# taz.de -- Tallinn Music Week: Anbrummen gegen die Weltlage
       
       > Experimentelle Klangkunst, Chorgesang, produktive Reibung: In Tallinn
       > laden zwei Festivals zum Speed-Dating mit der vielfältigen Musikszene des
       > Landes.
       
 (IMG) Bild: Wuchtige Klänge im abgerockten Technoclub: Die Performance „Birth of Light“
       
       Willkommen bei der Tallinn Music Week. Das estnische Duo Ruut liefert bei
       seinem kurzweiligen Auftritt allen, die eigens für das Festival angereist
       sind, eine Gebrauchsanweisung für ihr Land – und den Umgang mit seinen
       Bewohner:innen. Die seien ein mürrisches Völkchen, das gerne jammert. Was
       aber mit dem unwirtlichen Wetter zu tun habe. Eigentlich meinten sie es
       nicht so. Sowieso sei nachvollziehbarer, was das Klima mit Menschen mache,
       als etwa die rätselhafte Liebe, die man im Pop so gerne besingt. Deswegen
       heißt das zweite Album von Ruut „Ilmatead“, zu Deutsch: Wetterbericht.
       
       So trocken der Humor der beiden, so komplex ihr Sound: Traditionelle
       Runo-Lieder – mündlich überlieferte Gesänge finnisch-ugrischer Volksgruppen
       – nutzen sie als Ausgangsmaterial, was alles andere als angestaubt klingt.
       Mit vier Händen bearbeiten Ann-Lisett Rebane und Katariina Kivi eine
       einzige Kaneel, eine Art Zither. Sie erweitern deren Klangspektrum, indem
       sie den Korpus zu Perkussionszwecken nutzen. So entstehen miminalistische
       Popsongs, die durch repetitive Strukturen soghaft schimmern.
       
       Leider ist ihr Auftritt nach 30 Minuten vorbei – wie fast alle Gigs bei dem
       dreitägigen Showcase-Festival. Galerien, Clubs und Cafés des Kulturzentrums
       Telliskivi sind zu Konzertsälen umgewidmet. Zentral gelegen im ziemlich
       durchgentrifizierten, teuren Hipsterviertel Kalamaja, mit seiner charmanten
       Mischung aus Holzhäusern und patinösen einstigen Industriebauten.
       
       Andocken kann man bei dem musikalischen Speed-Dating an
       Unterschiedlichstes: von Metal über Afrobeats bis zum bereits erwähnten
       finnisch-ugrischen Liedgut. Gerade letztgenannter Themenabend hält ein
       erstaunliches Spektrum bereit: von Joik-Gesängen der im Norden
       Skandinaviens lebenden indigenen Samen, performt vom Trio Áššu, bis zu den
       eigenwilligen Ethnotronica von Olev Muska. Der in Australien geborene
       Diaspora-Este interpretiert die Traditionen seiner Vorfahren maximal
       verspult. Seine schrägen „Old Estonian Waltzes“ (1985) gelten als erstes
       elektronisches Album der estnischen Musikgeschichte.
       
       ## Psychische Gesundheit in der Musik und Krieg
       
       Anders als in den Songs des Duo Ruut strahlt die Sonne verlässlich vom
       blauen Himmel und sorgt auch tagsüber für ausgelassene Atmosphäre –
       wenngleich viele Panels auf der begleitenden Festivalkonferenz wenig Grund
       für Optimismus geben. Das Musiker:innendasein wird angesichts
       lächerlicher Honorierung durch Streamingdienste und teils drastischer
       Einschnitte bei der Kulturförderung immer prekärer; darüber hinaus
       konkurriert man mit einer Schwemme KI-generierter Musik. Kein Wunder, dass
       psychische Gesundheit auf mehreren Panels Thema ist: „The Show Must Go On
       (But Can You?): Navigating Risk and Burnout“, lautet etwa ein Titel.
       
       Auch der Krieg Russlands gegen die Ukraine ist stets präsent; schließlich
       blickt man auch in Estland besorgt auf das Expansionsstreben des großen
       Nachbarn. Der Krieg beeinflusst auch Estlands Platz auf der kulturellen
       Landkarte. Kaum jemand tourt mehr in Russland; dadurch ist auch [1][das
       Baltikum] an die Peripherie gerückt.
       
       Auf die Konzertbühne gebracht wird der [2][Krieg] vom Folk-Projekt
       „Daughters of Donbas – Songs of Stolen Children“. Die Texte der
       ukrainisch-kanadischen Sängerin Marichka – die auch eingebettete
       Kriegsberichterstatterin ist – basieren auf Berichten der wenigen Kinder,
       die es zurück zu ihren Familien geschafft haben, nachdem etwa 20.000 von
       ihnen aus besetzten ukrainischen Gebieten nach Russland verschleppt worden
       waren.
       
       Harter Stoff – und doch lässt das Konzert die Autorin etwas ratlos zurück.
       Denn der Pathos der Präsentation wird den Abgründen, die sich auftun, kaum
       gerecht. Vielleicht steckt in derartigen Realitäten nicht genug Ambivalenz,
       als dass daraus erhellende Kunst entstehen kann.
       
       ## Mit Kultur gegen die Weltlage
       
       Überhaupt kreisen etliche Diskussionen direkt oder indirekt um die Frage:
       Was kann Kultur der Weltlage entgegensetzen? Etwa beim Panel mit dem
       schönen Titel „When the Balance Holds Its Breath: Orchestra in the Age of
       Fracture“, auf dem Taavi Kerikmäe und Maria Hansar vom Estonian Centre for
       Contemporary Music mit den Komponistinnen Helena Tulve und Maria Faust und
       Graham McKenzie, dem Künstlerischen Leiter des britischen Huddersfield
       Contemporary Music Festivals diskutieren. Wo steht Musik auf der
       Bedürfnispyramide? Sucht das Publikum aktuell vor allem Trost und Ablenkung
       und wo ist Raum für die Sorte Stimulation, wie Avantgardemusik sie bieten
       kann?
       
       Mit der etwas diffusen Diskussion wird ein weiteres Festival anmoderiert,
       das am folgenden Tag beginnt. Über neun Tage präsentieren die Estonian
       Music Days zeitgenössische Klassik und experimentelle Klangkunst,
       vorwiegend in Tallinn und Tartu, der zweitgrößten Stadt des Landes. Einige
       Fragen, die beim Panel offen blieben, beantwortet schon der Eröffnungstag
       der Estonian Music Days: Offenbar faszinieren experimentelle Sounds auch in
       Krisenzeiten, die Auditorien sind gut gefüllt bis ausverkauft.
       
       Zwei der drei Konzerte präsentieren Chöre – kaum überraschend vor dem
       Hintergrund, dass sich Hunderttausende in dem sangesfreudigen Land in den
       Jahren 1988 bis 1991 zum öffentlichen Singen trafen. Mit dieser „Singenden
       Revolution“ trug die Bevölkerung des Baltikums zum friedlichen Austritt aus
       der Sowjetunion bei.
       
       Nachdem zum Auftakt der Ellerhein Mädchenchor zeitgenössische Klassik –
       Etabliertes von der estnischen Neue-Musik-Legende Arvo Pärt, aber auch
       Arbeiten junger Komponist:innen – in einer Kirche präsentiert, trifft
       am Abend der Estnische Nationale Männerchor in einem prächtigen
       Jugendstilsaal auf das Ensemble of the Estonian Electronic Music Society –
       produktive Reibung garantiert.
       
       ## Flirrende Luft dank Vielstimmigkeit
       
       Der Männerchor – für die gut 40 Sänger ist das übrigens ihr Vollzeitjob –
       bedient sich unterschiedlichster Techniken: vom lautmalerischen Brummen und
       Summen über theatrale Solisten-Einlagen bis zu einer Vielstimmigkeit, die
       die Luft flirren lässt. Sieben sehr unterschiedliche Stücke stehen auf dem
       Programm, zwischendurch gibt es eine schön rumpelige Improvisation der
       Elektroniktüftler.
       
       Bei der dritten Veranstaltung an diesem Tag, der aus drei Kompositionen
       amalgamierten Auftragsarbeit „Birth of Light“ bleiben für
       Nicht-Sprachkundige die gesungenen Einlagen, die offenkundig einen
       theatralen Plot vorantreiben, lost in translation. Doch immerhin: Die
       wuchtigen Klänge passen zum Ambiente der Spielstätte: einem [3][abgerockten
       Technoclub], der wehmütige Erinnerungen an Berliner Clubs vor 25 Jahren
       weckt.
       
       Keine Reise in den hohen Norden ohne Saunabesuch, mit der Ostsee als
       Tauchbecken. Lustigerweise war mein Schwitznachbar ebenfalls bei der
       Clubperformance und schwärmt von den vielen Livekonzerten, die er in den
       letzten Tage erleben durfte. Von der Saunahütte aus blickt man auf die
       Linnahall, die wie ein gigantisches, aber baufälliges Raumschiff am Ufer
       thront.
       
       1980 als Außenposten der Moskauer Olympia eröffnet – hier fanden die
       Segelwettkämpfe statt – sorgt der brutalistische, seit 2009 geschlossene
       Bau aktuell für Diskussionen. Abreißen oder zum Kultur- und Kongresszentrum
       umbauen? Letzteres wäre großartig, ein Alleinstellungsmerkmal für die
       Region – aber auch sehr teuer. Im Rahmen der Tallinn Music Week trommelt
       man für die Rettung des Architekturdenkmals; die Führungen sind ausgebucht.
       
       Helen Sildna, Leiterin der Tallinn Music Week, träumt von einem mit der
       Londoner South Bank oder dem Barbican Center vergleichbaren Ort: „Der Blick
       auf die Linnahall hat sich verändert. Mittlerweile gibt es eine junge
       Generation, die sie als Chance und nicht mehr nur als Sowjetrelikt sieht.“
       Groß denken, das können sie in der kleinen Hauptstadt Tallinn. Zu wünschen
       wäre der munteren Kulturszene, dass sich einiges davon erfüllt.
       
       Transparenzhinweis: Dieser Text wurde durch die Estonian Music Days
       unterstützt.
       
       16 Apr 2026
       
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