# taz.de -- Zwangsprostitution in Schweden: Mindestens 120 „Kunden“
       
       > In Schweden soll ein Mann seine Frau zur Prostitution gezwungen haben. In
       > der Debatte werden Parallelen zum Fall von Gisèle Pelicot in Frankreich
       > gezogen.
       
 (IMG) Bild: Gerichtsgebäude im schwedischen Härnösand
       
       Er behauptet, ihr lediglich bei ihrer Sexarbeit behilflich gewesen zu sein:
       In Schweden in diesen Wochen ein 61-Jähriger vor Gericht, der seine Frau
       über drei Jahre zur Prostitution gezwungen haben soll. Mindestens 120
       Freier sind identifiziert. Bislang sind auch knapp 30 von ihnen angeklagt –
       der Kauf von Sex ist in Schweden strafbar.
       
       Gegen den Willen seiner Frau soll der Hauptangeklagte die Treffen mit
       Kunden arrangiert und teils per Video, teils persönlich überwacht haben.
       Ihm werden schwere Zuhälterei, mehrere Fälle von Vergewaltigung,
       Körperverletzung und Androhung von Gewalt vorgeworfen. Schwedische Medien
       berichten von seiner Vergangenheit beim Motorradclub Hell’s Angels.
       
       Als der Fall aus der nordschwedischen Kommune Kramfors bekannt wurde,
       verbreitete sich das ungläubige Entsetzen schnell in ganz Schweden.
       Vergleiche wurden gezogen zum Schicksal der Französin [1][Gisèle Pelicot],
       deren Mann sie betäubt und fremden Männern zur Vergewaltigung verkauft
       hatte.
       
       Die Frau in Kramfors rief im vergangenen Oktober schließlich den Notruf.
       Wie die Regionalzeitung Tidningen Ångermanland (TÅ) nach Einsicht in die
       Ermittlungsakten berichtete, war sie nachts aus dem Haus geschlichen, als
       sie einen Freier treffen sollte, und mit dem Auto auf einen Parkplatz
       gefahren.
       
       ## Anklage beschreibt Zuhälterei als genau durchdacht
       
       Während des Notrufgesprächs habe sie die Angst geäußert, ihr Mann könne sie
       finden und töten, bevor die Polizei bei ihr wäre. Dass er das tun würde,
       wenn sie fliehen sollte, habe er angedroht. „Er ist kein Mensch, er ist ein
       Monster“, sagte sie laut dem Bericht. Laut der Anklage nutzte der Mann auch
       die Substanzabhängigkeit seiner Frau aus und gab ihr vor den Treffen
       Drogen.
       
       Außer einem kleineren Drogendelikt räumte er zum Prozessauftakt vor dem
       zuständigen Amtsgericht in Härnösand Mitte April keine Schuld ein. Seine
       Anwältin sagt, er habe nichts gegen den Willen seiner Frau getan. Das hält
       Staatsanwältin Ida Annerstedt hingegen für widerlegt, unter anderem durch
       mehrere SMS.
       
       Die Anklage beschreibt die Zuhälterei als genau durchdacht und
       wohlorganisiert. Der Mann habe online Anzeigen geschaltet, Kunden gebucht
       und Preise festgelegt. In sexuellen Chats mit Kunden soll er sich als seine
       Frau ausgegeben haben. Einige der Treffen sollen digital stattgefunden
       haben, wofür zu zahlen in Schweden seit dem vergangenen Jahr ebenfalls
       strafbar ist.
       
       In Kramfors sorgt auch der Gedanke an Freier aus ihrer Mitte für Unbehagen.
       Man könne nichts ahnend im Supermarkt an der Kasse hinter einem solchen
       Mann stehen, es könnte ein Nachbar sein: Auch das war, zusätzlich zur
       mutmaßlichen Brutalität des Hauptangeklagten, Gesprächsthema.
       
       ## „Nordisches Modell“
       
       Die Zeitungen berichten entsprechend, anonymisiert, was für Männer auf der
       Ermittlungsliste stehen. Ohne Namen, aber mit Alter, Wohnort und teilweise
       mit ihrer Reaktion auf den Tatvorwurf werden sie aufgeführt. Einige Männer
       in verantwortungsvollen beruflichen Positionen sind unter den mutmaßlichen
       Freiern, sie werden in der Berichterstattung hervorgehoben.
       
       Nach zwei Jahren ist Sexkauf als Straftat verjährt, nicht alle werden
       deshalb juristisch belangt werden. Anfang dieser Woche gab die Polizei der
       Region Västernorrland bekannt, die Ressourcen für diese Ermittlungen zu
       verstärken.
       
       Schweden hatte 1999 als erstes Land überhaupt das sogenannte [2][Nordische
       Modell] eingeführt, das den Kauf von Sex strafbar macht, aber nicht den
       Verkauf. Das soll unter anderem [3][zwangsprostituierten Frauen] das
       Hilfesuchen bei der Polizei erleichtern. Die Aussicht auf Geldstrafen oder
       eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr sollen zudem Freier abschrecken.
       
       Ob das zur Eindämmung von Zwangsprostitution geführt oder Frauen wegen der
       Verlagerung ins Verborgene größeren Gefahren aussetzt hat, wie Kritiker
       fürchteten, ist beides nicht leicht zu belegen. Sexkauf findet jedenfalls
       weiterhin auch in Schweden statt, daran erinnert der Prozess in Härnösand
       das Land gerade auf drastische Weise. Die Verhandlung läuft noch bis Mitte
       Mai.
       
       25 Apr 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anne Diekhoff
       
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