# taz.de -- Stagnation der deutschen Wirtschaft: Die Wirtschaft geht baden, wir auch
> Das Wachstum der deutschen Wirtschaft stirbt allmählich ab. Grund zur
> Panik? Nicht unbedingt, meint unser Autor.
(IMG) Bild: Bye, bye Handelsüberschuss. Hello Badespaß
Es gibt Momente, die kann man auf sich wirken lassen. In der
Bundespressekonferenz ereignete sich kürzlich ein solcher. Deutschland
müsse „sich an Nullwachstum gewöhnen“, [1][sagte Wirtschaftsforscher Timo
Wollmershäuser]. Wer will, mag das als epochalen Einschnitt verstehen.
Wollmershäuser, liberaler Ökonom des Münchner ifo Instituts, meinte es eher
als Warnung, vorgetragen anlässlich der neuen Gemeinschaftsdiagnose
führender Wirtschaftsinstitute zur Lage des Landes. Motto: Alle
Bürger:innen sollten sich jetzt mehr anstrengen, die Politik müsse es
den Unternehmen leichter machen, Geld zu verdienen. Sonst setze sich die
krisenhafte Stagnation der hiesigen Wirtschaft in den kommenden Jahren
fort.
Wie begründen die Institute ihren Befund? In ihrer Prognose bis 2030 sinkt
erstens das gesamte Arbeitsvolumen in Deutschland: Unter anderem, weil die
1960er Jahrgänge in Rente gehen, nimmt die Zahl der Arbeitskräfte ab; auch
die Arbeitszeit pro Kopf reduziert sich. Zweitens gibt es kaum noch
technischen Fortschritt, die Produktivität der Wirtschaft wächst nur
marginal. Das hat auch etwas damit zu tun, dass, drittens, vor allem die
Unternehmen nicht genug investieren.
Aus diesen Faktoren ergibt sich: Ende des Jahrzehnts soll das sogenannte
Produktionspotenzial, das Maß für ein inflationsfreies Wachstum, bei null
liegen. „Die niedrigeren Wachstumsraten der Gemeinschaftsdiagnose sind
nachvollziehbar“, sagt dazu Monika Schnitzer, die Vorsitzende der
Wirtschaftsweisen, die die Bundesregierung beraten.
## Katastrophe für die Wirtschaftsmacht Deutschland?
Das ist das Gegenbild der deutschen Erfolgsgeschichte der vergangenen 80
Jahre – eine erlahmende Gesellschaft, die weniger arbeitet, keinen
technischen Fortschritt hervorbringt, deren Wohlstand versiegt. Tschüss,
Wirtschaftsmacht Deutschland.
In der konservativen Sicht zum Beispiel von CDU und CSU wäre das eine
Katastrophe. Aber auch die meisten Sozialdemokrat:innen, Linken und Grünen
finden [2][Wirtschaftswachstum] notwendig, zumindest nützlich. Denn
permanenter Zuwachs hat viele Vorteile. Ein entscheidender: Wenn die
Einkommen und Vermögen jedes Jahr zunehmen, können die einflussreichsten
gesellschaftlichen Gruppen ihren Anteil vergrößern, ohne dass das Mehr auf
Kosten anderer geht. Die Gewinne der Unternehmen steigen und gleichzeitig
die Löhne der Beschäftigten. Wenn es rundläuft wie zwischen 2010 und 2020,
verbessert sich sogar die Situation der ärmsten Schichten der Bevölkerung.
Wachstum reduziert Verteilungsprobleme und stabilisiert demokratische
Gesellschaften.
Was dagegen bei Stagnation oder gar Schrumpfung passiert, sehen wir
momentan. Autokonzerne wehren sich dagegen, [3][Geld für Klimaschutz
ausgeben zu müssen]. Die Union findet den Sozialstaat zu teuer.
Verteilungskämpfe werden bissiger.
Auf die Diagnose „Wir müssen uns an Nullwachstum gewöhnen“ lässt sich
jedoch auch anders reagieren – hoffnungsfroh, angstfrei, kreativ,
nachdenklich oder pragmatisch. Unterschiedliche Analysen sind möglich,
verschiedene Wege denkbar.
## Der krankhafte Zwang zu wachsen
Ist Nullwachstum schlecht? Matthias Schmelzer, Historiker und
Wachstumstheoretiker der Universität Flensburg, sagt: „Wollmershäusers
Aussage beschreibt strukturelle Realitäten, die die Postwachstumsdebatte
seit Jahrzehnten thematisiert: Eine gesättigte, ressourcenintensive
Volkswirtschaft nähert sich ökologischen und demografischen Grenzen.“
Schmelzer hält eine Diskussion am Leben, die früher mal breiter war. Im
Zentrum steht die These, dass Marktwirtschaften wie die deutsche an einem
krankhaften Zwang zu wachsen leiden. Das ist ein durchaus nachvollziehbarer
Gedanke, wenn man die ökologischen Kosten unseres Wirtschaftsmodells
betrachtet. Zwar verursachen E-Autos beim Fahren kein klimaschädliches
Kohlendioxid, doch auch ihre Produktion erfordert eine zunehmende,
weltweite Ausbeutung natürlicher Rohstoffe.
Dagegen betont Schmelzer: „Nullwachstum des Produktionspotenzials bedeutet
nicht automatisch schlechtere Lebensbedingungen.“ Und er plädiert für eine
grundsätzlich andere Wirtschaftspolitik. Der Staat solle Hunderte
Milliarden Euro in „Gemeinwirtschaft, Stadtwerke, kommunale
Wohnungsgesellschaften und Energiegenossenschaften“ stecken, um „günstige
Mieten, stabile Energieversorgung und gute Nahversorgung“ zu erreichen. Und
wenn der in einem kleineren Teil der Gesellschaft vorhandene, überbordende
Reichtum gerechter verteilt würde, könnten auch alle weniger arbeiten.
Für manche Leute klingt das verheißungsvoll. Aber wie viele
Bundesbürger:innen wären bereit, auf den gewohnten Zuwachs des
materiellen Wohlstands zu verzichten? Konkret könnte das ja heißen: Ein
neues Auto ist zu teuer. Vielleicht sinkt auch die Rente. Das will kaum
jemand akzeptieren. Oder höchstens dann, wenn alle anderen gleichfalls
Opfer bringen – eine utopische Forderung. Doch Matthias Schmelzer bleibt
Optimist: Auch in einer langsamen Wirtschaft könne das Bruttoinlandsprodukt
ja noch ein bisschen weiterwachsen.
## Wohlstand pro Kopf steigt trotzdem
Zu einer anderen Herangehensweise rät Sebastian Dullien, der Chef des
gewerkschaftlich orientierten Instituts für Makroökonomie und
Konjunkturforschung (IMK). Er will der Null-Diagnose ihren Horror nehmen.
„Für die Lebensqualität in Deutschland ist ja nicht unbedingt das gesamte
Wirtschaftswachstum zentral, sondern die Entwicklung des
Bruttoinlandsprodukts pro Kopf“, sagt er. „Wenn die Zahl der Menschen, die
in Deutschland leben, sinkt, dann ist ein Potenzialwachstum von null nicht
unbedingt dramatisch, weil trotzdem der Wohlstand pro Kopf steigt.“
Und Dullien betont die wohltuenden Nebenwirkungen wachsenden Wohlstands:
„Historisch möchten Menschen mit steigendem Einkommen auch mehr Freizeit
genießen.“ Deutschland sei eines der Länder mit den besten
Lebensbedingungen weltweit. Was bleibe da noch zu wünschen? „Es ist nicht
verwunderlich, dass die Leute auch weniger arbeiten wollen als jene in
Ländern mit niedrigerem Wohlstand“, argumentiert Dullien.
Von der Globalisierung haben deutsche Unternehmen in den vergangenen
Jahrzehnten stark profitiert – billige Energie aus Russland, günstige
Konsumgüter aus China, lukrative Exporte dank weltweit sinkender Zölle.
Dieses „Wirtschaftsmodell funktioniert so nicht mehr“, sagt Florian
Schuster-Johnson. Der Ökonom des sozialdemokratisch orientierten Dezernats
Zukunft rät, „dass ein neues Modell weniger export- und dafür mehr
konsumorientiert sein sollte“ mit Schwerpunkten zum Beispiel auf heimischer
Bildung und Betreuung. Wobei ein Nachteil dieser Strategie darin liegen
könnte, dass der inländische, selbst der europäische Markt kleiner ist als
der Weltmarkt und weniger zu verteilende Profite abwirft.
Und wie ließe sich das Problem mangelnden technischen Fortschritts angehen?
Der Staat setze momentan oft die falschen Anreize, sagt Schuster-Johnson.
Steuerregeln und Subventionen machten es für Unternehmen eher attraktiv,
Kapital in Finanzanlagen im Ausland zu investieren als in Erfindungen und
neue Produkte. Eine Wirtschaftspolitik, die mehr Produktivität und damit
Wohlstand anstrebt, müsse das ändern.
## Mehr Kitaplätze, weniger Ehegattensplitting
Um die 1.400 Stunden arbeiten die Erwerbstätigen in Deutschland
durchschnittlich pro Jahr – deutlich weniger als in Frankreich, Schweden
und anderen reichen Staaten. Zu wenig? Zu solch einer allgemeinen Aussage
lässt Wirtschaftsweise Monika Schnitzer sich nicht hinreißen. Sie
argumentiert pragmatischer und differenzierter: „Es besteht durchaus
Potenzial in einer höheren Erwerbsbeteiligung und Arbeitszeit von Frauen,
wofür insbesondere Betreuungsinfrastruktur und steuerliche
Rahmenbedingungen entscheidend sind.“ Also mehr Kitaplätze und weniger
Ehegattensplitting.
Zudem sollten „im Steuer- und Transfersystem die Anreize zur Ausweitung der
Arbeitszeit verbessert werden, insbesondere im Bereich niedriger
Einkommen“, empfiehlt die Wirtschaftsprofessorin. Bewerkstelligen könnte
die Bundesregierung das beispielsweise, indem sie die Steuersätze für
kleine Verdienste reduzierte und Empfänger:innen der Grundsicherung
gestattete, mehr vom eigenen Lohn zu behalten, wenn sie einen zusätzlichen
Job annehmen.
Und Schnitzer plädiert auch für „eine stärkere Zuwanderung qualifizierter
Arbeitskräfte“. Offiziell beabsichtigt die Bundesregierung das ebenfalls,
wobei der CSU-Innenminister gleichzeitig Hunderttausende syrischer
Flüchtlinge loswerden will, von denen viele hier arbeiten. Die vergiftete
Atmosphäre und die widersprüchliche Einwanderungspolitik stehen der
Realisierung von Schnitzers Rat im Wege.
10 May 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Hannes Koch
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