# taz.de -- Wahlparty in Ungarn: Gute Nacht, Donau-Oligarchie
> Nach seiner überraschend klaren Niederlage endet in Ungarn die Ära von
> Viktor Orbán nach 16 Jahren. Entsprechend historisch fällt der Jubel aus.
(IMG) Bild: Auf zu neuen Ufern? Péter Magyars Wahlsieg macht vielen Menschen im Land Hoffnung
Immerhin sein 1.900-Seelen-Heimatort Felcsút, das Viktor Orbán auch mit
EU-Millionen aufgepäppelt hat mit Luxusbauten, hat ihn nicht fallen lassen:
52,1 Prozent holte Orbáns Fidesz-Partei hier noch. Landesweit siegte
erdrutschartige sein Rivale [1][Péter Magyar: Seine konservative
Tisza-Partei hat deutlich gewonnen und sogar eine Zweidrittelmehrheit
erreicht.] Ministerpräsident Viktor Orbán räumte seine Niederlage noch am
Wahlabend ein und kündigte den Gang in die Opposition an.
Nach Auszählung von knapp 99 Prozent der Stimmen kommt Tisza mit 53,1
Prozent der Listenstimmen auf 138 der 199 Mandate im ungarischen Parlament.
Fidesz stürzte mit nunmehr 38,4 Prozent der Listenstimmen von zuvor 133
Sitzen auf nur noch 55 Mandate ab.
Noch am frühen Morgen rasten Menschen mit Autokorsos über den
Prachtboulevard Andrássy út und am Donauufer gegenüber dem angestrahlten
Parlament feierten mehr als 100.000 Menschen den Sieg der Opposition,
ausgelassen wie den Sieg bei einer Fußball-WM oder den Fall der Berliner
Mauer. „Wir können uns jetzt endlich wieder mit Europa vereinen statt mit
Russland“, schrie ein extra von der Grenze zu Rumänien in die Hauptstadt
gekommener junger Geiger. „Europa, Europa, Europa“-Sprechgesänge hallten
auch an der Donau, als Magyar in seiner Siegesrede versprach: „Ungarn wird
wieder ein starker Verbündeter sein – in der EU und der Nato“.
Eine Ungarn-Trikolore schwenkend und unter ohrenbetäubender Musik des
Frank-Sinatra-Songs „I did it my way“ stolzierte Magyar durch die Reihen
seiner Anhänger*innen mit Fackeln in den Händen und Fans mit
aufgemalter Ungarn-Fahne auf den Backen zu seinem Rednerpult. „Gemeinsam
haben wir das Orbán-Regime gestürzt. Wir haben Ungarn befreit, wir haben
uns unsere Heimat zurückgeholt“, rief der [2][Tisza-Vorsitzende] in die
jubelnde Menge. Nie zuvor habe eine Partei ein solches Mandat vom Volk
erhalten, sagte Magyar mit Verweis auf das Ergebnis und die Wahlbeteiligung
von fast 80 Prozent – die höchste, seit es freie Wahlen in Ungarn gibt.
## Ende der illiberalen Demokratie
Der 45-jährige Magyar kündigte in seiner Siegesrede an, die Ungarn wieder
einen, die Rechtsstaatlichkeit und die Gewaltenteilung wieder in Kraft
setzen zu wollen. Auch der europäischen Staatsanwaltschaft werde sein Land
beitreten, was Orbán immer abgelehnt hatte. Damit will der frühere Jurist
und einst selbst Mitglied der Fidesz-Partei den Weg frei machen zur
Korruptionsbekämpfung und zu den eingefrorenen 18 Milliarden Euro
EU-Fördermitteln.
„Endlich ist dieses korrupte und mafiöse System weg. Für immer“, freut sich
die Deutschlehrerin Lujza, die mit ihrer ganzen Familie zu der Siegesfeier
gekommen ist in übervollen Metrozügen. Für immer? „Hoffentlich“, ergänzt
sie, „es war unerträglich, die Mischung aus Mafia und Propaganda.“
Krisztina ist 29 Jahre alt und pendelt seit zehn Jahren zur Arbeit nach
Österreich, weil dort doppelt so viel gezahlt wird wie in ihrer Heimat.
Viele Ungar*innen machen das so, weil ihr Land seit 2022, dem Einfrieren
der EU-Gelder, wirtschaftlich erheblich abgerutscht, die Inflation auf das
höchste Niveau der Region gestiegen ist und so die Reallöhne Opfer von
Orbáns verfehlter Wirtschaftspolitik wurden.
„Ich habe Magyar gewählt, weil Orbán korrupt ist und Ungarn kaputt macht“,
sagt Krisztina, die sogar in Österreich einkauft und tankt, obwohl es dort
teurer ist. Sie wolle keinen Cent zugunsten der korrupten Orbán-Regierung
ausgeben. Mit Magyar an der Spitze werde sich hoffentlich alles zum
Besseren ändern.
Da widerspricht der 19-jährige Ferencz: „Magyar ist nur das kleinere Übel,
ich habe ihn nicht aus vollem Herzen gewählt“, sagt der junge Mann mit
strohblonden Haaren. „Aber nur er hatte die Chance, Orbán zu besiegen.
Sonst hätte ich lieber eine linke Partei gewählt, Magyar ist mir zu
konservativ“, so der Politikstudent.
## Anti-Russland-Sprechchöre
„Jene, die unser Land betrogen haben, werden zur Rechenschaft gezogen“,
versprach indes Wahlsieger Magyar und forderte die Rücktritte zahlreicher
Fidesz-Leute in den höchsten Staatspositionen, unter anderem von
Staatspräsident Tamás Sulyok, der Präsidenten vom Verfassungs- und Obersten
Gericht, der Führung von Rechnungshof, Wettbewerbsbehörde und anderer
Institutionen.
In den 16 Jahren seiner Amtszeit hat Orbán Ungarn sein Land zu einer
selbsterklärten „illiberalen Demokratie“ umgebaut und fast ohne
Kontrollinstanzen und Einschränkungen regiert. Für viele überraschend war
daher, wie früh und offen Orbán seine Niederlage eingeräumt hat.
„Das Ergebnis ist schmerzhaft für uns, aber eindeutig“, sagte der
scheidende Ministerpräsident bereits kurz nach 21 Uhr vor seinen
Unterstützern. Und er kündigte an: „Wir werden dem Land auch aus der
Opposition heraus dienen.“ Daraus lesen Beobachterinnen und Experten aber
durchaus auch eine Drohung, denn für das milliardenschwere Umfeld des
gestürzten Autokraten hängt nun sehr viel in der Luft.
Ungefähr zur selben Zeit wurde auch die Stimmung bei der Tisza-Party am
Donauufer richtig ausgelassen, nachdem sie anfangs noch besorgt und
zurückhaltend war: Menschen fielen sich um den Hals, öffneten Sektflaschen
und schwenkten überschwänglich Ungarn-Flaggen.
## Hoffnung für die Wirtschaft
„Das ist die Revolution der Jungen“, sagt ein weißhaariger Rentner, der
früher als Ingenieur gearbeitet hat, angesichts der besonders vielen jungen
Menschen auf dem Batthýany-Platz, wo die Party stattfand. Doch es sind
durchaus auch viele Ältere, die in Sprechchöre einstimmen – „Russkij
Posor“, „Russisch Schande“ –, wenn auf den Monitoren Bilder aus der
Wahlveranstaltung Orbáns eingeblendet werden.
Hoffnung keimt auch bei der deutschen Wirtschaft auf, die in Ungarn stark
mit Audi, BMW, Mercedes, Aldi, Lidl, Rossmann, DM und vielen anderen
investiert. Zuletzt war der bilaterale Handel zurückgegangen wegen der
Wirtschaftsschwäche Ungarns infolge der wegen Korruptionsvorwürfen
einbehaltenen EU-Milliarden-Fördergelder.
„Mit der neuen Regierung verbindet sich die Hoffnung auf eine
wirtschaftspolitische Neuausrichtung: Dazu gehören ein klarer europäischer
Kurs, die Stärkung der Rechtsstaatlichkeit und verlässliche
Investitionsbedingungen für in- und ausländische Unternehmen“, sagt Peter
Haußmann, in Ungarn wirtschaftlich engagierter Vize-Chef des
Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft.
„Der Sieg Magyars verspricht eine Abkehr von einer Wirtschaftspolitik, die
zuletzt durch stagnierendes Wachstum, Nepotismus, Korruption und Verstöße
gegen den europäischen Binnenmarkt geprägt war.“
„Magyar ist kein emanzipatorischer Hoffnungsträger für alle“, meinte Clara
Bünger, Vize-Fraktionschefin der Linken im Bundestag, die als
OSZE-Wahlbeobachterin in Ungarn war. Ernst Hillebrand, Leiter der
Friedrich-Ebert-Stiftung in Budapest, nannte das Ergebnis „einen System-
und Generationswechsel“. Zugleich warnte er aber: „Tisza ist eine sehr
heterogene Anti-Orbán-Allianz ohne erfahrene Politiker*innen. Was diese
Allianz zusammenhält, wenn die äußere Klammer wegfällt, wird sich erst noch
zeigen.“
13 Apr 2026
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