# taz.de -- Atomausstieg: Technik im Stil von gestern
> Im still gelegten Atomkraftwerk Stade wird zu Beginn dieser Woche das
> letzte Stück des hoch radioaktiven Reaktordruckbehälters zerlegt. Für die
> Arbeiter ist dieser Termin ein Grund zum Feiern.
(IMG) Bild: Strahlender Riese im Idyll: Stade ist das einzige AKW, das dem Atomkonsens zufolge stillgelegt wurde.
Unter den norddeutschen Atomkraftwerken ist es eigentlich üblich, während
der Bau- oder während der Betriebsphase von sich reden zu machen. Das AKW
Brokdorf zum Beispiel steht für Demonstrationen mit viel Gewalt. Der Meiler
in Krümmel steht für die Frage, inwieweit sich die Strahlenbelastung auf
die Leukämierate in der Region auswirkt. Das AKW Brunsbüttel ist bekannt
für viele Pannen und viel Stillstand. Und Stade? Ist quasi posthum berühmt
geworden. Als erstes AKW, das im Zuge des rot-grünen Atomkonsenses
abgeschaltet wurde.
Am 14. November 2003 ging das AKW Stade vom Netz. Seit September 2005
werden die nuklearen Komponenten zurückgebaut. Im Lauf dieser Woche wird
das letzte Stück des hoch radioaktiven Reaktordruckbehälters zerlegt. Das
ist jenes Behältnis, in dem sich der Reaktorkern mit den Brennelementen
befand - das Herzstück der Anlage.
Wenn der Reaktordruckbehälter weg ist, dann ist das für den Prozess des
Abrisses ein Termin, den die Arbeiter im AKW Stade feiern werden. Es wird
so ähnlich sein wie bei einem Richtfest, nur dass man wohl kein Bäumchen
aufstellen wird. Weil das Aufstellen nicht zum Abbauen passt.
Sicher wird es aber Erinnerungsfotos geben. Denn die Arbeiter im AKW Stade
sind stolz auf das, was sie leisten. Zwar habe es nach dem
Stilllegungsbeschluss eine Phase der Depression gegeben, sagt
Standort-Sprecher Burkhard Senkbeil. "Aber es war bewundernswert, wie
schnell sich die Mitarbeiter auf die neuen Aufgaben gestürzt haben."
Vor der Stilllegung gab es 320 Eon-Mitarbeiter in Stade, derzeit sind es
125 Eon-Mitarbeiter und zwischen 180 und 220 Mitarbeiter anderer Firmen.
Statt "Abriss" sagen sie "Rückbau" - das klingt konstruktiver und wird der
Sache besser gerecht. Denn wenn über dem AKW überhaupt eine Abrissbirne
schwingt, dann am Ende. Davor gibt es viele Arten von Sägen, die alle
möglichen mehr oder weniger verstrahlten Materialien in Einzelteile der
Größe 80 mal 80 mal 50 Zentimeter zerschneiden, damit sie in
standardisierte Gitterboxen passen - und abtransportiert werden können.
Oder eingelagert im Zwischenlager nebenan.
Der Rückbau ist in vier Phasen unterteilt und wenn in diesen Tagen der
Reaktordruckbehälter zerlegt ist, ist ein wesentlicher Teil der
Rückbauphase drei erledigt. 2015 soll das AKW Stade vom Erdboden
verschwunden sein. Insgesamt wird der Abriss dann 12 Jahre gedauert haben.
Das AKW zu bauen, dauerte vier Jahre - von 1968 bis 1972.
Betritt man heute den inneren Bereich des Atomkraftwerks, steht man
zunächst in einem Raum mit weißen Spinden, zwischen denen tendenziell
bärtige Männer in grauer Einheits-Unterwäsche unterwegs sind. Wenn sie
angezogen sind, sehen sie aus, als wäre das Atomkraftwerk noch in Betrieb:
Ganzkörperoverall, Handschuhe, Helm, Schlappen. Das Fachwort lautet:
"Kontaminationsverschleppung". Die soll vermieden werden.
In der Kuppel, da, wo früher Atomkerne gespalten wurden, riecht es nach
verbranntem Metall. Der Geräuschpegel erinnert an eine Bahnhofshalle:
Auseinander halten lassen sich die Geräusche schwer, Lüftungsanlagen im
Dauerbetrieb mischen sich mit Sägearbeiten und Stahl, der auf Stahl trifft.
Überall gibt es Schaltkästen, Rohre, abgenutzte Geländer, Stahltüren,
angeschrammte Betonwände.
Es ist eine Industrieanlage alter Prägung: Alles ist greifbar, es geht um
Materialien und ihre Belastbarkeit. Heutzutage stellt man sich Hightech
anders vor. Weniger mechanisch. Eher lautlos und digital.
Vielleicht ist das ein Problem der Atomkraftwerke: Dass sie sich unter dem
Stil-Gesichtspunkt so verhalten wie ein Fernsprechapparat zu einem iPhone.
Da hilft es auch nichts, wenn der Fernsprechapparat von seinem Betreiber
"immer auf dem neuesten Stand der Technik" gehalten wird.
Zumal, wenn die neueste Technik nur dazu da ist, das, was einmal die
neueste Technik war, aus der Welt zu schaffen. Die hochradioaktiven
Brennelemente hat Eon bereits kurz nach der Stilllegung in die französische
Wiederaufarbeitungsanlage La Hague gebracht. Die schwach- bis
mittelradioaktiven Komponenten werden vor Ort dekontaminiert mit
Stahlkiesstrahlen, Hochdruckwasserstrahlen und chemischen Lösungen.
Ferner wird geschmolzen und verdampft, was geht, aber irgendein Rückstand
bleibt immer. Im Falle des Verdampfens ist es eine Art Staub, der
radioaktiv verseucht ist. Das Dekontaminieren löst das Problem nicht, es
bringt es nur in eine neue Form.
Für die schwach- und mittelradioaktiven Stoffe hat Eon ein Zwischenlager
direkt neben dem Atomkraftwerk gebaut mit einer Betriebsgenehmigung für 40
Jahre. "Wir hoffen, dass wir die Genehmigung nicht ausschöpfen müssen",
sagt Standort-Sprecher Senkbeil. Eon rechnet damit, den Müll in das
Endlager Schacht Konrad bringen zu können. Ursprünglich sollte das Lager ab
2014 bereit sein, Müll aufzunehmen. Dieser Termin wird sich allerdings laut
Bundesamt für Strahlenschutz um bis zu fünf Jahre verzögern.
Was nach dem Rückbau mit dem Gelände des AKW passiert, ist derzeit nicht
die Frage. Interessant ist, wie es neben dem AKW-Gelände weiter geht: Eon
will dort ein Kohlekraftwerk bauen und stößt damit bei den Stader
Politikern auf Gegenliebe. Neben Eon plant der Chemiekonzern Dow, ein
Kohlekraftwerk zu bauen. Bereits drei Bürgerinitiativen versuchen, die
Neubauten zu verhindern. Es werden Kraftwerke sein, die nicht erst posthum
von sich Reden machen.
10 Oct 2010
## AUTOREN
(DIR) Klaus Irler
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