# taz.de -- Baden-Württemberg: Ist Cem Özdemir doch der richtige Grüne?
       
       > Die historische Aufgabe der Grünen ist es jetzt, die SPD als führende
       > Kraft der linken Mitte zu ersetzen. Den Özdemir-Grünen ist das schon
       > gelungen.
       
 (IMG) Bild: Der Spitzenkandidat der Grünen Cem Özdemir nach Bekanntgabe der Wahlprognosen in Stuttgart am 8. März
       
       Nach dem Wahlsieg von Cem Özdemir sind sich manche führenden
       Grünen-Funktionärinnen intellektuell nicht zu schade, weiter
       daherzuschwadronieren, das sei halt das „konservative“ Baden-Württemberg
       und damit nicht auf andere Bundesländer übertragbar.
       
       Mit Verlaub: Bullshit! Özdemir hat als Grüner in einer radikal veränderten
       Welt die Mehrheit eines Bundeslandes für sich gewonnen. Der Sieg des
       designierten Ministerpräsidenten steht für einen produktiven Umgang mit der
       politischen Situation und ist eine echte Chance für die Rettung der
       Liberaldemokratie.
       
       Jetzt kommt sicher der Hinweis, die Partei sei auf den Plakaten Özdemirs
       nur in ganz kleiner Schrift zu identifizieren gewesen. Ach, echt? Ganz
       schwaches Argument! Es dürfte praktisch keine Wähler in der Bundesrepublik
       geben, die Özdemir nicht kennen und nur sehr wenige, die nicht wüssten,
       dass er ein Grüner ist. Was es gibt, sind Leute, die ihn gewählt haben,
       [1][weil er aus ihrer Sicht „kein richtiger Grüner“ ist].
       
       Sie irren. Özdemir ist seit den frühen 80ern in der Partei aktiv, war ihr
       Bundesvorsitzender, war für sie im EU-Parlament, im Bundestag, in der
       Bundesregierung und das zeitweise als „Doppelminischter“. Wenn der kein
       Grüner ist, dann weiß ich auch nicht.
       
       Damit sind wir beim Problem der Bedeutung von „kein richtiger Grüner“.
       Leute, die Özdemir, Winfried Kretschmann und lange Zeit auch Robert Habeck
       wegen dieser Einschätzung wählten, haben ein negatives Bild von Grünen. Ich
       vermute, das beruht auf der Ablehnung von Funktionärinnen wie Jürgen
       Trittin, Claudia Roth, [2][Jette Nietzard], Terry Reintke und Britta
       Haßelmann. Und vermutlich auf der erfolgreichen Kampagne gegen die
       Postfossilen. Ein „richtiger Grüner“ ist in diesem Denken einer, der gar
       nicht oder nur von einer doofen Minderheit gewählt wird. Dieses Denken ist
       auch in der Parteikultur verankert, da hält man das für moralische
       Exzellenz.
       
       Insofern würde ich mir überlegen, ob dieses Denken nicht radikal die
       Richtung wechseln sollte. Landtagswahlkämpfe seien jetzt
       Persönlichkeitswahlkämpfe heißt es. Stimmt. Aber der entscheidende Punkt
       ist Vertrauen. Eine ganze Menge Leute misstrauen den Grünen, aber sie
       vertrauen Kretschmann und nun auch Özdemir. Sie glauben, dass er wirklich
       Politik für sie machen will – mit den Grünen und der CDU. In Politikfelder
       übersetzt bedeutet das, eher transformative Wirtschafts- und Mittelstands-
       als progressive Identitätspolitik.
       
       Die Özdemir-Grünen haben das geschafft, was Habeck im Bund noch nicht
       gelungen ist: [3][die taumelnde SPD als führende Kraft der „linken Mitte“
       zu ersetzen]. In Schleswig-Holstein ist das in geringerem Ausmaß auch der
       Fall. Genau das ist jetzt die historische Aufgabe der Grünen, die mit der
       „Unterschiedlichkeit der Bundesländer“ (Katharina Dröge) nicht wegzureden
       ist: ersetzen, nicht mehr ergänzen.
       
       Robert Habeck sah vor den meisten anderen, dass nach dem Ende der Ampel und
       einem Scheitern der Union/SPD-Regierung nichts als ein Gemurkse einer
       fraktionierten Kenia-Koalition bleiben wird. Das heißt: Schwarz-Grün wird
       abgelehnt, bevor man es jemals im Bund versucht hat. Ja, eine
       funktionierende Koalition aus Grünen und Union, von linksemanzipatorisch
       bis rechtskonservativ, das ist mit Blick auf Stuttgart, Spahn, Söder und
       die Bundesgrüne-Kultur zwar unwahrscheinlich. Aber es hilft ja nichts.
       
       Insofern ist Cem Özdemir wirklich der richtige Grüne, um gemeinsam mit der
       baden-württembergischen CDU den Leuten und der liberalen Demokratie eine
       ordentliche Zukunftsperspektive zu geben. Auf Augenhöhe und mit
       gegenseitigem Respekt. So schwer das auch beiden Seiten fällt.
       
       6 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Gruene-Jugend-Chef-zum-gruenen-Wahlsieg/!6161982
 (DIR) [2] /ACAB-Streitegespraech-mit-Jette-Nietzard/!6095428
 (DIR) [3] /Krise-der-SPD/!6162790
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Peter Unfried
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Bündnis 90/Die Grünen
 (DIR) Kolumne Die eine Frage
 (DIR) Cem Özdemir
 (DIR) Winfried Kretschmann
 (DIR) Robert Habeck
 (DIR) Grüne Bayern
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Rheinland-Pfalz
 (DIR) Kolumne Alles getürkt
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Dominik Krause gewinnt Münchner OB-Wahl: Grüne können gewinnen, ohne nach rechts zu rücken
       
       Auch linke Grüne können also Wahlen gewinnen. Dominik Krause hat es ähnlich
       gemacht wie Cem Özdemir – aber ohne rechte Narrative zu bedienen.
       
 (DIR) Wahlen in Rheinland-Pfalz: Fünf Lehren aus den Landtagswahlen
       
       Wähler sind nicht doof, Kulturkampf ist kein Wahlkampfhit mehr, und ohne
       die Union geht nix: Was von den beiden Landtagswahlen im Südwesten bleibt.
       
 (DIR) Eine zufällig ortsgebundene Beziehung: Mein Toilettenfreund Cem Özdemir
       
       Es treibt ihm die Schamesröte ins Gesicht: Unser Autor hat eine ganz
       besondere Beziehung zum frisch gebackenen grünen Landeschef von
       Baden-Württemberg.