# taz.de -- Regisseur*in über Live-Sex-Theater: „Theater ist immer eine Art von Voyeurismus“
       
       > Einst lockte das Salambo mit echtem Sex auf die Große Freiheit in
       > Hamburg. Ruby Rawson möchte diesen Ort in einen zeitgenössischen Kontext
       > setzen.
       
 (IMG) Bild: Legendäres Sex-Theater: das Salambo, links auf der Großen Freiheit an der Reeperbahn, etwa 1968
       
       taz: Ruby Rawson, was erwartet das Publikum bei „Obscene“? 
       
       Ruby Rawson: Es wird eine heiße queere Sex-Show mit vielen theatralen
       Momenten, Gesang und Theatertricks. Es wird lustig und humorvoll.
       
       taz: Ihre Inszenierung ist eine queerfeministische Interpretation des
       Salambo-Klubs, des ersten Live-Sex-Theaters auf der Reeperbahn. Wieso
       wollen Sie dieses Theater wieder aufleben lassen? 
       
       Rawson: Mich hat das total fasziniert. Ich habe mich gefragt, was der
       Unterschied zwischen filmischer Pornografie und Live-Sex ist und wie dieser
       Live-Moment etwas beeinflusst, das eigentlich sehr privat ist. Theater ist
       immer eine Art von Voyeurismus, natürlich im Einverständnis. Beim
       Live-Sex-Theater wird dieses Anschauen und Angeschautwerden auf die Spitze
       getrieben. Außerdem geht es mir um machtkritische Strukturen am Theater und
       um die Frage, wie es ist, dieses intime Thema ins Theater zu bringen. Dabei
       habe ich meine Profession als Schauspieler*in mit einem persönlichen
       Interesse verbunden – ich interessiere mich sehr für Sexpositivität, sowohl
       in der Theorie, als auch in der Praxis.
       
       taz: Wieso orientieren Sie sich dabei an den Inszenierungen des
       Salambo-Klubs? 
       
       Rawson: Weil es ein sehr spannender Ort mit vielen unterschiedlichen
       Menschen war. Im Salambo fand aber vieles auf einer sehr heteronormativen
       und exotisierenden Ebene statt. Wir wollen das aufgreifen und in einen
       zeitgenössischen Kontext setzen, mit einem kritischen Bewusstsein, was
       Gender und Race angeht. Der Fokus liegt bei uns aber mehr auf Lust als auf
       den Schattenseiten, die nur unser Ausgangspunkt sind. Wir gehen mit der
       Idee daran, wie es wäre, wenn solch ein Ort ein schöner Ort wäre, wo
       Menschen aufeinander aufpassen.
       
       taz: Kann Sex-Theater emanzipatorisch sein? 
       
       Rawson: Auf jeden Fall. Der Zugang zu Pornografie ist sehr leicht und
       jederzeit verfügbar. Ich finde es wichtig, dem eine emanzipatorische und
       lustvolle Auseinandersetzung entgegenzusetzen – und dabei zu fragen, was
       queere und weibliche Sexualität, Safe Sex, Consent und persönliche Grenzen
       bedeuten. Das mit verschiedenen Körpern und in unterschiedlichen
       Konstellationen auf einer Bühne zu erleben, hätte mir als heranwachsender
       Person mit sexuellem Interesse sehr viel gebracht.
       
       taz: War Sex-Theater auch im Salambo emanzipatorisch? 
       
       Rawson: Meiner Einschätzung nach nicht. Aber diese Empfindung wurde, je
       mehr ich geforscht habe, immer uneindeutiger. Durch die vielen Gespräche
       mit verschiedenen Menschen hat sich ein komplexes Bild des Salambo ergeben.
       Außerdem möchte ich darüber nicht urteilen, weil ich es selbst nie erlebt
       habe.
       
       taz: Wie haben Sie sich im Vorhinein über die Darsteller*innen
       informiert? 
       
       Rawson: Wir haben recherchiert und mit Zeitzeug*innen geredet. Auf St.
       Pauli gibt es das Erotic Art Museum, wo man sich Fotos, die Speisekarte und
       Requisiten des Salambo sowie Videokassetten ansehen kann. Wir durften in
       das [1][Archiv des Fotografen Günter Zint] schauen, der so etwas wie der
       Hausfotograf des Salambo war. Außerdem hat die [2][St.-Pauli-Historikerin
       Eva Decker] ihr Wissen mit uns geteilt.
       
       taz: Was haben Sie herausgefunden? 
       
       Rawson: Das Salambo war Arbeitsort und Zuhause vieler marginalisierter
       Personen, wie Migrant*innen und trans Frauen. Über diese Menschen ist
       aber sehr wenig bekannt. Teilweise kennt man sie nicht einmal beim Namen.
       Über den [3][Gründer des Salambos, René Durand], gibt es aber ganze Bücher.
       Wir wollen diese Leerstelle aufzeigen und uns fragen, wer die
       Performer*innen waren.
       
       taz: Inwiefern bringt ihr dokumentarisches beziehungsweise historisches
       Material mit in die Inszenierung ein? 
       
       Rawson: Wir stellen berühmte Salambo-Nummern nach und setzen sie Ikonen aus
       der lesbischen Porno- und BDSM-Szene entgegen, wie zum Beispiel Krista
       Beinstein und Annie Sprinkle. Wir haben uns aber bewusst dazu entschieden,
       die Fotos, die es aus der Zeit des Salambo gibt, ebenso wie das
       Videomaterial, nicht mit in die Inszenierung zu integrieren. Wir wollen bei
       dem Live-Moment bleiben.
       
       4 Feb 2026
       
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