# taz.de -- Klimadiplomatie in Berlin: Bloß nicht die „industrielle Basis gefährden“
> Viele Staaten sagen bei den Petersberger Gesprächen mehr Klimaschutz zu.
> Merz will einen „fairen Beitrag“, wenn er die Wirtschaft nicht
> einschränkt.
(IMG) Bild: In Schieflage: Die deutschen Klimaziele sind immer noch nicht ausreichend, um die notwendigen Einsparungen zu erzielen. Daran änderte die Rede von Bundesumweltminister Carsten Schneider am Mittwoch nichts
Jedes Jahr im Herbst trifft sich die internationale Klimadiplomatie auf
Einladung der Vereinten Nationen zur Jahreskonferenz – jedes Jahr in einem
anderen Land. Doch bereits im Frühling jedes Jahres zeigt sich beim
Petersberger Klimadialog in oder um Berlin, was im Herbst das bestimmende
Thema sein wird. Nachdem im Frühjahr 2025 alle gegen US-Präsident Donald
Trump zusammenhalten wollten, steht dieses Jahr die fossile Energiekrise
nach der Schließung der Straße von Hormus im Zuge des Irankriegs im Fokus.
„Ich bin sicher, dass die aktuelle fossile Energiekrise für eine
Beschleunigung der Elektrifizierung sorgt“, sagte deshalb
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) bei der Eröffnung des
diesjährigen Petersberger Klimadialogs. Diese Elektrifizierung, also
Industrie, Verkehr und Heizungen mit Strom statt Öl und Gas anzutreiben,
sei ein „Megatrend“.
Der Petersberger Klimadialog wird seit 2010 von Deutschland ausgerichtet,
damit Minister*innen lange vor der UN-Klimakonferenz im Herbst
informell diskutieren und Streitpunkte früh erkannt werden können.
Austragungsort war diesen Dienstag und Mittwoch ein Konferenzzentrum im
Industriegebiet des Berliner Westhafens.
Am Dienstagvormittag wechselten sich die Limousinen der Minister*innen
mit schweren Lkws ab, die Ladung von den Schiffen ab- oder zu den Schiffen
hin transportierten und sich zwischen Konferenzzentrum und Hafenbecken
hindurchquetschten. Im vergangenen Jahr fand der Gipfel noch auf Einladung
der damaligen Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) in den erhabenen
Sälen des Auswärtigen Amts statt. Unter der Regierung Merz hat die
Klimadiplomatie sichtbar an Bedeutung verloren.
## Merz setzt mal wieder auf Innovation
Das merkte man dem Bundeskanzler auch bei seiner Rede am Mittwochnachmittag
an: Er stehe zu den deutschen Klimazielen und Deutschland wolle seinen
„fairen Beitrag“ zum Klimaschutz leisten – immerhin stoße das Land 2
Prozent der globalen CO2-Emissionen aus, obwohl das Land nur 1 Prozent der
Weltbevölkerung stelle. Aber andere Länder sollten doch bitte ebenfalls
ihren Teil leisten.
Deutschland setze auf die Innovationskraft der Industrie, sagt Merz, und
grüne Branchen seien bereits ein Wachstumstreiber. Der Kanzler erkannte an,
dass „wir Zeuge davon werden, wie die Erderwärmung Konflikte befeuert und
wirtschaftliche Kosten nach oben treibt“. Aber Klimaschutz dürfe „nicht
unsere industrielle Basis gefährden“. Wie das abseits von vage gebliebenen
neuen Technologien gelingen soll, sagte er nicht. Der Eindruck bleibt: Merz
will im Zweifelsfall lieber den Klimaschutz bremsen als den
klimafreundlichen Umbau der Wirtschaft beschleunigen.
„Wir spüren alle, dass der Klimaschutz unter Druck steht“, sagte noch am
Dienstag Umweltminister Carsten Schneider (SPD). Die Welt spüre aber auch
„die Auswirkungen der Energiekrise jeden Tag“. Das zeige, welche
Verletzlichkeit mit einer Abhängigkeit von den fossilen Energien
einhergehe. „Für unsere Sicherheit und für das Klima“ müsse der Ausbau von
erneuerbaren Energien deshalb vorangetrieben werden.
Christoph Bals, politischer Geschäftsführer der Umweltorganisation
Germanwatch, beobachtete bei den Gesprächen auf dem Gipfel eine
Aufbruchsstimmung: „Die Diskussionen sind maßgeblich getrieben von den
hohen Energiepreisen weltweit“, sagte er. „Viele Beschlüsse zur
Beschleunigung der Elektrifizierung der Wirtschaft wurden nicht nur
angekündigt, sondern bereits umgesetzt, vor allem in Asien.“
## Am Ende wird es wieder am Geld hängen
„Fossile bieten keine Energiesicherheit“, betonte auch der türkische
Umweltminister Murat Kurum. Er organisiert die nächste UN-Klimakonferenz im
türkischen Antalya im Herbst dieses Jahres, während der australische
Energieminister Chris Bowen die Verhandlungen leiten soll. „In Dubai haben
wir uns darauf geeinigt, die Energiequellen diversifizieren zu wollen“,
sagte Kurum und ließ demonstrativ aus, dass auf dem Dubaier Gipfel 2023
nicht nur Energievielfalt, sondern vor allem die Abkehr von den Fossilen
beschlossen wurde – eine Formulierung, auf die sich seitdem keine
Klimakonferenz mehr einigen konnte.
Der südafrikanische Umweltminister Willie Aucamp beteuerte jedenfalls die
[1][„absolute Hingabe“ Südafrikas zu den Erneuerbaren]. Sein Land werde
inzwischen alle drei Jahre von „verheerenden Überschwemmungen“ heimgesucht.
Waldbrände in Westkap würden immer heftiger und häufiger. Er mahnte deshalb
aber auch, die Lücke zwischen den Geldzusagen der Industrieländer für
Klimaschutz und -anpassung und der tatsächlich geleisteten Unterstützung
müsse schrumpfen.
Damit spricht Aucamp das Problem an, das schon zum [2][enttäuschenden
Ergebnis der UN-Klimakonferenz 2025 in Brasilien] beigetragen hat: Wenn die
EU mehr Tempo beim Klimaschutz fordert, aber gleichzeitig immer weniger
Geld für Entwicklungszusammenarbeit ausgeben will, bleibt sie isoliert.
Deutschlands Klimafinanzierungsziel in Höhe von 6 Milliarden Euro pro Jahr,
noch von der damaligen Kanzlerin Angela Merkel auf dem Petersberger
Klimadialog 2021 verkündet, lief 2025 aus. Ein neues Ziel blieb Merz
schuldig.
22 Apr 2026
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