# taz.de -- Premiere „Roses Rising- The Dinner“: Das Dinner ist kalt geworden
       
       > Mit „Roses Rising – The Dinner“ will Leila Hekmat die
       > Freiheitsversprechen der 70ies-Gegenkultur dekonstruieren. Doch die
       > Performance zündet nicht.
       
 (IMG) Bild: In dieser Geisterbeschwörung der Gegenkultur steht jede Figur für eine andere gescheiterte Strategie der Bewusstseinserweiterung
       
       Nach der Vorstellung von Leila Hekmats Performance „Roses Rising – The
       Dinner“, die am 15. April im Berliner Hebbel am Ufer (HAU) uraufgeführt
       wurde, begnügte sich das Publikum mit einer einzigen Verbeugung des
       Ensembles. Kein Ruf nach mehr, kein anhaltender Jubel. Der Applaus verebbte
       rasch – ungewöhnlich für eine Künstlerin, die sonst eine treue Fangemeinde
       hinter sich weiß.
       
       Die in Berlin lebende US-amerikanische Künstlerin Hekmat ist bekannt für
       ihre opulenten, collageartig zusammengesetzten Kostüme und ihren gewitzten
       Blick auf Begehren, Grenzüberschreitung und Endzeitfantasien der
       spätkapitalistischen Kultur. Mit [1][„Gloriette“] zeigte sie zuletzt am HAU
       einen originellen und gedanklich scharfen Theaterabend, der eine
       durchökonomisierte Welt lustvoll am Rande des Untergangs sezierte. In ihrer
       neuen Produktion nimmt sie sich die Protestkultur der 1970er Jahre vor, mit
       ihrem Freiheitsdrang und revolutionären Geist.
       
       Echte Freiheit, so kann man Hekmats Stück interpretieren, ist in dieser
       Welt nicht zu finden. Den lustvollen Tanz ersetzen Zombie-Bewegungen, die
       Figuren wühlen nur noch in den Trümmern ihrer Selbstfindungsversuche.
       Hekmat zeigt das in einer düsteren Mischung aus Musical, Theater und Tanz
       mit Anleihen bei der Commedia dell´Arte. Die Performer spielen mit Hingabe,
       ein kleines, vollkostümiertes Orchester begleitet den Abend atmosphärisch
       dicht. Und doch will er nicht zünden.
       
       ## Das Dienstmädchen trägt das Kleid hinten offen
       
       Dabei beginnt alles vielversprechend. Ein zartes, traumhaftes Vorspiel
       erklingt. Die Bühne: ein Tisch, fünf dreibeinige Holzstühle, darüber eine
       runde Mondlampe. Das Dienstmädchen Viva trägt klassisch Schwarzweiß mit
       Häubchen, das Kleid ist hinten offen, der ausgestopfte Hintern als stille
       Pointe.
       
       In wehenden Morgenmänteln erscheinen die vier Gäste der Dinnerparty,
       begrüßen sich überschwänglich. Eine Musical-Szene, die an das „Willkommen,
       Bienvenue, Welcome“ aus Cabaret erinnert. Die Mäntel werden achtlos auf
       Viva abgeworfen. Die Kostüme darunter: schwarzweiß, viel durchsichtiger
       Stoff mit Würfeloptik, zwischen Disco-Mode und Fetisch-Ästhetik.
       
       Aloïse, Greer, Luxley, Pepper – jede Figur steht für eine andere
       gescheiterte Strategie der Bewusstseinserweiterung: Aloïse floh in einen
       Zaubergarten. Greer studierte östliche Philosophien bei Huxley und Alan
       Watts, ohne etwas zu begreifen. Luxley liegt bei Freud auf der Couch.
       Pepper sucht ihr Glück in der sexuellen Selbstaufgabe.Das Menü, das Viva
       serviert, ist eine Abfolge von diskursiv-absurden Gängen: „Teethless
       Dumplings“, „Irrational Faith Brûlée“, „Ecstatic Radiance Flambé“. An einer
       Stelle klagt Aloïse über die Gehirnwäsche der Gesellschaft, um gleich
       darauf zu gestehen, dass sie es mag, „brainwashed“ zu sein: „it feels so
       clean“. Der Wortwitz ist da, die Schärfe auch. Doch das Stück entwickelt
       daraus keine Dynamik.
       
       Im Programmheft werden Allen Ginsberg, Timothy Leary, Anaïs Nin, Luis
       Buñuel und Jean-Paul Sartre aufgerufen. Am Ende erscheint tatsächlich ein
       nackter Darsteller als Ginsberg auf der Bühne. Doch die Geisterbeschwörung
       der Gegenkultur bleibt bloße Geste: Die literarischen und politischen
       Referenzen gehen im düsteren Totentanz unter.
       
       Das ist das eigentliche Drama der Aufführung: In „Gloriette“ zerlegte
       Hekmat Konsum und Kapitalismus mit Witz und Schärfe. Doch am Anspruch, den
       [2][Wunsch nach Freiheit] zu dekonstruieren, seine Widersprüche und seinen
       Narzissmus freizulegen, scheitert sie.
       
       Man könnte die Erschöpfung der Figuren als Konzept lesen, als Bild einer
       Gegenkultur, die sich selbst überlebt hat. Aber 90 Minuten Leere ziehen
       sich auf der Theaterbühne dann doch lange hin. „The Dinner“ ist sorgfältig
       gearbeitet, die Musiker spielen brillant, die Performer überzeugen. Aber
       trotzdem bleibt alles leblos. Ein Dinner, das kalt geworden ist, bevor es
       richtig begonnen hat.
       
       20 Apr 2026
       
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       grüßen.