# taz.de -- Freiberufliches Schreiben: Klingeln, Auftrag, Honorar, Happi
       
       > Als Freischreiber bin ich voll konditioniert, wie ein Rabe, der mit
       > seinem Schnabel Türen öffnen kann. Manche finden das nerdig – etwa meine
       > Frau.
       
 (IMG) Bild: Rabe oder Krähe – Hauptsache klug und majestätisch
       
       Eigentlich wäre es mir lieber, die Zeitungsleute würden sich morgens früher
       melden, wenn sie was von mir wollen. Also bis zehn, und nicht erst nach
       elf, manchmal sogar halb zwölf. Da sitze ich nämlich schon seit acht an
       anderem Zeug, und mehr als drei Stunden konzentrierter Arbeit kann ich
       knicken.
       
       Im Bergwerk wäre ich daher eher nicht so gut aufgehoben. Spätestens um elf
       würde ich den Förderkorb zutage besteigen: „Nee, sorry, Leute, das reicht
       jetzt echt, und ich bin auch schon voll dreckig …“
       
       Erschwerend kommt hinzu, dass ich mir für jeden gelungenen Satz – und das
       sind, bei aller Bescheidenheit, nicht wenige – traditionell ein Sektchen
       genehmige. Als Freiberufler brauchst du einfach bestimmte Tricks und
       Routinen, um die eigene [1][Arbeitsmoral] hochzuhalten. Das begreifen die
       Bergwerksmenschen oft nicht; das ist ja eine komplett andere
       Berufsmentalität.
       
       Doch ich versteh’ natürlich, dass die Redaktion es erst bei allen anderen
       versucht, bevor sie bei mir anrufen. Weil letztlich ist das immer noch eine
       Tageszeitung und kein Clownspamphlet. Das sehe ich absolut ein. Als
       Redakteurin würde ich auch zuerst die richtigen Journalisten fragen, und
       bis klar ist, dass an dem Tag keiner kann, wird es schon mal später.
       
       ## Mein Gewehr ist die Tastatur
       
       Solange sitze ich am Schreibtisch wie ein Soldat im Schützengraben, der auf
       einen Einsatz wartet, der dann vielleicht einmal im Monat überhaupt kommt.
       Mein Gewehr ist die Tastatur, mein Magazin hat 26 Schuss plus Umlaute und
       Satzzeichen. Ratatatat. Ladehemmung kenne ich nicht.
       
       Ich bin, wie das die Verhaltensbiologie nennt, konditioniert: Mein Körper
       reagiert automatisch auf bestimmte Schlüsselreize. Sobald am Donnerstag um
       elf das Telefon klingelt, zeige ich schon so eine Art pawlowschen Reflex.
       Klingeln, Auftrag, Honorar, Happi. Ich beginne schon, zu recherchieren, ehe
       ich überhaupt weiß, worüber ich schreiben soll. Gleichzeitig läuft der
       Speichel.
       
       In der Beziehung bin ich wie so ein Rabe, der gelernt hat, auf ein
       Klingelzeichen hin mit seinem Schnabel ein Türchen zu öffnen, hinter dem
       sich Futter befindet.
       
       Raben finde ich ja toll. Also keine Krähen, sondern echte Kolkraben. „Der
       Rabe ist der klügste und schönste Vogel der Welt“, verkünde ich nonstop in
       so einem Mix aus Wikipedia und „BBC Earth“: „Er kann lesen, schreiben und
       singen. Und er wird hundertfünfzig Jahre alt.“ Ich wäre supergern ein Rabe.
       Dann wäre ich auch total klug.
       
       Meine Frau findet das unangenehm nerdig – ebenso wie, dass ich ihr verboten
       habe, die Hirschkühe immer Rehe zu nennen, wie so’n beklopptes Kind.
       Wauwau, Muhkuh, Reh. Jetzt ärgert sie mich die ganze Zeit, indem sie zu
       Raben extra Krähen sagt, und zu Krähen Raben.
       
       „Ach, wieder so 'ne Scheißkrähe“, sagt sie verschlagen, wenn ich im Wald
       fasziniert nach den majestätischen [2][Vögeln Ausschau halte], die übrigens
       im Schnitt drei bis sechs gefleckte Eier legen. Ihre spöttische Ignoranz
       bringt mich zuverlässig zur Weißglut – das ist im Grunde auch wieder so
       eine Klingel, die man bei mir bloß zu drücken braucht.
       
       Besonders originell finde ich das nicht. Es ist einfach nur niederträchtig,
       und allenfalls ein gradueller Unterschied zu Fieslingen, die herausgefunden
       haben, dass man andere Leute mobben kann, indem man ihnen ein Messer in den
       Rücken rammt. Toll, ganz toll. Glückwunsch für diese Sternstunde der
       Psychologie.
       
       Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, bitte keine Anfragen nach elf Uhr. Ich
       könnte ihnen das natürlich auch sagen, aber warum nicht stattdessen in
       diese Zeitung hereinschreiben? Vielleicht lesen sie die ja sogar, und das
       wäre dann viel eleganter. Dann haben sie es auch gleich schriftlich.
       
       10 Aug 2026
       
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