# taz.de -- Dokumentarfilmerin über SM-Studios: „Es sollte für diese Arbeit eine Ausbildung geben“
> „Sehr geehrte Herrin“: Die Filmemacherin Karola Pfaffinger zeigt bei der
> Dokumentarfilmwoche Hamburg ihren Abschlussfilm über ein SM-Bordell.
(IMG) Bild: Alltäglichkeit des Ganzen: Domina bei der Vorbereitung
taz: Frau Pfaffinger, in Ihrem Film zeigen Sie das Bordell einer Domina aus
einer extremen Innensicht. Sie haben nur in dessen Innenräumen gedreht; nur
die Besitzerin und eine weitere Sexarbeiterin kommen zu Wort. Warum haben
Sie den Film so gemacht?
Karola Pfaffinger: Jede und jeder hat ja eine eigene Meinung zu Sexarbeit.
Das Thema polarisiert extrem und darüber wird auch politisch viel
debattiert. Da wollte ich mal genauer auf den Alltag der dort arbeitenden
Frauen schauen.
taz: Sie stellen die Arbeit einer Domina in einer Art Homestory vor. Dabei
entsteht ein Bild, das den Vorurteilen und Klischees über dieses Metier
nicht entspricht.
Pfaffinger: Genau! Das Bordell ist in einer Wohnung und wir haben den Film
nur in ein paar Zimmern gedreht. Ich habe davor Ethnologie studiert und
komme aus dem Bereich der qualitativen sozialwissenschaftlichen Forschung.
Aus dieser Richtung bin ich zum Dokumentarfilm gekommen. Bei meiner Art des
Filmemachens ist es wichtig, dass man da nicht nur kurz mal hinfährt und
ein paar Fragen stellt. Wir waren stattdessen elf Tage lang in dieser
Wohnung. Auch um ein Gefühl dafür zu bekommen, was da den ganzen Tag über
passiert.
taz: Man spürt in jeder Einstellung Ihre Neugierde. Dabei ist der Film
betont sachlich und Sie vermeiden es zu bewerten.
Pfaffinger: Mir geht es gar nicht darum, klare Antworten zu liefern. Man
muss differenzieren: Die Protagonistin Evelyn ist eine selbstbestimmte
Sexarbeiterin und man kann sie nicht mit den Frauen vergleichen, die da
unfreiwillig reingerutscht sind. Ich wollte diesen Kontext mal so genau wie
möglich betrachten, um den Zuschauer*innen so die Möglichkeit zu geben,
sich von der Alltäglichkeit dieser Arbeit überraschen zu lassen.
taz: Eine von diesen Überraschungen ist, dass man Evelyn neben dem Umziehen
und dem Beantworten der Mails von Kunden nur dabei sieht, wie sie typische
Hausfrauentätigkeiten ausführt. Sie scheint ständig am Putzen zu sein.
Pfaffinger: Da denkt man nicht sofort dran, wenn es um Sexarbeit geht. Aber
ich finde es wichtig, all diese Elemente ungefiltert zu zeigen, um deutlich
zu machen, wie es dort aussieht und was alles dazugehört.
taz: So etwa einen Fressnapf aus Stahl hinter den stählernen Gittern eines
Käfigs. Da erzählen Sie mit Details sehr viel, obwohl Sie ja nur die
Instrumente zeigen. Warum kommen die Kunden nur in den Texten Ihrer E-Mails
zu Wort?
Pfaffinger: Ich war überrascht davon, dass die Kontakte ausschließlich über
E-Mail laufen. Ich fand den Kontrast spannend, wenn in den nüchternen
E-Mails in großer Ausführlichkeit die gewünschten Services angefragt
werden, denn auch das spiegelt die Alltäglichkeit des Ganzen wider.
taz: Diese E-Mails der Kunden sind die einzigen Momente, in denen jemand
entblößt wird, denn Sie geben sich ja größte Mühe, zu vermeiden, dass der
Film [1][erotisch oder voyeuristisch] gelesen werden kann.
Pfaffinger: Es geht mir ja nicht darum, diese Praktiken zu zeigen. Solche
Bilder braucht der Film nicht. In seiner Nüchternheit soll er radikal
enttabuisierend wirken.
taz: Ungewöhnlich ist auch, dass Sie diese Arbeit tatsächlich wie [2][ein
Handwerk] beschreiben.
Pfaffinger: Man soll eine Ahnung davon bekommen, welche Praktiken dort
angewendet werden und dass diese Arbeit oft fast schon einen medizinischen
Charakter bekommt. Da wird ja nicht nur Sex geliefert, denn Evelyn muss
immer auch im Kopf haben, was der Kunde alles will, was geht und was nicht.
Sie muss zudem immer auch aufpassen, dass die Kunden da heil wieder
herauskommen, denn es geht oft an die körperlichen Grenzen. Wenn da zum
Beispiel ein Katheter gelegt wird, habe ich gedacht, es sollte für diese
Arbeit eine Ausbildung geben.
13 Apr 2026
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