# taz.de -- Kohlekraftwerk an der Elbe: Das Fossil von Wedel
> Noch geht es da um Kohle. Aber Mitte nächsten Jahres soll das
> Heizkraftwerk Wedel endlich stillgelegt und die Hamburger Fernwärme
> klimafreundlich werden.
(IMG) Bild: Noch wird da in Wedel die Kohle verfeuert
Wer von Hamburg in Richtung Nordsee radelt, immer schön an der Elbe
entlang, steht nach wenigen Kilometern plötzlich vor einem hoch aufragenden
Hindernis: dem Kohlekraftwerk Wedel. Das Kraftwerk, mit rund 60 Jahren
Betriebszeit eines der ältesten der Republik, versorgt einen Teil Hamburgs
mit Fernwärme und Strom. [1][Aus Gründen des Klimaschutzes] hätte es
eigentlich längst abgeschaltet werden sollen. Jetzt haben die Hamburger
Energiewerke (HEnW) seine Stilllegung beantragt.
Ab dem 1. Juli 2027 würden Betriebsmittel wie Öl und Chemikalien entfernt.
„Das Kraftwerk kann dann nicht wieder angefahren werden“, teilten die HEnW
mit. Bis dahin gilt die Anlage jedoch als kritische Infrastruktur, wie ein
Sicherheitsmitarbeiter den Reporter belehrt, der, ohne sich was zu denken,
auf den Kraftwerkseingang zuradelt und ein paar Handyfotos vom Kohlenbunker
schießt.
Das sei eine Privatstraße, die Fotos seien zu löschen – auch aus dem
Papierkorb. Der Mann ist pingelig, aber ganz verbindlich, nachdem er wohl
zur Überzeugung gelangt ist, keinen russischen Spion vor sich zu haben. Das
Ding ist nur: Von „Privatstraße“ ist weit und breit nichts zu sehen,
allenfalls ein aufgelassenes Pförtnerhäuschen ist zu erahnen. Und knipsen
lässt sich das Kraftwerk auch bei einem Spaziergang ums Gelände bestens.
Mitten im Wald gibt es am Zaun sogar eine verwitterte Infotafel mit einer
Schemazeichnung des Kraftwerks. Sie stammt aus den Zeiten, als die
Kraftwerksbetreiber bei der Anwohnerschaft noch gut Wetter machen wollten.
2020 haben sieben Anwohner geklagt, weil sie immer mal wieder ätzende
Partikel auf ihren Autos fanden.
## Kraftwerk vom Spitzenarchitekten
Schwerer wiegt, dass das viel CO2 emittierende Kraftwerk immer noch am Netz
ist. Der Altbau blieb in Betrieb, während zehn Kilometer stromaufwärts das
angeblich modernste Kohlekraftwerk Deutschlands im Zuge einer
Abschaltaktion nach nur sechs Jahren stillgelegt wurde. Als Ersatz für
Wedel wurden seit 2013 immer wieder neue klimafreundlichere Alternativen
ins Spiel gebracht und das Abschalten verschoben.
Die Infotafel im Wald zeigt etwa die Rauchgasentschwefelungsanlage und
weist darauf hin, dass die beiden Schornsteine 150 Meter hoch sind. Auch
Transportbänder für die Kohle und das Kesselhaus sind darauf zu sehen.
Letzteres scheint aus aneinandergereihten Scheiben mit schrägen Dächern zu
bestehen, sodass sich eine Sägezahnsilhouette ergibt. Geplant haben es die
Architekten Bernhard Hermkes und Gerhart Becker. Beide haben auch die
[2][wellenförmige Großmarkthalle] in Hamburg mitgeplant, Hermkes mit den
Grindelhochhäusern mitten in Hamburg die erste Hochhaussiedlung
Deutschlands.
Hinter dem Zaun mit der Tafel schüttet ein Förderkran Kohle auf eine Halde.
Zwei Planierraupen schieben die Kohle zurecht, während zwei blaue
Schneekanonen die Halde mit einem Wasserschleier kühlen. Die Kohle kommt
über Förderbänder von einem Anleger am seeschifftiefen Wasser der Elbe.
Gerade wird hier der chinesische Frachter „Yue Guan Feng“ entladen.
Sehr schön sehen lässt sich das von einer kleinen Landnase aus direkt am
Elberadweg, an der sich gut rasten lässt. Zwei ältere Damen kommen mit
leichtem Gepäck die Rollstuhlrampe zu dem Park heruntergeradelt. Vor einer
Übersichtskarte bleiben sie stehen. Sie kommen aus Mannheim und machen ein
paar Tage Urlaub in Stade, wo sie sich schon über das [3][im Rückbau
befindliche Atomkraftwerk] informiert haben. Fernwärme, sagt die eine mit
Blick auf das Kraftwerk im Hintergrund, sei doch eher eine fragwürdige
Lösung, weil so viel Energie durch die Leitungen verloren gehe. Sie habe
bei sich zu Hause Photovoltaik und einen Stromspeicher installiert.
Dem rot-grünen Hamburger Senat ist [4][per Volksentscheid aufgegeben
worden, das Ziel der Klimaneutralität] um fünf Jahre auf 2040 vorzuziehen.
Klimafreundliche Fernwärme soll wesentlich dazu beitragen, den
Treibhausgasausstoß zu verringern.
## Tauchsieder für den Windstrom
Schon Ende diesen Jahres soll die Wärme statt aus Wedel im Wesentlichen
[5][von einem neuen Energiepark im Hamburger Hafen kommen]. Dessen Kern ist
ein Gas- und Dampfturbinenkraftwerk. Es ist so ausgelegt, dass es in
Zukunft auch [6][mit klimaneutralem Gas wie etwa Wasserstoff betrieben]
werden kann.
Im Energiepark wird Wärme aus weiteren klimafreundlichen Quellen
zusammengeführt: aus einer Müllverbrennungsanlage, Abwärme des Hamburger
Stahlwerks und auch einer riesigen Wärmepumpe, die aus Abwasser Energie
gewinnt.
Aber auch auf dem Gelände des Kohlekraftwerks Wedel soll künftig
erneuerbare Wärme erzeugt werden. Die HEnW haben mittendrin [7][eine
Power-to-Heat-Anlage errichtet], die als Durchlauferhitzer überschüssigen
Windstrom in Wärme verwandeln soll, die direkt ins Netz gespeist wird.
26 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Klimaschutz-in-Hamburg/!5813984
(DIR) [2] /Theater-im-Grossmarkt/!5250578
(DIR) [3] /Atomausstieg/!5134243
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(DIR) [5] https://www.hamburger-energiewerke.de/energiewende/energiewende-in-hamburg/kohleausstieg/energiepark-hafen
(DIR) [6] /Schritt-zur-Energiewende/!6133465
(DIR) [7] /Energiewende-in-Hamburg/!5936324
## AUTOREN
(DIR) Gernot Knödler
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