# taz.de -- Klimakrise: Ehrt die Seegraswiesen und lokalen Naturschützer*innen
       
       > Europa erhitzt sich doppelt so schnell wie der Rest der Welt. Die
       > Bedeutung der Meere bei der Klimaanpassung wird zu wenig gesehen.
       
 (IMG) Bild: Beim Klimaschutz kommt den Weltmeeren eine bedeutende Rolle zu
       
       Im Mittelmeer verstecken sich einige der größten Heldinnen des europäischen
       Klimaschutzes: Seegraswiesen. Während sie in bescheidener Pflanzenmanier
       schlicht wachsen, binden sie CO₂ 30-mal so schnell wie tropische
       Regenwälder. Ebenso beiläufig bieten sie hunderten Tierarten Nahrung und
       Brutstätten, filtern Schadstoffe aus dem Wasser und schützen Küsten vor
       Stürmen.
       
       Dieser Küstenschutz wird immer wichtiger, weil Mittelmeerstürme infolge der
       Erderhitzung immer heftiger werden. Die gleiche Hitze dezimiert aber auch
       die Seegraswiesen und ihre küstenschützenden Kräfte. Die Seegraswiesen
       machen deutlich: Allein sind wir unfähig, die Folgen des Klimawandels
       vollständig zu begreifen, und werden es auch bleiben.
       
       Das zeigte der [1][diesjährige Klimabericht des EU-Erdbeobachtungsdienstes
       Copernicus]. Denn wer – mit Ausnahme einer Handvoll Meeresforscher*innen –
       weiß schon, dass in den 1980ern noch etwa 40 Prozent der Meere jedes Jahr
       eine Hitzewelle erlebten und es in den vergangenen drei Jahren jeweils 98
       Prozent waren? Welche überlebenswichtigen Dienste die Meere deshalb nicht
       mehr leisten können, wird den meisten erst dann auffallen, wenn sie sie
       nicht mehr leisten können.
       
       Europa erhitzt sich doppelt so schnell wie der Rest der Welt. Jetzt müssen
       wir mit den Konsequenzen klarkommen. Dafür erarbeitet die EU-Kommission
       derzeit einen gemeinsamen Rahmen für Klimaanpassung. [2][Ihr
       Klimaexpert*innenrat empfiehlt], Europa solle sich auf eine Erderhitzung
       von 3 Grad einstellen.
       
       ## Die Infrastruktur ist auf die Klimakrise nicht ausgelegt
       
       Viele Brücken, Straßen und Schienen, Flusssysteme und Gebäude in Europa
       sind dafür nicht ausgelegt. Sie müssen renoviert, neue Infrastruktur mit
       Blick auf künftige Klimakatastrophen resilient geplant werden. All das
       kostet Geld, und zwar immer mehr, je langsamer die weltweiten
       CO₂-Emissionen zurückgehen.
       
       Wer dafür aufkommt, welche Projekte priorisiert werden und welche Rolle
       Tiere und Pflanzen bei Klimaschutz und -anpassung spielen sollen – zu
       diesen Fragen schweigen Union und SPD in Brüssel. Gleichzeitig [3][fordern
       sie von der EU-Kommission lautstark schwächere Klimaschutzregeln für die
       Autoindustrie] und [4][wollen den Bau neuer Autobahnen als „überragendes
       öffentliches Interesse“ begreifen], wodurch Umweltzerstörung
       unkomplizierter würde.
       
       Umso wertvoller ist die Arbeit von Naturschutzgruppen wie BUND und Nabu,
       die vielerorts dank ehrenamtlicher Unterstützung fossile Infrastruktur
       ausbremsen. Auf welche vielfältigen Weisen sie lokal der Zivilgesellschaft
       Halt bieten, Ohnmacht in Selbstwirksamkeit verwandeln und vor Ort Arten und
       Klima schützen, bleibt meist unsichtbar. Sie sind in der Lage, die
       grundsätzlich überfordernde Klimakrise auf eine begreifbare Ebene
       herunterzubrechen.
       
       Wie die Seegraswiesen auch müssen die Ehrenamtler*innen vor Ort als
       Held*innen gelten, sollten wir Artensterben und Klimakrise in den Griff
       bekommen. Die eine oder andere Klage gegen ein Windrad oder eine
       Bahnstrecke sei ihnen dann verziehen.
       
       2 May 2026
       
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