# taz.de -- Wahlkreise in den USA: Hingebogen für eine Mehrheit
> Ändern sich die Wahlkreise in mehreren US-Bundesstaaten noch vor den
> nächsten Kongresswahlen? Möglich – wegen einer
> Supreme-Court-Entscheidung.
(IMG) Bild: Eine Demo gegen das sogenannte „Gerrymandering“ im Februar 2026 in Columbus im US-Bundesstaat Ohio
Verändern sich die Wahlkreise in den US-Bundesstaaten Alabama, Tennessee
und South Carolina noch vor den nächsten Kongresswahlen im November?
Möglich ist das – aufgrund einer kontroversen Supreme-Court-Entscheidung:
Diese erlaubt es US-Bundesstaaten, ihre Wahlkreise so zu gestalten, dass es
Minderheiten, vor allem für Schwarze und Latinos, deutlich erschwert wird,
Personen aus den eigenen Reihen ins Amt zu wählen.
Die Auswirkungen dieser neuen Regelung werden wahrscheinlich erst in einer
Generation richtig zu spüren sein. Auf politischer Ebene könnte diese
Entscheidung des Supreme Court dazu führen, dass die Republikaner auf lange
Sicht die Macht im US-Repräsentantenhaus innehaben werden.
Alabamas republikanische Gouverneurin Kay Ivey lud deshalb bereits am
Montag zu einer Sondersitzung von Senat und Repräsentantenhaus des
südlichen Bundesstaats ein, um sich mit den Folgen der
Supreme-Court-Entscheidung zu befassen. Zur Diskussion stehen eine
Verschiebung der für den 19. Mai angesetzten Vorwahlen sowie die
[1][Verwendung von Wahlkreiskarten], die Bundesgerichte zuvor abgelehnt
hatten.
In den USA werden Wahlkreiskarten, sogenannte „congressional district
maps“, alle zehn Jahre in Folge der Bevölkerungsentwicklung überarbeitet,
um sicherzustellen, dass die Abgeordneten im US-Repräsentantenhaus die
Wahlkreise bestmöglich repräsentieren. US-Präsident Trump will aus
politischen Gründen bereits jetzt schon eine Überarbeitung der Wahlkreise,
um die republikanische Kontrolle im Kongress zu gewährleisten.
## Nur ein Wahlkreis, in dem Minderheiten die Mehrheit bilden
„Indem ich die Legislative zu einer Sondersitzung einberufe, stelle ich
sicher, dass Alabama vorbereitet ist, falls die Gerichte schnell handeln
und die Verwendung der zuvor festgelegten Wahlkreiskarten für den Kongress
und den Landessenat von Alabama während dieses Wahlzyklus ermöglichen“,
sagte Ivey am Freitag in einer Presserklärung.
Auf einer Wahlkreiskarte aus dem Jahr 2023 gab es in Alabama nur einen
einzigen Wahlkreis, [2][in dem Minderheiten die Mehrheit bildeten] – obwohl
knapp ein Drittel der Einwohner des Bundesstaates einer Minderheit
angehören. Die aktuelle Karte, die zwei Wahlkreise enthält, in denen
Minderheiten eine hohe Repräsentation genießen, sorgte dafür, dass Alabama
zum ersten Mal in seiner Geschichte zwei schwarze Abgeordnete nach
Washington entsenden konnte.
Auch in Tennessee hat Gouverneur Bill Lee eine Sondersitzung des dortigen
Kongresses einberufen, um etwaige Veränderungen der Wahlkreiskarte zu
besprechen. In South Carolina kündigte Gouverneur Henry McMaster an, dass
man sich die Wahlkreiskarten ebenfalls nochmals anschauen werde, um
sicherzustellen, dass sie den gesetzlichen Vorgaben entsprechen.
## „Aushöhlung eines legislativen Meilensteins“
Der Auslöser, der diese Welle ins Rollen brachte, war der Supreme Court.
Dieser entschied am Donnerstag, dass die bisherige Interpretation einer
Voting-Rights-Act-Bestimmung nicht rechtens sei.
Sektion 2 des Wahlrechtsgesetzes wurde bislang so interpretiert, dass es
bei der Bestimmung von Wahlkreisen auch solche geben muss, in denen
Minderheiten die Mehrheit darstellen. Diese Interpretation wurden von den
konservativen Richtern am Supreme Court in einer Einscheidung von 6 zu 3
jedoch nun zurückgewiesen.
„Wir erleben die Aushöhlung des größten legislativen Meilensteins Amerikas
durch einen rechtsextremen Supreme Court“, kommentierte der demokratische
US-Abgeordnete Ritchie Torres aus New York im Anschluss die Entscheidung.
Eine Klage des Bundesstaates Louisiana hatte zur Neuinterpretation des
Wahlrechtsgesetzes geführt. Bürgerrechtsorganisationen und
Demokratie-Experten kritisierten dabei die Entscheidung der obersten
Richter.
## „Todesstoß für Bürgerrechtsgesetz“
„Das Gericht hat im Grunde den Todesstoß für das wichtigste
Bürgerrechtsgesetz in unserem Land versetzt“, sagte Kristen Clarke,
Chefjuristin der Bürgerrechtsorganisation NAACP, gegenüber Capital B.
Sie fügte hinzu, dass dadurch Gesetzgeber in ehemaligen
Sklavenhalterstaaten – also den amerikanischen Südstaaten – ermutigt
werden, Wahlbezirke mit mehrheitlich schwarzer Bevölkerung aufzulösen.
Eine Analyse der Wahlrechtsorganisationen Fair Fight Action und Black
Voters Matter ergab, dass Republikaner aufgrund der Entscheidung des
Supreme Court sowie der von US-Präsident Trump losgetretenen
[3][Wahlkreis-Veränderungen] 27 Sitze im Repräsentantenhaus gewinnen
könnten.
Dies reiche aus, „um die Kontrolle einer einzigen Partei über das
US-Repräsentantenhaus für mindestens eine Generation zu festigen“, hieß es
in dem Report.
Demokraten haben dieser Realität nur wenig entgegenzusetzen. Sie verlangen
aber nach der Entscheidung eine Überlegung, wie der Supreme Court selbst
fairer gestaltet werden könnte.
2 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Hansjürgen Mai
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