# taz.de -- Film „Rose“ mit Sandra Hüller: Ihres Blickes würdig
> Der Film „Rose“ erzählt von einer Frau, die im 17. Jahrhundert als Mann
> lebt. Eine Erzählung über die Tyrannei der Masse und über Unbeugsamkeit.
(IMG) Bild: Keine Angst voreinander: die Eheleute Suzanna (Caro Braun) und Rose (Sandra Hüller)
Sich gesehen zu wissen, kann Glück bedeuten: die eigene Wahrheit mit einem
anderen zu teilen – und in dessen Blick keinen Schrecken zu finden, sondern
ein Erkennen. Das Gesehenwerden ist ein grundlegendes Thema in Markus
Schleinzers asketischem Historienfilm „Rose“, mit Glück aber hat die
Geschichte um die gleichnamige Protagonistin zunächst einmal nichts zu tun.
Weder strebt Rose (Sandra Hüller) danach, als das erkannt zu werden, was
sie ist – im Gegenteil, sie ist gezwungen, es im Verborgenen zu halten –,
noch wagt sie es, in Kategorien wie dem Streben nach Glück zu denken. Die
Vorstellung, ein ordentliches Leben in einem gewissen Maß an Freiheit zu
führen, genügt.
Diese Freiheit hat sich Rose genommen, indem sie einst beschloss, als Mann
durch die Welt zu gehen. Allein sich diese Freiheit zu nehmen, kommt im 17.
Jahrhundert schon einer Lästerung Gottes gleich, zumindest aber einem
Frevel gegen die Ordnung und Gesetze derer, die sich auf ihn berufen.
Und wie gewaltsam sich um die Auslegung des Göttlichen ringen lässt,
bezeugt der [1][Dreißigjährige Krieg], während dessen sich die Handlung
ereignet. Markus Schleinzer und sein Kameramann Gerald Kerkletz rufen das
Schlachten allerdings nur in zwei Einstellungen ins Bild: ein dampfendes
Feld und darin versunkene Skelette. Mehr braucht es nicht, um zu begreifen.
## Schlicht, ernst und frömmelnd
Diese Reduktion auf das Wesentliche zieht sich durch das gesamte Werk und
ist poetischer Modus des [2][österreichischen Regisseurs und
Drehbuchautors, der hier erneut mit Alexander Brom („Angelo“)]
zusammenarbeitet. Kein Pathos, keine übermäßige Psychologisierung finden
sich in der für heutige Maßstäbe knappen Spielzeit von 93 Minuten. So steht
Rose zu Beginn vor einer protestantischen Gemeinde – und die Form des
schwarzweiß gedrehten Films spiegelt deren strengen Habitus wider:
Schlicht, ernst und frömmelnd dem Gebot des Notwendigen unterworfen sind
die Bewohner. Zu diesem Zeitpunkt hat Rose bereits Jahre in der Maskerade
verbracht.
Sie hat als Soldat dem Land gedient, wie sie den Fremden berichtet. Mehr
erfährt auch das Publikum nicht über sie – und weiß doch schon, dass eine
Figur von eigener Schwere vor ihm steht: Das Gesicht hat man ihr im Feld
zerschossen, Narben durchziehen eine Hälfte davon. Die dafür
verantwortliche Kugel trägt Rose seither an einer Kette um den Hals, sie
kaut bisweilen darauf. Ob es sich um eine Geste der Gedankenversunkenheit
oder des Trostes handelt, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Denn
Sandra Hüller trägt diese Uneindeutigkeit mit einer beeindruckenden Ruhe,
aus der nur selten innerliche Regung aufblitzt. Vor den Dorfbewohnern
stellt Rose eine Grobheit zur Schau, die sie überzeugend als Mann ausweist.
Mit tiefer Stimme und verkniffenem Ausdruck legt sie Papiere vor, die ihr
Recht auf das Erbe eines lange verlassenen Gutshofs belegen sollen, und
fügt eine Anekdote hinzu – dass hier in ihren Jugendjahren eine Kapelle
gebrannt habe –, um ihren Anspruch zu untermauern. Mit Erfolg.
## Stoische Beobachtung menschlicher Torheiten
Und weil Rose sich danach nicht nur als zähe und arbeitsame Gutsherrin
erweist, sondern durch das Töten eines Bären, und damit das Retten eines
Lebens, zudem zu Ansehen in der Gemeinde gelangt, trägt sie sich bald mit
dem Gedanken, sich zu vergrößern. Den angrenzenden Bach will sie vom
benachbarten Großbauern (Godehard Giese) erwerben. Der allerdings macht ihr
ein Angebot, das sie wohlweislich nicht einlösen kann: Rose, deren
männlicher Tarnname im Film nicht erwähnt wird, soll seine älteste Tochter
ehelichen. Dennoch wird sie zustimmen und Suzanna (Caro Braun) heiraten.
Es ist das einzige Moment, in dem sich die Erzählung in Richtung seiner
Protagonistin als warnende Lehre geriert. „Denn ist der Notwendigkeit
einmal Genüge getan, stellt sich gern der Wunsch ein nach Mehr. Die Gier
ist ein Rausch … und rechtfertigt sich allein und durch sich selbst“, sagt
die Erzählerin aus dem Off.
Was fast wie eine kapitalismuskritische Mahnung wirkt, fügt sich in die
stoische Beobachtung menschlicher Torheiten, die den Film durchzieht.
Marisa Growaldts ruhige, doch warme Stimme wirkt wissend, durchschaut, ohne
zu bemitleiden, aber ist nicht ohne Mitgefühl für die Tragik, die aus
diesen Torheiten erwächst.
Rose zögert den Vollzug der Ehe zunächst hinaus, doch auf Druck des
Schwiegervaters kommt sie ihren „Pflichten“ schließlich nach, mithilfe
eines umschnallbaren Horns, was der Film mit wohltuendem Gleichmut
beobachtet. Nichts gerät in „Rose“ zur Kuriosität, schon gar nicht seine
Protagonistin.
Auch dann nicht, als sie tatsächlich „Vater“ wird, freilich nicht durch
eine wundersame unbefleckte Empfängnis Suzannas, sondern durch ein schon
vor der Ehe gezeugtes Kind. Doch eine unglückliche Fügung, ein
verhängnisvoller Blick der Magd genügt, und das Misstrauen der Gemeinde ist
geweckt.
## Auch Leistung bringt keine Erlösung
Von da an verdeutlicht der Film verstörend klar die zerstörerische Kraft
der Vielen, die keine Abweichung duldet. Gerade eine Stunde ist vergangen,
als sich nachts die Menge vor dem gemeinsamen Hof zusammenzieht und von
Rose fordert, die Hose herunterzulassen.
Was folgt, ist eine Konfrontation, die weit über die Welt des Films
hinausweist. Denn statt zu gehorchen, führt Rose ihr eigenes Leben und
seine Leistungen gegen sie ins Feld: dass sie ihnen Lesen und Schreiben
beigebracht habe, dass sie nun Verträge verstehen könnten, dass sie ihr
Gesicht für das Land habe zerschießen lassen.
Einen bewegenden Augenblick lang hält die Menge inne. Rose hat ihre Regeln
erfüllt, gearbeitet, gelehrt, gedient und nur zu ihrem Vorteil beigetragen.
Die Antwort aber kommt, in Form einer obszönen Geste: Ein Mann tritt
hervor, entblößt sich, Gelächter – und es zählt nichts mehr davon. Ihre
Taten gelten nicht, weil sie nicht gelten dürfen. Diese Szene wirkt weniger
fern, als sie sollte: „Rose“ ist auch ein Film über
Geschlechterdifferenzen, die fortwirken – und über die Illusion, ihr allein
durch Leistung oder Anpassung zu entkommen.
## Unmöglichkeit ist nur ein Wort
Dabei bleibt es nicht. Was sich hier am Geschlecht entzündet, verweist auf
etwas Grundsätzlicheres, auf eine Feindschaft gegenüber dem Anderen selbst.
Und dieses Andere muss gestraft werden, daran lässt diese Welt keinen
Zweifel. Diese Erkenntnis ist niederschmetternd.
Dennoch ist „Rose“ kein niederschmetternder Film, denn Markus Schleinzer
beteiligt sich nicht an der Demütigung seiner Figur. Mit nüchterner
Konsequenz zeichnet er ihren letzten Weg nach, und schafft gerade dadurch,
Rose etwas Erhabenes zu verleihen. Etwas, das sich nicht aus Märtyrertum,
sondern etwas anderem speist: aus der Behauptung ihrer selbst im Akt der
Sprache.
Es ist kein Zufall, dass es die Tonspur ist – der Off-Kommentar und die
sphärischen „A-cappella“-Variationen der norwegisch-irischen Sängerin Tara
Nome Doyle –, die den Film bei aller Strenge ins Sakrale öffnet. Was sie
leisten, leistet auch Rose: Sie widersetzt sich nicht durch Tat, sondern
durch Artikulation.
„Sie hatte begonnen, sich selbst zu verfassen“, erklingt Marisa Growaldts
Stimme nach Roses Verurteilung. Indem Rose schreibt, entzieht sie sich für
einen Moment der irdischen Gemeinheit und behauptet sich gegen die Ordnung,
die sie tilgen will. Vielleicht bedeutet das Glück, sich gesehen zu wissen,
vor allem, dem eigenen Blick standzuhalten. So legt es dieses leise, doch
große Werk nahe und lässt seine Protagonistin am Ende ihre eigene Wahrheit
erkennen, ohne Schrecken, ohne Reue. „Rose“ ist kein Film, der erlöst, aber
ein Meisterstück über die Würde der Unbeugsamkeit im Angesicht der Tyrannei
der Masse.
28 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Arabella Wintermayr
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