# taz.de -- Zukunft der Grünen: Wozu werden die Grünen gebraucht?
> Die Grünen wollen wieder wachsen. Dafür müssten sie in der
> liberaldemokratischen und „bürgerlichen“ Mitte inhaltlich, emotional und
> personell andocken.
(IMG) Bild: Ist das noch grün oder schon zu bürgerlich? Cem Özdemir vor seiner Vereidigung als Ministerpräsident im Stuttgarter Landtag
Die Grünen denken jetzt vielleicht, ihre Umfragewerte stiegen, weil die
Leute zur Vernunft kommen und einfach einsehen, wie toll sie sind. Oder
weil die Regierung als scheiße wahrgenommen wird. Letzteres trifft sicher
zu, aber von selber geht gar nichts, und die entscheidende Frage ist, wozu
und wegen wem ein größerer Teil der Menschen in Deutschland die Grünen bei
der nächsten Bundestagswahl wählen sollte.
Sicher nicht, um mit der Linkspartei im Haltungssprechen zu konkurrieren.
Wenn man wieder ernsthaft wachsen will, dann muss man mit seinem Zeug in
der liberaldemokratischen und „bürgerlichen“ Mitte inhaltlich, emotional
und personell andocken können. Man muss anschlussfähig sein an konservative
und mäßig politisierte Leute, die statt SPD und CDU lieber die Grünen
wählen beziehungsweise einen Spitzenkandidaten, dem sie vertrauen und von
dem sie annehmen, dass ihre persönlichen Lebensverhältnisse und die ihrer
Kinder bei ihm in guten Händen sind. Das ist die Realität unserer
gesellschaftlichen Diversität, mit der jeder umgehen muss, der
Verantwortung für das Gemeinwesen übernimmt.
Und das ist der Hauptgrund, warum [1][Cem Özdemir] aus Bad Urach in dieser
Woche [2][als Ministerpräsident von Baden-Württemberg vereidigt wurde]. Er
kann liberaldemokratische Mehrheit auf der Höhe der Realität.
Altbundespräsident Gauck hat es unlängst in seiner Analyse der Leistung von
Winfried Kretschmann gesagt: „Progressives Denken“ in der Verantwortung
muss sich erstens mit der Bewahrung der gemeinsamen Grundlagen verbinden.
Und muss zweitens „die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der
unterschiedlichen Milieus in einer Gesellschaft“ respektieren und
verbinden.
## Es braucht Vernunft
Es ist Denkfaulheitstraditionalismus, einem Grünen-Politiker in
Verantwortung vorzuwerfen, er sei ja „gar nicht grün“ oder „nicht
progressiv“ oder es flögen ja immer noch Flugzeuge. Es braucht die
Vernunft, um zu sehen, dass die Bewahrung der planetarischen Grundlagen
jetzt vorangebracht werden muss und nicht irgendwann. Es braucht aber auch
die Vernunft, wie Gauck sagte, „dass nicht alle in der Gesellschaft
dieselben Hoffnungen und Sehnsüchte haben und auch nicht dieselben
Schrittmaße“.
Daran könnte man verzweifeln, aber das wäre moralisch ziemlich schwach und
selbstbezogen. Angemessen ist es, damit umzugehen. Das hat Kretschmann
gemacht, und das hat allem Anschein nach auch Özdemir vor. Dass diese
grün-schwarze Koalition kein Honeymoon wird, ist eh klar.
Das Rumgeheule eines Teils der CDU nach der Wahl, dieses infantile
Beleidigtgetue und nun die 19 fehlenden Stimmen für Özdemir aus den
Regierungsfraktionen (und vermutlich überwiegend aus der CDU) kennzeichnen
die neue Normalität, in der Brüche nicht automatisch zwischen den Parteien
sind, sondern durch Parteien gehen.
Es kommt nicht nur auf Cem Özdemir und Finanzminister Danyal Bayaz, sondern
auf die CDU-Minister Manuel Hagel und Andreas Jung die Aufgabe zu,
glaubhaft den Eindruck zu erwecken, dass man gemeinsam für die
Unterschiedlichen etwas hinkriegen will und kann.
Nichts wäre verheerender, als die Strategie der rechtspopulistischen
Büchsenspanner zu unterstützen, dass es ein „linkes Lager“ gäbe, zu dem
auch die Grünen gehörten und das der Untergang oder die Rettung
Deutschlands sei. Damit würde man das rechte Lägerchen in der Union stärken
und eine liberale Mitte räumen, die von linken Grünen und SPDlern bis zu
rechtskonservativen Unionern reichen muss. Bei Bedarf auch bis zur
Linkspartei.
Der Ministerpräsident Cem Özdemir steht für eine [3][breite liberale
Mehrheit der Unterschiedlichen]. Dafür wurden die Grünen nicht gegründet.
Aber dafür werden sie jetzt gebraucht, das ist doch auch was.
17 May 2026
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