# taz.de -- Oberbürgermeisterwahl in Göttingen: CDU sieht ihren Kandidaten verunglimpft
> Die Ratsfraktion nennt Ermittlungen gegen Göttinger Oberstaatsanwalt
> Ehsan Kangarani unfair. Niedersachsens Justizministerin messe mit
> zweierlei Maß.
(IMG) Bild: Beschuldigter in einem Ermittlungsverfahren: Eshan Kangarani kandidiert für das Oberbürgermeisteramt in Göttingen
Ehsan Kangarani will Göttingens Oberbürgermeister werden und gilt vielen
als Musterbeispiel für erfolgreiche Integration. Aktuell ist er allerdings
Beschuldigter in einem Ermittlungsverfahren – es geht um den Verdacht des
Verrats von Dienstgeheimnissen. Konkret wird Kangarani beschuldigt, einen
früheren Schulfreund, einen Luxus-Autohändler, vor einer bevorstehenden
Razzia gewarnt zu haben.
Kangarani wurde vor 44 Jahren in Teheran geboren und kam als Kind mit
seinen Eltern nach Deutschland. Beruflich als Oberstaatsanwalt tätig, gibt
Kangarani an der juristischen Fakultät der Göttinger Universität zudem
Seminare im Wirtschafts- und Steuerstrafrecht. Seit 2021 sitzt er für die
CDU im Göttinger Stadtrat, bei den niedersächsischen Kommunalwahlen im
September tritt er für die Partei als Oberbürgermeisterkandidat an. Bereits
vor fünf Jahren bewarb er sich für dieses Amt, [1][verpasste damals jedoch
knapp die Stichwahl].
Die von der Staatsanwaltschaft Verden seit dem vergangenen Jahr geführten
Ermittlungen basierten, so weit bekannt, zunächst maßgeblich auf Aussagen
dieses Unternehmers, der derzeit selbst in Untersuchungshaft sitzt. Einem
Medienbericht zufolge hatte der Autohändler in einem abgehörten Telefonat
mit einem Dritten behauptet, Kangarani habe ihn über laufende Ermittlungen
wegen Subventionsbetrugs, Geldwäsche und Steuerhinterziehung sowie die
anstehende Durchsuchung informiert.
Im Zuge des Verfahrens wurde auch Kangaranis Haus in Göttingen durchsucht,
die Ermittler nahmen dabei Rechner, Handy und Unterlagen mit. Zudem durfte
er vorerst nicht mehr arbeiten, seine beantragte Versetzung von
Braunschweig nach Göttingen wurde auf Eis gelegt. Kangarani sagte seine
Kandidatur bei der Kommunalwahl ab. Zugleich bestritt er die Vorwürfe
vehement. Er spricht von Gerüchten und hat seinerseits Anzeige wegen
falscher Verdächtigung gestellt. Sein Anwalt Michael Nagel schätzt die
Beweislast als gering ein.
## Justizministerium setzt Dienstverbot aus
Im Oktober setzte das Justizministerium in Hannover das Dienstverbot aus.
Der Verdacht gegen Kangarani habe sich nicht erhärtet – der Autohändler
habe eingeräumt, dass er die Unwahrheit erzählt hatte. Kangarani schien
rehabilitiert – und ließ sich doch wie ursprünglich geplant zum
Oberbürgermeisterkandidaten nominieren.
Die Einstellung des Ermittlungsverfahrens schien nur noch eine Formsache.
Doch dann soll sich der Unternehmer aus dem Gefängnis heraus mit einem
Angebot erneut bei den Ermittlern gemeldet haben: Wenn man ihn aus der
Untersuchungshaft entlasse, werde er mittels Screenshots eines Chats
belegen, dass Kangarani ihn doch mit Infos versorgt habe. Deshalb ermittelt
die Staatsanwaltschaft Verden nun weiter gegen den Oberstaatsanwalt und
Oberbürgermeisterkandidaten.
Die CDU steht bislang hinter ihrem Bewerber. „Wir halten an unserem
Kandidaten Ehsan Kangarani fest“, betont der Fraktionsvorsitzende im
Göttinger Stadtrat, Olaf Feuerstein. Es dürfe nicht sein, dass unbegründete
Anschuldigungen den weiteren demokratischen Wettbewerb beeinflussen.
Die Göttinger CDU-Stadtverbandsvorsitzende und Landtagsabgeordnete Carina
Hermann ist von den andauernden Ermittlungen gegen Kangarani ebenfalls
genervt. „Der Vorgang macht mich fassungslos und muss dringend aufgeklärt
werden. Vor allem die Rolle des Justizministeriums wirft viele Fragen auf“,
erklärte sie auch mit Blick auf den [2][Fall des ehemaligen Staatsanwalts
Yashar G. aus Hannover].
G. war im März wegen Bestechlichkeit und Geheimnisverrats zu einer
achteinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Trotz früher Hinweise auf
seine Vergehen hatte G. lange Zeit weiterarbeiten dürfen, was
Niedersachsens Justizministerin Kathrin Wahlmann (SPD) heftige Vorwürfe
seitens der CDU und dem Landtag einen Untersuchungsausschuss einbrachte. Im
Fall Kangarani werfen die Christdemokraten Wahlmann nun mangelnde
Verhältnismäßigkeit vor.
„Es ist schon spannend, wie sehr die CDU hier mit zweierlei Maß misst“,
kontert die SPD-Landtagsfraktion. „Weil nach ihrer Meinung die Ermittlungen
gegen einen anderen der Korruption verdächtigen Staatsanwalt zu zögerlich
waren, hat die CDU dem Land sogar einen kompletten Parlamentarischen
Untersuchungsausschuss beschert.“ Nun fände die CDU, teilt die Fraktion
weiter mit, die Ermittlungen gegen einen anderen der Korruption
verdächtigen Staatsanwalt zu hart. „Es drängt sich der Eindruck auf, dass
der Hauptmaßstab der CDU das Parteibuch der Betroffenen ist.“
Anm. d. Red.: In einer früheren Version des Textes war in der Unterzeile
die Rede von „Korruptionsermittlungen“. Tatsächlich handelt es sich aber um
Ermittlungen wegen Geheimnisverrats. Der Fehler wurde korrigiert.
22 Apr 2026
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