# taz.de -- „Drei Schwestern“ am Berliner Ensemble: Der Raum wird immer unbehauster
       
       > Kein Platz für ausufernde Gespräche: Am Berliner Ensemble tanzen
       > Tschechows „Drei Schwestern“ gegen die Ausweglosigkeit des Lebens an.
       
 (IMG) Bild: „Drei Schwestern“: v.l. Tilo Nest, Martin Rentzsch, Bettina Hoppe, Constanze Becker, Jannik Mühlenweg, Lili Epply, Sebastian Zimmler
       
       Constanze Beckers Mascha sitzt auf dem schwarzen Sofa und pfeift gegen den
       Ennui an. Wenige Minuten später trifft sie Oberstleutnant Werschinin, wirft
       ihren Mantel über den Stuhl, setzt sich neben ihn und verkündet: „Ich
       bleibe zum Frühstück.“ Becker und Sebastian Zimmler sitzen in der Mitte der
       großen Bühne des Berliner Ensembles.
       
       Abgewandt vom Publikum beschreibt Mateja Koležnik Maschas und Werschinins
       Annäherung. Sie gibt Becker und Zimmler Figuren an die Hand, die körperlich
       aus sich heraus gehen dürfen, und so sieht man aus der Perspektive eines
       Voyeurs wie Beckers Knie unterm Tisch zielgerichtet Zimmlers Bein sucht.
       Die slowenische Regisseurin lässt in ihrer Interpretation von
       [1][Tschechows „Drei Schwestern“] die Schauspieler:innen immer mal
       wieder mit dem Rücken zum Publikum agieren. Man „erliest“ sich so in
       Hinterkopf, Nacken und Rücken die Gefühlslage der Figuren, während „vorne“
       die zwischenmenschlichen Zusammenstöße ablaufen.
       
       Anton Tschechow lässt sein Drama in einer Garnisonstadt des Zarenreiches
       spielen. Koleznik holt diesen Hintergrund in die Gegenwart, explizit
       verdeutlicht durch ein Telefonat eines Rekruten mit seiner Mutter, in dem
       er von der Verlegung der Brigade „ins Ausland“ berichtet. Bühnenbildner
       Klaus Grünberg stellt auf die Bühne Kasernenmobiliar – das einzige
       übriggebliebene bürgerliche Relikt ist das in Tschechows Regieanweisungen
       explizit erwähnte Sofa – und baut einen mausgrauen Raum, in dem Irina,
       Mascha, Olga und Andrej, die erwachsenen Kinder des verstorbenen
       Brigadegenerals Prosorow, über eine Treppe in ihre Privaträume auf dem
       Militärgelände gelangen.
       
       Gefeiert aber wird „unten“, nebenan die Rekruten, die an Militärkarten
       vorbei hetzen, Fernsehen schauen, saufen, sich prügeln und an Fasching die
       Schwestern sexuell belästigen. Vom ersten bis zum vierten Akt, von der
       Namenstagsfeier bis zum Abzug der Brigade, wird der Raum immer unbehauster.
       Irgendwann türmen sich Munitionskisten neben dem verloren herumstehenden
       Sofa. Am Ende des ersten Aktes gibt es auf dem Gelände einen Alarm, im
       dritten Akt Sirenengeheul, im vierten ertönen Tiefflieger-Geräusche und als
       Schlussakkord platziert Koležnik einen Bombeneinschlag. Realität auch in
       Tschechows südrussischer Geburtsstadt Taganrog, in der vor wenigen Tagen
       eine Drohnenfabrik von der ukrainischen Armee angegriffen wurde.
       
       ## Dialog als kurzer Schlagabtausch
       
       Das hier ist nicht mehr der Raum für ausufernde Gespräche, und so haben
       Koležnik und ihre Dramaturgin Amely Joana Haag den Text klug verschlankt.
       Das Philosophieren gibt es noch in Inseln, in der Regel aber ist der Dialog
       ein kurzer Schlagabtausch. Koležnik findet in den Tschechowschen
       Regieanweisungen das Überlebensventil der vier Geschwister: die Musik.
       Tschechow lässt sie pfeifen, summen, singen, Geige spielen.
       
       Im BE trägt Natascha (Marina Galic), Andrejs Frau, demonstrativ
       Plattenspieler und Schallplatten nach unten. Immer wieder dreht sie auch
       dort den Geschwistern den „Saft“ ab. Die drei Schwestern aber tanzen an
       gegen die Ausweglosigkeit ihres Lebens. Jannik Mühlenwegs Baron Tusenbach
       verzweifelt an seiner unerwiderten Liebe zu Irina. Lilly Epplys Irina
       schreit ihm ihre Unfähigkeit zu lieben hilflos entgegen. Bei Mateja
       Koleznik stirbt Tusenbach genau in dem Moment, in dem ihr kein einziges
       Wort des Abschieds einfällt.
       
       Mühlenwegs Körper hat dessen Hoffnungslosigkeit inhaliert bis in die letzte
       Faser. Sein Tusenbach geht los, um sich im Duell erschießen zu lassen.
       Irina, Mascha und Olga aber tanzen, bis die Bombe fällt.
       
       28 Apr 2026
       
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