# taz.de -- Liebling der Massen: Es geht bergab
       
       > Wenn man nicht gleich weitermacht, ist die Fitness weg. Bei unserem Autor
       > geht nur noch Laufen am Mittag, zur sichtlichen Freude von Trinkern und
       > Junkies.
       
 (IMG) Bild: Hat den Schweinehund überwunden: der Jogger im Park
       
       Am Morgen gehe ich nie laufen, weil der für mich die beste Zeit zum
       Arbeiten ist. Da hab ich am meisten Schwung, da bin ich am kreativsten. So
       bis zwölf, halb eins versuche ich dann spätestens auf der Piste zu sein.
       
       Das ist eine gute Zeit. Der Park ist leer. Kaum [1][andere Läufer]. Außer
       mir sind da zu dieser Jahreszeit meist nur ein paar Trinker oder
       Drogensüchtige unterwegs. „Hopp, hopp, hopp“, spotten sie gutmütig, wenn
       ich an ihnen vorbeilaufe, oder: „Weiter so, Großer.“ Ein bisschen komme ich
       mir dabei verarscht vor. Soll ich wohl auch.
       
       Schreiber, Trinker und Junkies. Außer mir haben nur sie die Muße, um diese
       Uhrzeit zu flanieren. Falls man bei ihnen überhaupt von „Muße“ sprechen
       kann. Und von „flanieren“, angesichts dieses eigenartig zackigen Torkelns.
       
       Denn ebenso wie ich schon einen Gutteil meiner Arbeit verrichtet habe und
       nun zum rekreativen Part des Tages übergehe, haben ja auch die
       Drogensüchtigen ihren Kram fürs Erste erledigt. Weil, wenn du jetzt nicht
       zum Beispiel der Megakokser bist, der in einem fort Schnee nachschippen
       muss, bist du als Junkie ja nicht nonstop im Dienst. [2][Du hast dein Blech
       geraucht] oder deinen Saft geimpft, und hast dann erst mal eine Weile frei.
       Und kannst spazieren gehen.
       
       Alles ein bisschen zwiespältig 
       
       Ich sehe ihren Spott immer so ein bisschen zwiespältig. Einerseits freue
       ich mich ja, sie so munter zu erleben. Uns Spießer verhohnepipelnd,
       latschen sie hier durch die Gegend; da gefallen sie mir gleich viel besser,
       als wenn sie mit dünnen Stimmchen in der S-Bahn betteln, oder ich sie mir
       nachts frierend auf einem Pappkarton in einer zugigen Durchfahrt vorstelle.
       
       Hinter der in ihrer „Anfeuerung“ durchschimmernden Häme steckt die
       sichtliche Freude darüber, was für ein ächzendes Vollopfer vor ihren Augen
       über den Weg schnauft. Uncooler geht nicht. Das ist zu spüren. Bestimmt ist
       es gut für ihr Selbstwertgefühl, wenn sie die Arschkarte zur Abwechslung
       mal bei jemand anderem wähnen. Gern geschehen.
       
       Allzeit breit, das sieht in diesem Moment nach echtem Fun aus. Daher neide
       ich ihnen, glaube ich, gerade ein wenig die Freuden eines [3][ungehemmten
       Drogen- und Alkoholkonsums.] Andererseits ist es für mich sicher auch ganz
       schön, das etwas anders zu handhaben, weil es mir so wahrscheinlich einfach
       besser geht: gesundheitlich, seelisch, beruflich, sozial. Wie gesagt: alles
       ein bisschen zwiespältig.
       
       Bloß nicht hängen lassen 
       
       Vor allem fürchte ich, dass ich in meiner Aktivität nicht nachlassen darf,
       weil ich sonst sofort zu einer Art Sumpfwesen degeneriere. Wenn ich mich
       nur eine Woche hängen lasse, bin ich ganz schnell wie meine Drogenfreunde
       im Park.
       
       Das habe ich nämlich schon erlebt, beim Fußball. Nach einer eher harmlosen
       Verletzung legte ich eine längere Pause ein, dann kam noch eine Entzündung
       dazu, die Fitness war weg, und schon hab ich mental irgendwie komplett den
       Anschluss verloren. Ich bin nicht gleich wieder aufs Pferd gestiegen. Das
       war der Fehler.
       
       Dabei hab ich wirklich gern gespielt, ich hab das gebraucht, auch sozial.
       Aber die Vorstellung, da jetzt im Winter mit meinen fast hundert Jahren mit
       dem Fahrrad rauszufahren, es ist dunkel, nass, kalt, die Kontaktlinsen
       rein, kurze Hosen an, dann diese Sprints, die richtig wehtun, die
       Abschürfungen vom Kunstrasen, die in Magen, Eier und Gesicht geballerten
       Bälle, die Zweikämpfe, die jüngeren Mitspieler, danach drei Bier und im
       Graupelschauer mit dem Rad zurück.
       
       Ich kann das nicht mehr. Ich bin weich und alt geworden. Ein Sofajunkie,
       nur Laufen geht noch, wenigstens das. Ich kann mich an den Spielfeldrand
       stellen und die ehemaligen Mitspieler ein bisschen verhöhnen. „Weiter so,
       Großer!“ Das kann ich.
       
       29 Dec 2025
       
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