# taz.de -- Nach Auftritt in Madsen-Musikvideo: Digitaler Hass gegen Grundschulkinder aus Scheeßel
       
       > Die Indie-Rockband Madsen dreht ein Musikvideo mit Kindern aus Scheeßel.
       > Was folgt, ist ein koordinierter Shitstorm von KI-generierten Accounts.
       
 (IMG) Bild: Sebastian Madsen im offiziellen Bandvideo „Auf die Barrikaden“: insgesamt 2.000 Kommentare auf allen Kanälen
       
       Es hätte ein schöner Moment bleiben können – für rund 50 Dritt- und
       Viertklässler der Grundschule Scheeßel und die Rockband Madsen. Die Kinder
       hatten den Refrain zu „Auf die Barrikaden“ eingeübt: „Alle sind gleich,
       keiner bleibt allein / Keine Macht dem Hass, das ist unsere Zeit.“ Der
       Drehtag kurz vor Ostern war für alle Beteiligten ein Erlebnis. Dann kam der
       Ostersonntag.
       
       Ein kurzer Ausschnitt aus Gesprächen mit den Kindern wurde unter anderem
       auf Facebook und Tiktok veröffentlicht. Vier Kinder erzählen darin, was sie
       wütend macht. „Wenn ein hellhäutiges Kind ein Schwarzes Kind beleidigt“,
       sagt eines. Ein anderes: „Es macht mich wütend, wenn man Hilfesuchenden aus
       anderen Ländern sagt: Wir wollen euch hier nicht.“ Innerhalb weniger
       Stunden explodierten die Kommentarspalten – Drohungen, Beleidigungen, der
       Vorwurf der Indoktrination. Gerichtet nicht nur gegen die Band, sondern
       gegen Lehrerinnen, Eltern, Kinder.
       
       Der Song fordert offene Grenzen, reproduktive Selbstbestimmung, queere
       Sichtbarkeit – und richtet sich explizit gegen den Nationalismus, den die
       AfD laut Madsen „mittlerweile salonfähig propagiert“. Frontmann Sebastian
       Madsen: „Wenn die sagen, das Land gehört uns, dann sagen wir naiv: nein.“
       
       Der Refrain habe ihn auf die Idee gebracht, Kinder einzubinden. Was er am
       Drehtag erlebte, hat ihn beeindruckt: Ein Kind erklärte Demokratie anhand
       des Kunstunterrichts – wenn einer entscheide, welches Motiv gemalt wird,
       sei das doof. „Das waren bildlich einfache Formulierungen, dass wir alle
       dazulernen können.“
       
       ## Der Angriff erreicht ein „neues Level“
       
       Madsen und seine Bandkollegen sind an Hasskommentare gewöhnt. Seit 21
       Jahren schreiben die Indie-Rocker aus dem niedersächsischen Wendland
       politische Songs. Die üblichen Muster kennt er: Beleidigungen, Kleinreden,
       der Vorwurf, „Systemlinge“ zu sein. Doch dieser Angriff war ein anderer.
       „Das hat für uns ein neues Level erreicht.“
       
       Insgesamt zählte Bandmanager Benjamin Mirtschin 2.000 Kommentare auf allen
       Kanälen. Dass den Kindern dabei eine eigene Meinung abgesprochen wurde,
       erschüttert Madsen am meisten: „Wahrscheinlich haben viele, die da
       Hasskommentare geschrieben haben, sich nicht inhaltlich mit dem Video
       auseinandergesetzt.“
       
       Ein Großteil des Hasses war nicht echt. Die Band ließ die Profile
       analysieren – Ergebnis: KI-generierte Accounts, Bots, koordinierte
       Verstärkung. „Mit Bots machen sich die Rechtsextremen größer, als sie
       sind“, sagt Madsen.
       
       „Man kann das im Zweifel nicht gut unterscheiden, ob der Kommentar von
       einem echten Menschen stammt oder künstlich erzeugt ist“, erklärt Benjamin
       Winkler, Soziologe und Projektleiter für Schularbeit gegen
       Rechtsextremismus bei der [1][Amadeu-Antonio-Stiftung]. „Alles, was mit
       Empörung und Emotionalisierung zu tun hat, geht viral und verbreitet sich
       durch die Algorithmen stärker.“
       
       Die Scheeßeler Grundschulleiterin Meike Nerding-Ehlbeck wies gegenüber der
       [2][Kreiszeitung] den Vorwurf der Indoktrination zurück: „Kinder im
       Grundschulalter haben eine eigene Meinung.“ Der Liedtext sei mit den
       Kindern im Vorfeld in angemessener Weise besprochen worden.
       
       Inzwischen hat die Schule das Kapitel bewusst geschlossen. „Unser
       Schulalltag geht mit neuen Vorhaben weiter. Wir schließen das Projekt mit
       schönen Erinnerungen ab“, äußert sich die Schulleiterin wortkarg gegenüber
       der taz.
       
       ## Social-Media-Posts gelöscht, Anzeige erstattet
       
       Die Band hat die Social-Media-Posts mit den Interviews der Schülerinnen und
       Schüler nach Rücksprache mit der Schule gelöscht, nachdem eine Mutter
       signalisiert hatte, ihr sei damit unwohl. „Wir wollten nicht andere mit
       reinziehen. Vor allem keine Kinder“, sagt Madsen. Die Musiker haben
       mithilfe von [3][HateAid, der Berliner Organisation gegen digitale Gewalt,]
       Anzeige erstattet. Eine Sprecherin sagt, man erhalte derzeit ungeheuer
       viele Anfragen, die Kapazitäten seien kaum noch ausreichend.
       
       Für Winkler zeigt der Fall ein größeres Problem: „Für Schulen gibt es
       gerade echt Druck, wenn demokratische Inhalte diskutiert werden. Es kommt
       schnell zu Empörungen, dass da angeblich indoktriniert wird.“ Er kann
       verstehen, dass Eltern ihre Kinder schützen wollen. „Gleichzeitig ist es
       schade, weil wir wollen, dass Kinder mündige Bürger sind, sich politisch
       bilden und äußern.“
       
       Entscheidend sei, dass sich Schulen auf die Rechtslage berufen. „In den
       Schulgesetzen aller Bundesländer steht unter dem Bildungsauftrag, dass
       Schüler erzogen werden sollen, Vorurteile zu hinterfragen und sich gegen
       Diskriminierung zu wenden.“ Wenn Kinder sich gegen Rassismus aussprechen,
       sei das konform mit dem Schulgesetz. „Da kann sich kein Mensch dran stören
       – es sei denn, man würde sich als Rassist outen.“ Die Schule sollte nicht
       defensiv reagieren, betont Winkler, sondern sich offensiv dahinterstellen.
       Was sie brauche: Unterstützung von Schulaufsichtsbehörden, die die
       Rechtslage klarstellen und Beratung vermitteln.
       
       Die [4][Bundesregierung will mit dem „Gesetz gegen digitale Gewalt“]
       Deepfakes und Hass im Netz an die kurze Leine nehmen. Doch HateAid
       kritisiert, dass Betroffene bei Klagen bisher Tätern ihre Privatadresse
       offenlegen müssen – ein Sicherheitsrisiko, das abschreckt.
       
       Auch auf die EU-Ebene setzt Winkler Hoffnungen: Der Digital Services Act
       könne Plattformen zur Verantwortung zwingen. Auch der 44-jährige Bandleader
       Sebastian Madsen fordert, Plattformen müssten endlich Verantwortung
       übernehmen. „Es ist wie reale Gewalt. Man muss das dringend in den Griff
       kriegen.“
       
       Was die Folgen betrifft, ist Winkler deutlich: „Wenn nichts getan wird,
       haben wir zunehmend eine Diskursdominanz von Rechtsextremen – und weniger
       Menschen, die sich engagieren.“ Studien belegten einen
       Einschüchterungseffekt: Viele reduzierten ihr öffentliches Engagement aus
       Angst oder weil sie dem Druck nicht standhielten.
       
       Der Shitstorm zielte darauf, „Keine Macht dem Hass“ zum Schweigen bringen,
       und erreichte schließlich das Gegenteil. Auf Madsens Statement zur Löschung
       des Kindervideos antworten Hunderte mit Zuspruch, Solidarität, Ermutigung.
       Winkler nennt das „Lovestorm“ – digitale Zivilcourage als Gegenmittel: „Wir
       müssen uns schützend hinter die Menschen stellen, die mit ihrem Gesicht
       gegen Diskriminierung eintreten. Dass sie wissen: Sie tun das nicht
       allein.“
       
       22 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/
 (DIR) [2] https://www.kreiszeitung.de/lokales/rotenburg/scheessel-ort52321/madsen-loescht-video-mit-grundschuelern-wegen-massiver-anfeindungen-94254907.html
 (DIR) [3] https://hateaid.org/
 (DIR) [4] /Gesetzentwurf-gegen-digitale-Gewalt/!6171844
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Daniela Barth
       
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