# taz.de -- Kritik an sogenannten Geschlechtstests: Männlicher Vorteil
       
       > Das IOC verlangt von Sportlerinnen den Nachweis ihrer Weiblichkeit, sonst
       > werden sie vom Spitzensport ausgeschlossen. Daran gibt es Kritik.
       
 (IMG) Bild: Nur als Langstrecklerin eine Frau: Caster Semenya (l.), eigentlich 800-Meter-Läuferin, bei der 5.000-Meter-WM 2022
       
       Liest man sich die umfangreiche Erklärung durch, mit der das Internationale
       Olympische Komitee (IOC) in der vergangenen Woche seinen [1][Beschluss]
       begründet hat, sogenannte Geschlechtstests für Frauen wieder verbindlich
       einzuführen, hat man den Eindruck, das [2][IOC] habe nur den Willen aller
       Menschen, denen Sport etwas bedeutet, umgesetzt. „Die Richtlinie wurde mit
       einem athletenzentrierten Ansatz entwickelt, der die Menschenwürde, die
       physische und psychische Gesundheit und das Wohlbefinden sowie die
       Sicherheit der Athletinnen und Athleten in den Vordergrund stellt“, heißt
       es da. Es gehe dem IOC einzig darum, „Männern und Frauen gleichen Zugang
       zum Spitzensport zu ermöglichen“.
       
       Das ist tatsächlich die Begründung, warum Frauen ein
       „Weiblichkeitszertifikat“ abverlangt wird, wenn sie Spitzensport treiben
       wollen.
       
       Doch die Reaktionen sind nicht so eindeutig. Payoshni Mitra von der US-NGO
       „Humans of Sport“ attestiert dem IOC-Beschluss, es gehe nicht um Respekt.
       „Er schürt Misstrauen, zieht öffentliche Kritik auf sich und gefährdet
       ohnehin schon verletzliche Athletinnen“, sagte sie der [3][New York Times].
       „Diese brutale Sprache schützt nicht den Sport – sie kontrolliert den
       Körper von Frauen.“
       
       Dieselbe Zeitung befragte auch Eric Vilain, Humangenetiker an der
       University of California und bis 2017 IOC-Berater in diesen Fragen. „Ich
       hätte nichts dagegen, wenn sie sagen würden; wir sind eine private
       Organisation und wollen Transgender- und DSD-Athleten ausschließen, und wer
       damit nicht einverstanden ist, kann einen neuen Verband gründen, aber sie
       suchen nach Ausreden, um das zu rechtfertigen.“ Anders als das IOC
       behauptet, sei die wissenschaftliche Einschätzung in diesen Fragen
       „überhaupt nicht eindeutig“, so Vilain.
       
       ## Caster Semenya fordert zum Boykott auf
       
       Scharfe Kritik kommt von der südafrikanischen Olympiasiegerin [4][Caster
       Semenya]. Sie gehört wohl zu den zwei Gruppen von Frauen, denen das IOC
       künftig die Teilnahme an Olympischen Spielen verbietet. Neben trans
       Athletinnen gilt der Ausschluss auch für Frauen mit sogenannten DSD,
       Disorders of Sexual Development, übersetzt: Störungen der geschlechtlichen
       Entwicklung. Das ist eine Diagnose, die gemeinhin auf Semenya, die beste
       800-Meter-Läuferin der 2010er Jahre, angewandt wird.
       
       Bei den Weltmeisterschaften 2022 war ihr vom Weltleichtathletikverband der
       Start über die Mittelstrecke verboten worden; lediglich der Start über
       5.000 Meter wurde ihr gestattet. Sie fordert die Sportlerinnen auf, sich
       dem geforderten Geschlechtstest zu entziehen. „Ich werde sie ermutigen, das
       zu tun, um diesem Unsinn ein Ende zu setzen“, sagte Semenya zu Sky Sport
       News.
       
       Die 35-Jährige, die mittlerweile als Trainerin arbeitet, hatte vor dem
       [5][Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte] geklagt. Der stellte –
       nach einem vorherigen anderslautenden Urteil – fest, dass Semenya zwar
       nicht diskriminiert worden sei, aber auch „kein faires Verfahren erhalten“
       habe. Sie erhielt Schadensersatz in Höhe von 80.000 Euro.
       
       Die britische Organisation „DSDfamilies“ beklagt, dass der IOC-Beschluss
       nichts mit den aktuellen Standards der DSD-Betreuung zu tun hat, sondern
       „dieser schutzbedürftigen Minderheit vorhersehbaren und vermeidbaren
       Schaden zufügen“ kann, wie eine Sprecherin dem [6][Guardian] sagte. „Wir
       sind besorgt, dass die vorgeschlagenen Verfahren nicht immer das Maß an
       Verständnis, Würde und Respekt zeigen, das dieses Thema erfordert.“
       
       ## Test medizinisch gar nicht eindeutig
       
       Medizinisch und biologisch geleitete Kritik verweist darauf, dass die
       Tests, mit denen das IOC das SRY-Gen – „Sex-Determining Region Y“ – bei
       Sportlerinnen finden will, keinesfalls sicher oder eindeutig sind. Und
       zudem sei der vom IOC behauptete „männliche Vorteil“, der angeblich in
       einigen Disziplinen über 100 Prozent betragen soll, wissenschaftlich nicht
       bewiesen. „Es gibt keine überzeugenden direkten Beweise dafür, dass
       Athletinnen mit DSD im Sport Vorteile haben. Die wenigen vorhandenen Belege
       sind von äußerst geringer Qualität“, sagt Alun Williams, Professor für
       Sport- und Bewegungsgenomik in Manchester.
       
       Wenn es um trans Sportlerinnen geht, seien Gentests überflüssig. „Eine
       Kombination aus Dokumenten wie dem bei der Geburt registrierten Geschlecht,
       Aussagen von Personen, die die Athletinnen aus ihrer Kindheit kannten, und
       Befragungen der Athletinnen selbst würde diese zuverlässig identifizieren“,
       so Williams.
       
       In seinem Statement auf der Plattform [7][Science Media Centre] verweist
       Williams auch auf ethische Probleme. „Beispielsweise werden Athletinnen zur
       Teilnahme an den Gentests gezwungen, da die einzige Alternative darin
       besteht, ihre sportliche Karriere für immer zu beenden.“ Zudem könnten die
       Tests Informationen zu Tage fördern, die „potenziell lebensverändernd“
       seien, durchaus für manche Familien auch „devastating“, verheerend.
       
       29 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /IOC-fuehrt-Geschlechtertests-wieder-ein/!6162826
 (DIR) [2] https://www.olympics.com/ioc/news/international-olympic-committee-announces-new-policy-on-the-protection-of-the-female-women-s-category-in-olympic-sport
 (DIR) [3] https://www.nytimes.com/2026/03/26/world/olympics/ioc-transgender-athletes-ban.html
 (DIR) [4] /Caster-Semenya/!t5592014
 (DIR) [5] /Caster-Semenya/!6096284
 (DIR) [6] https://www.theguardian.com/sport/2026/mar/26/transgender-women-athletes-banned-from-female-events-at-olympics-by-ioc
 (DIR) [7] https://www.sciencemediacentre.org/expert-reaction-to-the-international-olympic-committee-ioc-announcing-new-policy-on-the-protection-of-the-female-womens-category-in-olympic-sport/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Martin Krauss
       
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       auf.