# taz.de -- Alternative Klimakonferenz: Wenn es um das Wie geht, statt um das Ob
> Um den Klimawandel zu stoppen, muss der Ausstieg aus den Fossilen
> gelingen. Wie, das diskutierte in Santa Marta eine Koalition der
> Willigen. Erfolgreich?
(IMG) Bild: Besonders vom Klimawandel betroffen: Vanuatu. Die nächste Konferenz zum Ausstieg aus fossilen Energieträgern findet hier statt
Selbst wenn Ralph Regenvanu abends mit einer Bierdose in der Hand am Strand
sitzt, sind die Verhandlungen noch nicht vorbei. „Sie müssen Panama an Bord
bekommen!“, ruft er einer vorbeigehenden Frau zu, die für eine NGO
arbeitet. Ralph Regenvanu ist Energieminister [1][des pazifischen
Inselstaats Vanuatu] und hat einen langen Konferenztag hinter sich.
Gemeinsam mit Vertretern von 56 Ländern debattiert er in der letzten
Aprilwoche im kolumbianischen Santa Marta die Abkehr von den fossilen
Energien. [2][Es ist der erste globale Gipfel mit diesem Ziel] – ein
Hoffnungsmoment, meinen manche. Vielleicht endlich eine Klimakonferenz, die
echten Fortschritt bringt?
Regenvanu sitzt in dunklem Anzug auf einem Plastikstuhl, dessen Beine schon
ein gutes Stück im Strand versunken sind. Feierabend hat er nicht. „Hier
spielt sich das Wichtigste ab, auf Seitenveranstaltungen“, sagt Regenvanu.
Nach dem heißen Tag ist in Santa Marta abends endlich der Hauch einer Brise
zu spüren, das Meer rauscht. Auf den Stehtischen am Hotelstrand liegen
Reste frittierter Häppchen: Kochbanane, mit Käse gefülltes Maniokpüree,
Würstchen. Drumherum stehen Staatsvertreter:innen verschiedener Länder
der Welt und Mitarbeitende von Umwelt-NGOs mit Cocktails in der Hand.
Manche haben die hochhackigen Schuhe ausgezogen und graben ihre Zehen in
den Karibiksand.
## Die USA wurden nicht eingeladen
Santa Marta ist ein kolumbianischer Urlaubsort, hinter dem sich ein
bewaldetes Gebirge erhebt, wo Jaguare Schutz finden. Santa Marta ist aber
auch der größte Kohlehafen Kolumbiens. Das Land gehört zu den fünf
wichtigsten Steinkohleexporteuren der Welt. Für die erste internationale
Konferenz zum Ausstieg aus fossilen Energieträgern TAFF (Transitioning Away
from Fossil Fuels) ist diese symbolische Kulisse bewusst gewählt. Beides
ist in Sichtweite: die paradiesische, schützenswerte Natur – und [3][eine
Industrie, die sie existenziell bedroht.]
Die Konferenz, die hier vom 24. bis zum 29. April stattfindet,
unterscheidet sich von allen globalen Klimakonferenzen bisher. Denn hier
trifft sich eine Koalition der Willigen. Eingeladen wurden nur Länder, die
sich einig sind, dass es beim Ausstieg aus den fossilen Energieträgern
vorangehen muss. Die Golfstaaten standen nicht auf der Liste, auch die USA
wurden nicht eingeladen. Für Deutschland ist Umweltstaatssekretär Jochen
Flasbarth von der SPD vor Ort.
Die TAFF-Konferenz ist auch die Antwort auf eine Niederlage. Auf der
letzten UN-Klimakonferenz in Belém scheiterte ein konkreter Fahrplan zum
Ausstieg. 83 Staaten wollten ihn, das ist etwas weniger als die Hälfte
aller Staaten, die an der Konferenz teilnahmen. Unter anderem die Ölstaaten
blockieren seit Jahren Fortschritte auf den großen UN-Klimakonferenzen.
Vor allem auch deshalb kommt die Klimadiplomatie nur im Schneckentempo
voran, während sich die Erderhitzung immer weiter beschleunigt. In Santa
Marta sollen nun keine Klimaziele mehr debattiert werden, sondern ihre
Umsetzung. Das Wie, das dringend auf das Was folgen muss.
Regenvanu läuft zu Konferenzbeginn beschwingt durch die Lobby eines hoch
klimatisierten Hotels, den obersten Knopf des Hemdes offen. In Santa Marta
sind es tagsüber 38 Grad ohne Schatten, Taxis, Konferenzräume und Hotels
werden oft 15 Grad gekühlt. Kälte ist längst zum Statussymbol geworden.
Regenvanu hat durch die Anreise zwei schlaflose Nächte hinter sich, die man
ihm nicht ansieht. „Ich bin hoffnungsvoll. Ohne die Blockiererstaaten
können wir vieles bewegen“, sagt er. „Auf den UN-Klimakonferenzen stecken
wir jedes Mal in derselben Situation gegen dieselben Länder fest.“
Ralph Regenvanu ist nicht nur Energieminister. Sein kompletter Titel
lautet: Minister für Klimawandel, Anpassung, Meteorologie und Georisiken,
Energie, Umwelt und Katastrophenrisikomanagement. Das sagt einiges über die
Situation in seinem Land.
Als Regenvanu ein Kind war, gab es auf Vanuatu, einem Inselstaat mit
330.000 Einwohner:innen, noch Jahreszeiten. Eine kühle, trockene Jahreszeit
und eine heiße, feuchte. Doch das Muster gibt es nicht mehr. Dafür
extremeren Regen, stärkere und häufigere Zyklone. Ganze Gegenden im
Tiefland sind unbewohnbar geworden. Das Grundwasser ist versalzt, das
Trinkwasser wird knapp.
Gegenüber den anderen pazifischen Inselstaaten hat Vanuatu dennoch einen
Vorteil: Es liegt deutlich höher. „Unsere niedrigen Teile werden
verschwinden – aber wir können noch in die Berge ziehen, wo unsere
Vorfahren vor der Kolonialisierung und Christianisierung lebten.“ Der Umzug
hat schon begonnen. Den flacheren Nachbarstaaten um Vanuatu herum droht der
Untergang.
Er habe genug vom Gerede auf Konferenzen. „Ich will Handlungen sehen“, sagt
Regenvanu, „Verbindlichkeit!“ Er sucht nach Wegen, internationale Abkommen
zu schaffen, die einklagbar sind. Deswegen setzt er sich für einen fossil
fuel treaty ein, einen international rechtsverbindlichen Vertrag über das
Nichtverbreiten fossiler Brennstoffe. Mit diesem Instrument könnte der
Ausstieg global festgemacht und koordiniert werden. Und es wäre möglich,
gegen Verstöße zu klagen.
Nach dem Eröffnungsplenum nimmt Regenvanu die Treppen, versucht sich
durchzufragen zu Saal 3, Thema hier: „Governance Gaps“, Steuerungslücken.
Ein leerer, fensterloser Raum mit schreiend buntem Teppich und Stuhlkreis.
„Interessantes Format. In Kreisen herumsitzen“, murmelt Regenvanu. Die
Klimaanlage röhrt. Er wartet mit seinem Laptop im Konferenzstoffbeutel
lieber draußen, bis die anderen Minister:innen eintreffen. Wird es am
Ende doch wieder nur Gerede? Ein bisschen nervös sei er schon, sagt er.
Unter den 1.500 Menschen die nach Santa Marta gekommen sind, sind auch
viele Aktivist*innen. Einige von ihnen haben während der Konferenz den
Eingang zum [4][Kohlehafen der Firma Drummond blockiert]. Kolumbien ist
immer noch ein wichtiger Kohlestaat, auch wenn Gustavo Petro, Kolumbiens
erster linker Präsident, international als Klimakämpfer gilt, weil seine
Regierung den Ausbau der Fossilen im Land stoppen will.
Die Protestierenden im Kohlehafen trugen Tiermasken. Eine von ihnen ist
Xananine Calvillo. Sie hatte sich die Maske eines Kojoten aufgesetzt, eines
bedrohten Tiers ihrer Heimat.
Calvillo ist 25 Jahre alt und kommt aus Mexiko. Sie gehört der Gruppe der
Ngiwa an und setzt sich im Tal von Tehuacán mit ihrem Frauenkollektiv für
Klimagerechtigkeit ein. Bei ihr zu Hause bedeutet das: Umwelterziehung, die
Rettung ihrer indigenen Sprache und Anbautraditionen. Denn im Tal, [5][das
Unesco-Welterbe ist] und die Wiege des Mais, breiten sich Monokulturen und
Massenviehhaltung aus – befeuert durch Düngemittel und Pestizide, die aus
fossilen Rohstoffen hergestellt werden und die Klimakrise antreiben.
Calvillo ist in Santa Marta aus den gleichen Gründen, wie sie sagt, aus
denen sie zur UN-Klimakonferenz in Belém fuhr: um die Mächtigen zu
kontrollieren und zu konfrontieren. Dass sich die hier Anwesenden als
Willige, als Avantgarde feierten, reiche ihr nicht.
„Das Problem sind nicht nur die fossilen Brennstoffe“, sagt sie. Das
ausbeuterische System, das Gewinne über Leben stelle, ende nicht bei
fossilen Brennstoffen. In ihrem Tal in Mexiko, das einst Meeresboden war,
wurde zudem Lithium gefunden, ein Bestandteil der Batterien von
Elektroautos. Sie befürchtet, dass der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen
deswegen so interessant sei, weil so viele Investoren in grüne Energie
einsteigen wollten. „Doch grüner Kapitalismus bleibe Kapitalismus“, sagt
sie. Und Kapitalismus hinterlasse immer Opfer.
Dennoch kämpft auch sie für das Abkommen zum Ausstieg aus den fossilen
Energieträgern. Denn die Rechnung könnte ganz einfach sein: Das Verbrennen
von Kohle, Öl und Erdgas erhitzt die Erde, deswegen muss die Menschheit
damit aufhören, wenn sie nicht die eigenen Lebensgrundlagen zerstören will.
Dass das nicht passiert ist, liegt auch daran, dass auf den
Weltklimakonferenzen im Konsens entschieden wird. Der Ausstieg war auf den
COPs lange ein Tabu. 1979 fand die allererste Weltklimakonferenz statt,
aber erst 2023 in Dubai einigten sich die fast 200 Vertragsstaaten des
Pariser Abkommens überhaupt darauf, dass es einen „Übergang weg von
fossilen Energien“ geben soll. Weiter ist man bisher nicht gekommen.
## „Wir müssen unsere Gegenstrukturen schaffen“
Die Konsensregel war einmal als Schutz für die Schwachen gedacht, damit
kein kleines Land überstimmt werde. Sie nützt schwächeren Ländern auch
weiterhin, etwa wenn es um die Klimafinanzierung geht – ein Thema, das die
Industrieländer gerne unter den Tisch kehren würden. Doch inzwischen
schützt sie vor allem die Stärksten der Fossile-Energien-Wirtschaft.
„Die Konsensregel muss weg“, sagt Ralph Regenvanu. In Santa Marta gilt sie
nicht. Die Konferenz versteht sich aber nicht als Gegenmodell zur
Weltklimakonferenz, sondern als Ergänzung und Vorbereitung auf die nächste
COP. Regenvanu nutzt jede Pause und jedes Essen für bilaterale Treffen.
Malawi, Portugal, Ghana.
Auch Xananine Calvillo knüpft Verbindungen. Das Hostel, in dem sie
untergekommen ist, ist die Vernetzungszentrale von Aktivist:innen aus
Bolivien, Palästina, von den Pazifikinseln, aus den USA und anderen Teilen
der Welt. Viele kannte Calvillo bisher nur aus dem Internet.
„Wir müssen unsere Gegenstrukturen schaffen“ – etwa wenn
Mitstreiter:innen aus dem Globalen Norden ihre Privilegien erkennen und
sie nutzen, um Klimaschützer:innen aus dem Globalen Süden ins
Rampenlicht zu rücken. An Orten, wo Gewalt gegen Umweltaktivist*innen
Alltag ist, kann diese globale Aufmerksamkeit zumindest ein bisschen zum
Schutz beitragen.
## Am Ende steht ein Fahrplan, wie es weitergeht
Kurz vor dem Abschlussplenum der Konferenz sitzt Ralph Regenvanu auf der
Mauer zwischen Hotel und Konferenzgebäude. Seine Stimme kippt vor
Überschwang. Er kam gerade aus einer Sitzung, die er fast verpasst hätte,
weil das Programm mal wieder umgebaut wurde.
„Ich wusste nicht, dass sie schon eine Stunde lief“, sagt er, „und dachte:
Scheiße.“ Doch er bekam noch das letzte Wort. Deutlich habe er gesagt, dass
der fossile Ausstiegsvertrag beim nächsten Mal auf der Tagesordnung stehen
müsse. Keine Diskussion! Vor dem Hotel schlendert die Vertreterin Kenias
vorbei und ruft: „Toller Redebeitrag!“
Ralph Regenvanu sei zum Ende der Konferenz euphorischer, als er es erwartet
habe, sagt er. Auch, weil die nächste Konferenz schon geplant ist für das
kommende Jahr und in Tuvalu stattfinden soll. Die vom Klimawandel besonders
betroffenen pazifischen Inselstaaten werden damit symbolisch ins Zentrum
gerückt. Dieses Mal wird nicht Ralph Regenvanu zwei schlaflose Nächte in
Flugzeugen verbringen, sondern die meisten anderen.
Am Ende der diesjährigen TAFF-Konferenz standen keine bindenden Beschlüsse,
sondern ein Fahrplan, wie es weitergeht. Unter anderem gründete sich ein
internationales Wissenschaftspanel, das Regierungen bei ihrem fossilen
Ausstieg beraten soll.
Was diese Gruppe in der Hand hat, ist Kaufkraft. Wenn ein Drittel der
Weltwirtschaft den Ausstieg aus den fossilen Energieträgern beschleunigt,
dann verschwindet ein riesiger Markt auf der Nachfrageseite. Frankreich
etwa hat im Zuge der Konferenz nochmals seinen Plan bekräftigt, 2027 aus
Kohle, 2045 aus Öl und 2050 aus Gas auszusteigen.
Am Abend, als im Konferenzzentrum langsam die Lichter ausgedreht werden,
sitzt die Aktivistin Xananine Calvillo noch mit fünf Mitstreiter*innen
am Strand. In ihrer Mitte liegt ein Tuch. „Sei nicht fossil“, steht auf
Spanisch darauf. Calvillo zieht mit den Füßen Kreise im Sand.
Nicht fossil sein, das Fossile loswerden – das heißt nicht nur, Autos mit
Strom statt mit Benzin herumfahren zu lassen. Sondern auch, es ganz anders
zu probieren, selbst im Zwischenmenschlichen. Sich Halt geben. „Die Räume,
die wir schaffen, müssen wie die Welt sein, die wir bauen wollen“, sagt
Calvillo. Als ein Mädchen zu weinen beginnt, berührt sie es sacht an der
Schulter, bis die Tränen aufhören. Über den Klimaaktivist:innen
leuchtet das kalte Scheinwerferlicht der Riesenschiffe im Containerhafen
nebenan.
10 May 2026
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