# taz.de -- Wie Rechtsextreme Finnland regieren: Aufruhr im Land der Glückseligen
> Seit drei Jahren regiert die extrem rechte Perussuomalaiset in Finnland
> mit, schleift den Sozialstaat, diskriminiert Migranten. Doch Hoffnung
> ist in Sicht.
(IMG) Bild: Proteste gegen Riikka Purra im Mai 2025. Finnlands Finanzministerin setzt die Schere gern am Sozialstaat an
Glaubt man [1][dem „World Happiness Report“], lebt es sich in keinem Land
der Welt besser als in Finnland. Und das schon seit neun Jahren. Hier ist
unter anderem die relative Ungleichheit gering, die Lebenserwartung hoch,
und – anders als in vielen anderen, besonders auch westlichen Staaten – das
Vertrauen in die politischen Institutionen noch groß.
Noch. Seit genau drei Jahren sägt die rechtsgerichtete Regierung an einer
der Grundlagen für die finnische Glückseligkeit: dem Sozialstaat. Das Land
erlebt derzeit die strengsten Sparmaßnahmen seiner Geschichte, etwa bei den
staatlich finanzierten Medien und im Gesundheitswesen. Und besonders die
extrem rechte Partei Perussuomalaiset (PS), was grob mit Wahre Finnen
übersetzt werden kann, scheint darum bemüht, das Vertrauen der Menschen
ineinander zu erodieren.
Am 20. Juni 2023 wurde die Vierparteienregierungskoalition vereidigt.
Angeführt wird sie von der konservativen Nationalen Sammlungspartei, die
bei der Wahl mit 20,8 Prozent nur sehr knapp vor der PS (20,1 Prozent)
gelandet war. Kurz darauf, im Juli 2023, erschütterte ein Post auf der
Plattform X die finnische Öffentlichkeit. Jemand veröffentlichte alte
Screenshots aus dem Kommentarbereich eines Online-Blogs. „Wenn man mir eine
Waffe geben würde, gäbe es sogar in einem Nahverkehrszug Leichen“, schrieb
demnach im Jahr 2008 eine Nutzerin namens „riikka“. Sprach darin auf ein
„Migrationsproblem“ an, das Helsinki habe.
Die finnischen Medien stürzten sich auf das Thema. Nach mehreren Berichten
gab die frisch ernannte [2][Finanzministerin Riikka Purra] zu, hinter
Dutzenden rassistischen und gewaltverherrlichenden Beiträgen zu stehen, die
sie in ihren Dreißigern als Doktorandin an der Universität Turku verfasst
hatte. Mitte der 2010er Jahre stieg sie in die Politik ein und wurde 2021
zur Vorsitzenden der PS gewählt.
## Perussuomalaiset verschiebt den Diskurs
Auf den „Riikka“-Skandal folgte ein weiterer: Finnische Medien enthüllten,
dass Vilhelm Junnila, der neu gewählte Wirtschaftsminister von der PS, in
seinen Wahlkampagnen und in den sozialen Medien rassistische und
antisemitische Äußerungen getätigt hatte. Im Laufe der Jahre hatte er zudem
staatliche Unterstützung für eine Organisation beantragt, die finnischen
Waffen-SS-Soldaten huldigt.
Junnila trat nach elf Tagen zurück. Purra entschuldigte sich, blieb jedoch
im Amt. Auch die gerade erst neu gebildete [3][Regierung hielt].
Manuel Müller ist Politikwissenschaftler am Finnischen Institut für
Internationale Angelegenheiten. Er sagt, die rechtskonservative Regierung
habe eine Normalisierung von Rassismus und eine Verschiebung des
sogenannten „Overton-Fensters“ – also der Grenze des Sagbaren –
herbeigeführt.
„Das ist ihr wichtigstes Vermächtnis: Die Menschen reagieren nicht mehr
schockiert auf rassistische Aussagen von Politiker:innen. Die Regierung hat
die erste Rassismuskrise im Juli 2023 überstanden – heute erwartet niemand
mehr, dass sie deswegen stürzt.“
Nicht so explizit antidemokratisch wie die AfD, aber...
Die finnische PS sei durchaus mit der AfD vergleichbar, sagt Müller. Beide
seien extrem rechte Parteien, mit „ähnlichen politischen Schwerpunkten:
Migration, ‚Anti-woke‘-Rhetorik, Klimaleugnung, EU-Skepsis“. Jedoch
bestünden zwei zentrale Unterschiede: „Die Haltung der Parteien gegenüber
Russland und ihre Sicht auf das demokratische System im Allgemeinen.“
In Deutschland steht die AfD der Demokratie offen kritisch gegenüber. In
Finnland, sagt Müller, sei das Vertrauen der Menschen in das System so
groß, dass es den Rechts-außen-Akteur:innen schwerfalle, Misstrauen zu
säen.
Emilia Palonen, eine auf Populismus spezialisierte Politikwissenschaftlerin
der Universität Helsinki, sieht das anders. Zwar sei die PS nicht so
[4][explizit antidemokratisch wie die AfD], doch sie betrachte die Partei
als „gewissermaßen akzelerationistisch“. Durch die historisch drastischen
Kürzungen im Gesundheits- und Sozialwesen habe die Regierungskoalition um
die PS den finnischen Wohlfahrtsstaat innerhalb weniger Jahre erschüttert.
Die PS glaube, sagt Palonen, dass es ihr helfen könnte, in Zukunft an der
Macht zu bleiben, wenn Menschen politisch verwirrt und zunehmend enttäuscht
vom System seien. Indirekt untergrabe „der Abbau des Sozialstaats jedoch
auch [5][die liberale Demokratie].“
Auch im Umgang mit Russland gab es durchaus Parallelen zwischen PS und AfD.
Vor der russischen Invasion der Ukraine im Jahr 2022 sah die PS ihr
Nachbarland und dessen Präsidenten nicht ausschließlich negativ. Einige
PS-Mitglieder hielten Putin für einen starken Mann, der „traditionelle
Werte“ verteidigt.
So erklärte beispielsweise der PS-Abgeordnete Juho Eerola 2018, er sei
bereit, die illegal annektierte Krim als Teil Russlands anzuerkennen, und
dass die Ostukrainer lieber Teil Russlands als der Ukraine sein würden.
Sebastian Tynkkynen, ein derzeitiger Europaabgeordneter der PS, nahm 2016
sogar an einer russischen Propagandareise nach Twer teil, zwei Stunden
nordöstlich von Moskau.
Spätestens seit 2022 ist für die finnischen Wähler:innen aber jede
Beschwichtigung gegenüber dem Imperialisten im Osten ein sofortiges
Warnsignal und eine Frage des Gewissens, das sich aus historischen Traumata
speist. Mit dem Einmarsch in die Ukraine hat Russland die Perussuomalaiset
also im Grunde gezwungen, sich weiter von der AfD zu distanzieren. Im
Europäischen Parlament gehören die beiden Parteien unterschiedlichen
Fraktionen an.
Der politische Umgang mit der extremen Rechten in Finnland unterscheidet
sich ebenfalls von dem in Deutschland. Schon von 2015 bis 2017 war die PS
Teil einer rechtsgerichteten Regierungskoalition. Als dann 2017 radikale
Politiker in der Partei die Macht übernahmen, sprachen sich mehrere andere
Parteien, darunter die Konservativen, offen gegen eine Zusammenarbeit mit
der PS aus.
Damals stand im finnischen Parlament auch einst eine – wenn auch wackelige
und vor allem rhetorische – Brandmauer. Doch als Riikka Purra die Partei
als Vorsitzende übernahm, wurde die Partei gesellschaftlich akzeptabler und
die Mauer fiel.
## Was Deutschland aus Finnland lernen kann
Müller sagt, der finnische Umgang mit der extremen Rechten sei auf
historische Erfahrungen zurückzuführen. Aufgrund der Traumata des
Bürgerkriegs von 1918 und des Winterkriegs von 1939/40 bestehe die
finnische Tradition darin, Einheit anzustreben. „Auch während des Kalten
Krieges wollten die Finnen nicht, dass ideologische Differenzen ihre
Einheit spalten.“
Dies habe dazu geführt, dass man heute akzeptiert: Wenn sich die
Wähler:innen für die Perussuomalaiset entscheiden, hat diese Partei die
gleiche Legitimation, das finnische Volk zu vertreten, wie jede andere
Partei auch. „Die deutsche historische Erfahrung des Nationalsozialismus
lehrt hingegen, dass man den Wähler:innen nicht voll und ganz vertrauen
kann – und dass zum Schutz von Demokratie und Menschenwürde gewisse
Sicherheitsvorkehrungen erforderlich sind“, sagt Müller.
Politikwissenschaftlerin Emilia Palonen sagt, für die deutsche Politik
ließen sich auch einige Lehren aus der aktuellen Regierungsbeteiligung der
extremen Rechten in Finnland ziehen. Zum einen hätten die Konservativen
innerhalb der Regierungskoalition gänzlich aufgehört, sich um moralische
Fragen zu kümmern. Und auch ihre traditionell starken liberalen Flügel
hätten sich mittlerweile aufgelöst. Übrig bliebe ein pragmatischer Fokus
auf eine strenge Austeritäts- und gewerkschaftsfeindliche Politik.
Zudem habe ein Diskurswandel stattgefunden, sagt Palonen. Insbesondere in
der Migrationspolitik hätten [6][viele Parteien ähnliche Positionen wie die
extreme Rechte eingenommen]. Die Rhetorik der PS in Bezug auf Migration
habe gewissermaßen einen hegemonialen Status erreicht. Und die PS selbst
hätte sich in eine tonangebende Rolle innerhalb des rechten Spektrums
manövriert. Diese versuche sie – ähnlich wie die Fidesz-Partei in Ungarn
oder die AfD in Deutschland – über polarisierende Debatten zu sichern.
Aktuelle Wahlumfragen in Finnland lassen jedoch auf einen nahenden
politischen Richtungswechsel hoffen. Laut [7][der jüngsten Umfrage] der
größten finnischen Tageszeitung Helsingin Sanomat hat die PS einen großen
Teil ihrer Unterstützung eingebüßt. Aktuell würden demnach nur 13,6 Prozent
der Finn:innen für sie stimmen. Das wäre ein Drittel weniger als 2023.
„Den Populisten Macht zu geben und sie durch Enttäuschung der Wähler ihre
Unterstützung verlieren zu lassen, hat in Finnland einigermaßen
funktioniert“, sagt Manuel Müller. Besonders die desaströse wirtschaftliche
Lage in Finnland habe den Regierungsparteien in den Umfragen schwer
zugesetzt.
Linke Parteien, welche die Sparpolitik der Regierung und die diskursive
Vormachtstellung der extremen Rechten infrage stellen, haben folglich
zuletzt erheblich an Unterstützung gewonnen. Laut Helsingin Sanomat lägen
die Sozialdemokraten derzeit mit 24,1 Prozent vorn, die Linksallianz stünde
bei 11,2 Prozent – mehr als bei jeder Parlamentswahl seit 1999. Die
nächsten Wahlen finden im April 2027 statt.
20 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://data.worldhappiness.report/table
(DIR) [2] /Finnlands-Rechte-vor-dem-Mitregieren/!5941380
(DIR) [3] /Rassistische-Aeusserungen-in-Finnland/!5954920
(DIR) [4] /AfD-und-CDU-streichen-Foerdergelder/!6183111
(DIR) [5] /Denkerinnen-zur-Krise-der-Demokratie/!6165833
(DIR) [6] /Konservativ-rechte-Regierung/!5986794
(DIR) [7] https://www.hs.fi/politiikka/art-2000012080291.html
## AUTOREN
(DIR) Juho Pitkänen
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