# taz.de -- Großoffensive von Rebellen in Mali: Russischer Rückzug mit weißen Fahnen
> Islamisten und Tuareg führen in Mali landesweite Angriffe. Die Stadt
> Kidal im Norden ist gefallen, nahe der Hauptstadt Bamako wird heftig
> gekämpft.
(IMG) Bild: Kidal, Samstag: Kämpfer der Tuareg-Rebellenallianz FLA marschieren in die Stadt in Malis Saharawüste ein
In Mali haben aufständische Islamisten und Tuareg-Rebellen ihre größte
Offensive seit Jahren gestartet und der herrschenden Militärregierung ihre
bisher schwersten Niederlagen zugefügt. Koordinierte Angriffe der
radikalislamistischen [1][JNIM (Gruppe zur Verteidigung des Islams und der
Muslime)] und der Tuareg-Rebellenallianz [2][FLA (Front zur Befreiung von
Awazad)] erschüttern seit Samstag das ganze Land. Die Militärmachthaber
haben offenbar die Kontrolle über mehrere Ortschaften verloren.
Die erste Stoßrichtung der Großoffensive findet im Norden statt, wo die
Tuareg-Separatisten der FLA ihren Staat „Azawad“ wiederherstellen wollen.
Ihre Flaggen wehten am Sonntag über Kidal, der nördlichsten
Provinzhauptstadt in Mali tief in der Saharawüste. Kämpfer der FLA
besetzten am Samstag öffentliche Gebäude und zentrale Plätze der
Wüstenstadt, ebenso [3][den Palast des Gouverneurs El Hadj Ag Gamou], der
aus der Stadt floh.
Malis Regierungsarmee und die mit ihr dort stationierten Kämpfer des
russischen „Afrikakorps“, Nachfolgeorganisation der Wagner-Söldnertruppe,
zogen sich in die ehemalige UN-Militärbasis am Stadtrand zurück – „ein
kleines Widerstandsnest“, [4][erklärte die FLA am Samstagabend]. Sie
forderte Russland auf, „als internationaler Akteur Verantwortung zu
übernehmen und sein Engagement auf Seiten der Militärjunta von Bamako zu
überdenken“.
Die Russen beugten sich. In Verhandlungen erhielten sie am Sonntag früh
freies Geleit zum Rückzug aus Kidal nach Gao, die nächste Provinzhauptstadt
weiter südlich, von wo aus zunächst russische Kampfhubschrauber im Einsatz
gewesen waren. [5][Videos] am Sonntag zeigten den Abzug der Russen aus
Kidal im geordneten Militärkonvoi, weiße Flaggen an ihren Fahrzeugen
gehisst. Die malischen Regierungssoldaten ließen sie zurück. Die FLA
[6][erklärte am Sonntag], regierungstreue Tuareg aus der Armee würden sich
ihnen nun anschließen und die restlichen Regierungseinheiten würden
bombardiert. Auch die Militärbasis Bourem bei Gao fiel an die FLA.
## Kidal als Symbol, wer Nordmali kontrolliert
Auf einer zweiten Angriffsfront traten bereits am frühen Samstag
JNIM-Kämpfer in der Hauptstadt Bamako und ihrem Umland im Süden des Landes
in Aktion. In Kati bei Bamako, wo sich das Hauptquartier der Streitkräfte
befindet und die hohen Generäle des Landes wohnen, gab es schwere
Explosionen.
Mutmaßlich mit einer Autobombe wurde die Residenz von Verteidigungsminister
General Sadio Camara in Kati in die Luft gesprengt. Am Sonntag wurde sein
Tod bestätigt. Videos zeigten Kolonnen von Rebellenkämpfern auf
Pick-Up-Fahrzeugen auf den Straßen von Kati.
Vieles über das Ausmaß der Offensive rund um Bamako blieb zunächst unklar.
[7][Gerüchte über das Eindringen von Rebellen in Vororte der Hauptstadt]
blieben zunächst unbestätigt. Die wichtigsten Fernstraßen aus Bamako hinaus
wurden allerdings am Samstag von JNIM blockiert, wie schon mehrmals in der
Vergangenheit, und erst am Sonntag wieder freigegeben.
Die Behörden verhängten über Bamako und das Umland eine nächtliche
Ausgangssperre für zunächst 30 Tage. Angegriffen und geplündert wurde auch
der wichtige Militärstützpunkt Sévaré nordöstlich von Bamako, wo Malis
Streitkräfte Kampfdrohnen stationiert haben.
Regierungssprecher General Issa Ousmane Coulibaly hatte am Samstagabend
[8][in einer Erklärung] noch behauptet, die „komplexen und koordinierten“
Angriffe der „Terroristen“ in zahlreichen malischen Städten hätten
lediglich geringen Schaden sowie 16 Verletzte produziert und „in allen
betroffenen Ortschaften ist die Lage vollständig unter Kontrolle“.
Doch am Sonntag wurden neue heftige Kämpfe aus Kati gemeldet, und [9][der
Generalstab erklärte]: „Die Jagd auf die terroristischen bewaffneten
Gruppen dauert an.“ Die Streitkräfte, hieß es weiter, seien „engagiert und
entschlossen“. Kein Regierungsmitglied ist seit Beginn der Angriffe
öffentlich in Erscheinung getreten. Wo sich Malis Juntachef und Präsident
General Assimi Goita aufhält, blieb unklar.
## Allianz zwischen Tuareg und Islamisten
Die Allianz zwischen radikalen Islamisten und Tuareg-Rebellen in Mali ist
nicht neu. Bereits 2012 hatten Tuareg-Separatisten im Norden Malis den
[10][eigenen Staat Azawad] ausgerufen, der schnell unter Kontrolle
radikaler Islamisten fiel. Als diese ihr Einflussgebiet ausweiteten und
sich Anfang 2013 Bamako näherten, griff Frankreich mit Tausenden Soldaten
ein und eroberte Mali für die Regierung zurück. Die Islamisten wurden von
den Franzosen in der Wüste gejagt, mit den Tuareg schloss Malis neue
gewählte Regierung 2015 das Friedensabkommen von Algier, überwacht von
einer UN-Mission [11][mit Bundeswehrbeteiligung]. Es gewährte den drei
nordmalischen Regionen Gao, Kidal und Timbuktu Autonomie unter
Tuareg-Führung.
2020 putschte Malis Armee und nach einem zweiten Putsch 2021 kündigten die
neuen Machthaber unter General Assimi Goita das Abkommen auf. UNO und
Frankreich mussten gehen, Russland kam als neue Schutzmacht. Ende 2023
übernahm Malis Armee mit russischer Hilfe die Kontrolle über die
historische Tuareg-Hochburg Kidal – das sichtbarste Zeichen ihrer
Entschlossenheit, den malischen Zentralstaat auf dem gesamten Staatsgebiet
wiederherzustellen.
Bewaffnete Islamisten und in den Untergrund getriebene Tuareg verbündeten
sich daraufhin erneut. Die verbliebenen bewaffneten Tuareg-Gruppen
schlossen sich zur FLA zusammen, JNIM wird heute vom historischen
Tuareg-Rebellenführer [12][Iyad ag Ghali] angeführt und bestätigte in einer
Erklärung am Samstag die Zusammenarbeit mit der FLA „im Interesse der
Bevölkerung“. JNIM kämpft im Osten Malis außerdem gegen den noch
radikaleren „Islamischen Staat im Sahel“ (ISGS), der vor allem in Niger
basiert ist, und präsentiert sich als gemäßigtere Alternative zu den
IS-Dschihadisten.
Dass Kidal nun die erste neue Eroberung der malischen Rebellenallianz ist,
stellt nicht nur eine besonders schmachvolle Niederlage für Malis Generäle
dar. Es hat auch eine regionale Dimension. Der große Nachbar Algerien sah
sich als Schutzmacht das Abkommens von Algier, seine Aufkündigung durch die
Militärregierung gefiel Algeriens Regierung überhaupt nicht. Am 10. April
stellte sich Malis Militärregierung auch noch gegen Algerien im
Westsahara-Konflikt und erkannte anlässlich eines Besuchs von Marokkos
Außenminister in Bamako die Westsahara als Teil Marokkos an.
Manche Beobachter halten es jetzt für möglich, dass Algerien im Gegenzug
nun Mali offen destabilisiert. In Mali kursiert schon lange der Verdacht,
die von Algerien unterstützte Westsahara-Unabhängigkeitsbewegung Polisario
unterstützte die Tuareg-Unabhängigkeitsbewegung in Mali oder mache
Geschäfte mit islamistischen Rebellen.
26 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://en.wikipedia.org/wiki/Jama'at_Nusrat_al-Islam_wal-Muslimin
(DIR) [2] https://en.wikipedia.org/wiki/Azawad_Liberation_Front
(DIR) [3] https://x.com/BrantPhilip_/status/2047993050538942590
(DIR) [4] https://x.com/konate90/status/2048216117580009862
(DIR) [5] https://x.com/Djoudjou_Sako/status/2048338091144892892
(DIR) [6] https://x.com/MohmedRAMADANE/status/2048326413019709718
(DIR) [7] https://x.com/Wamaps_news/status/2047984970476511277
(DIR) [8] http://news.abamako.com/h/304737.html
(DIR) [9] https://x.com/casusbellii/status/2048389229999218822
(DIR) [10] https://en.wikipedia.org/wiki/Azawadian_declaration_of_independence
(DIR) [11] https://www.bundeswehr.de/de/meldungen/darum-zieht-die-bundeswehr-aus-mali-ab
(DIR) [12] https://en.wikipedia.org/wiki/Iyad_Ag_Ghali
## AUTOREN
(DIR) Dominic Johnson
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