Indien etwa zwei Millionen trans Personen. Bei
       der letzten Volkszählung 2011 wurden 487.803 Personen dieser Gruppe
       erfasst. Laut Human Rights Watch besitzen bislang nur rund 32.500 von ihnen
       offizielle Identitätsdokumente, die Voraussetzung für den Zugang zu
       Sozialleistungen sind. Diese Lücke dürfte sich durch das neue Gesetz eher
       noch vergrößern.
       
       30 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://derekobrien.in/2026/03/27/gender-identity-now-to-be-decided-by-the-state/
 (DIR) [2] https://derekobrien.in/2026/03/27/gender-identity-now-to-be-decided-by-the-state/
 (DIR) [3] https://pucl.org/manage-press-stateme/pucl-statement-condemning-the-transgender-persons-protection-of-rights-amendment-bill-2026-as-unconstitutional-and-demanding-its-immediate-withdrawal/
 (DIR) [4] https://youtu.be/g5aSvJ1UVPw?si=ccNnzK8suBv5q_jZ&t=463
 (DIR) [5] /Drittes-Geschlecht-in-Indien/!5044201
 (DIR) [6] /LGBTQI-in-Indien/!5621015
 (DIR) [7] https://www.hrw.org/news/2026/03/26/indias-transgender-rights-bill-a-huge-setback
 (DIR) [8] https://scroll.in/article/662023/hijra-kothi-aravani-a-quick-guide-to-transgender-terminology
 (DIR) [9] https://thewire.in/lgbtqia/unconstitutional-brahminical-why-trans-persons-are-opposing-amendments-to-their-rights-law
 (DIR) [10] /Antifeminismus-aus-der-Kolonialzeit/!5916233
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Natalie Mayroth
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt LGBTQIA
 (DIR) Indien
 (DIR) Narendra Modi
 (DIR) Selbstbestimmung
 (DIR) Trans-Community
 (DIR) Transpersonen
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Bogenschießen
 (DIR) Indien
 (DIR) IG
 (DIR) Indien
 (DIR) Indien
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Bogenschießen ohne Arme und Beine: Para-Sportlerin Payal Nag gewinnt Gold
       
       Payal Nag hat die World Archery Para Series in Bangkok gewonnen. Die
       18-jährige Inderin könnte der nächste Para-Star werden.
       
 (DIR) Indiens Arbeitsmigranten unter Druck: „Manche überdenken ihre langfristigen Pläne“
       
       Millionen indischer Arbeitskräfte harren trotz Krieg weiter in den
       Golfstaaten aus. In ihrer Heimat wird unterdessen Kochgas knapp und Essen
       teuer.
       
 (DIR) Hasskampagne gegen transgender Community: Immer neue Attacken
       
       Pakistan wählt dieses Jahr. Der größte Aufreger: Ein bahnbrechendes Gesetz
       zum Schutz von trans Menschen, das nun wieder auf der Kippe steht.
       
 (DIR) Antifeminismus aus der Kolonialzeit: Erbfall Diskriminierung
       
       Viele Staaten übernahmen die Kriminalisierung von Homosexualität aus dem
       britischen Rechtssystem. Jetzt diskutiert Indien über die Ehe für alle.
       
 (DIR) Transgender in Indien: Die klügste Frau der Stadt
       
       In der Kindheit als Eunuch beschimpft, hofft Prerna auf göttliche
       Intervention. Später ließ sie sich zur Frau umwandeln. Jetzt geht es ihr
       gut.