# taz.de -- Gütesiegel für Plattform-Unternehmen: Lieferdienste an den Pranger
       
       > Die Linke Berlin schlägt eine Zertifizierung der Arbeitsbedingungen bei
       > Unternehmen wie Lieferando vor. Damit soll der Ausbeutung
       > entgegengetreten werden.
       
 (IMG) Bild: Lieferando-Kurier wartet mit seinem Fahrrad an der Kreuzung Invalidenstrasse
       
       Zu den Mindeststandards für faire Arbeit gehören eine angemessene
       Bezahlung, die zumindest den Mindestlohn sichert, [1][Arbeitsschutz] und
       Versicherungen, nachvollziehbare und rechtssichere Verträge oder
       Möglichkeiten der Mitbestimmung. Anhand dieser und weiterer Faktoren
       bewertet Fairwork, ein Projekt des Wissenschaftszentrums Berlin, schon seit
       mehreren Jahren Unternehmen der Plattformökonomie.
       
       Die [2][Ergebnisse der bislang letzten Untersuchung aus dem vergangenen
       Jahr] sind verheerend: Als Spitzenreiter erreicht Lieferando gerade einmal
       4 von 10 Punkten, die Mehrheit der Firmen von Bolt über Wolt bis Uber und
       Uber Eats gar keinen einzigen. Keines der Unternehmen konnte nachweisen,
       seinen Fahrer:innen existenzsichernde Löhne, ausreichenden Unfallschutz,
       geeignete Schutzausrüstung und Schulungen zu bieten.
       
       Am Dienstagmittag stellte die Linke um ihre Spitzenkandidatin Elif Eralp
       vor dem Roten Rathaus ihre Idee vor, die Zertifizierung der
       Plattform-Unternehmen künftig durch die Stadt vorzunehmen. „LieFair
       Berlin“, ein Gütersiegel für faire Lieferarbeit soll dabei den Kund:innen
       Orientierung bieten und dadurch dazu beitragen, den bis zu 15.000 Berliner
       Angestellten der Lieferplattformen bessere Arbeitsbedingungen zu bieten.
       Alle zwei Jahre sollen dafür Daten erhoben und das Siegel vergeben werden.
       Veröffentlicht werden dann auch jene Firmen, die die Anforderungen nicht
       erfüllen. Eralp fordert: „Die ausbeuterischen Verhältnisse sollen endlich
       aufhören.“
       
       [3][Betroffen sind vielfach Migrant:innen aus Südostasien, deren
       Aufenthaltsberechtigung an den Job gebunden ist] und die sich auch deshalb
       nur schwer gegen ihre Ausbeutung zur Wehr setzen können. Ein Hauptproblem
       für die Angestellten der Branche ist die Auslagerung ihrer Arbeit an
       Subunternehmen, zu mitunter vollends deregulierten Bedingungen, ohne
       Verträge, Versicherungen und mit Bargeldauszahlung, berechnet pro
       Lieferung.
       
       ## Subunternehmen als zentrales Problem
       
       Durch das Ausbreiten „schäbiger Subunternehmen“ habe es im Vergleich zur
       ersten Studie von 2021 „krasse Verschlechterungen“ gegeben, sagt Patrick
       Feuerstein von Fairwork. Arbeitsverträge, Unfallversicherung oder
       Lohnfortzahlung im Krankheitsfall seien längst keine Selbstverständlichkeit
       mehr. Deutschland stehe in Sachen Arbeitsbedingungen inzwischen selbst im
       Vergleich zu Indien relativ schlecht da, so Feuerstein.
       
       Doch ein Direktanstellungsgebot beim Mutterunternehmen, wie es etwa die
       organisierten Rider:innen vom Lieferando Workers Collective derzeit auch
       per Petition fordern, ist nur auf Bundesebene zu regeln. Zwar hat der Senat
       zuletzt angekündigt, [4][eine Bundesratsinitiative zu prüfen], aber weil
       vom Bund „nichts zu erwarten“ sei, wie Eralp sagt, müsse Berlin in Sachen
       „guter Arbeit“ selbst vorangehen – und könnte damit „bundesweit einen
       Standard setzen“.
       
       Was es dafür braucht, ist nicht viel: Mit einem einfachen Landesgesetz kann
       die Veröffentlichung der Ergebnisse geregelt werden. Viele der zu
       erhebenden Daten zu Tarifbindung und Mindestlohn, Transparenz bei der
       Vergütung, Arbeitssicherheit und Ausrüstung, Mitbestimmung sowie Umgang mit
       Algorithmen, die über Lohn und Einsatz entscheiden, gibt es schon. Maximal
       vier Mitarbeiterstellen beim Landesamt für Arbeitsschutz sollen notwendig
       sein, heißt es von der Linken. Das Projekt sei nach einer möglichen
       Regierungsbeteiligung nach der Abgeordnetenhauswahl im September schnell
       auf die Spur zu bringen.
       
       Im Ergebnis stünde dann ein „Anreiz für die Verbesserung der
       Arbeitsbedingungen“, so Eralp. Daran glaubt auch der arbeitspolitische
       Sprecher der Linksfraktion Damiano Valgolio: „Lieferdienste liefern an
       Endkunden und sind darauf angewiesen, dass ihr Image nicht beschädigt
       wird.“ Auch Feuerstein verweist darauf, dass Unternehmen angesichts ihres
       Berichtes durchaus reagieren und einzelne Verbesserungen umsetzen würden.
       Bei einer öffentlichen Ächtung soll es nach der Linken nicht bleiben: Ein
       zweiter Baustein sei eine Ausweitung der Kontrollen, so Valgolio.
       
       Auf eine Verbesserung der Zustände hofft auch Mo, Betriebsrat und Mitglied
       vom Lieferando Workers Collective. „Transparenz in der Branche ist sehr
       wichtig, auch für den Verbraucherschutz“, sagt er und: „So wie wir
       arbeiten, liefern wir auch.“ Ein Problem etwa sei, dass er seine
       Wechselkleidung, mitunter verschmutzte Altkleidung, in einer Tasche ohne
       extra Fach zusammen mit der Nahrung transportieren müsste: „Ich würde das
       Essen, was ich ausliefere, nicht selber essen, weil ich weiß, wie es in
       meinem Rucksack aussieht“, sagt er bei der Vorstellung der Initiative.
       
       Zuletzt habe Lieferando, angestachelt durch eine Politik der
       Bundesregierung und analog etwa zu Tesla, die Lohnfortzahlung für kranke
       Kolleg:innen nachträglich gestoppt und zwinge die Betroffenen damit vor
       Gericht, so Mo. Auch würden derzeit viele Führungskräfte nach Polen
       versetzt oder entlassen. Die Idee dahinter: ohne ansässigen Betrieb auch
       kein Betriebsrat. Es bleibt also viel zu tun.
       
       29 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Lieferdienste-im-Winter/!6150825
 (DIR) [2] https://fair.work/wp-content/uploads/sites/17/2025/07/Fairwork-Germany-Report-2025-DE.pdf
 (DIR) [3] /Doku-ueber-Lieferkuriere-aus-Suedasien/!6133821
 (DIR) [4] /Ausbeutung-in-der-Lieferbranche/!6160070
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Erik Peter
       
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