# taz.de -- Regisseur über SM-Film „Pillion“: „Den Sex nicht anders behandeln als die Dialoge“
       
       > In seinem Spielfilmdebüt „Pillion“ erzählt Harry Lighton von einer
       > schwulen SM-Beziehung. Kink, Fetisch und Beziehung erzählt er
       > ungewöhnlich – und explizit.
       
 (IMG) Bild: Die sexuelle Dynamik zwischen Ray (Alexander Skarsgård) und Colin (Harry Melling) ist einvernehmlich und doch ambivalent
       
       Nach zahlreichen Kurzfilmen legt der britische Regisseur Harry Lighton sein
       Langfilmdebüt „Pillion“ vor und erzählt darin eine der ungewöhnlichsten
       Beziehungsgeschichten, die es in jüngster Zeit auf der Leinwand zu sehen
       gab. Über die Arbeit an der preisgekrönten Adaption von Adam Mars-Jones’
       Roman „Box Hill“, in der „Harry Potter“-Darsteller Harry Melling und
       Emmy-Gewinner [1][Alexander Skarsgård] die Hauptrollen spielen, sprachen
       wir mit dem 33-Jährigen im Interview. 
       
       taz: Mr Lighton, in Ihrem Film „Pillion“ geht es um die sich langsam
       entwickelnde Beziehung zwischen dem schüchternen, noch bei seinen Eltern
       lebenden Colin und dem sehr bestimmend und gern in Motorradkluft
       auftretenden Ray. Wie vertraut waren Sie mit der Welt von BDSM, wo es um
       Dominanz und Unterwerfung oder Sadomasochismus geht? 
       
       Lighton: Ich sage es mal so: Den einen oder anderen Einblick hatte ich über
       die Jahre in diese Welt gewinnen können. Ohne dass ich behaupten könnte,
       dort wirklich zu Hause zu sein. Insgesamt war ich immer schon interessiert
       an allem, was man vielleicht als Transgressivität in Sachen Sexualität
       bezeichnen könnte. An allem, [2][was sich jenseits der etablierten Norm
       bewegt]. Darum ging es auch in vielen meiner Kurzfilme. Was bei „Pillion“
       nun allerdings wirklich einen großen Raum einnahm, sowohl beim Schreiben
       als auch in der Arbeit mit den Schauspielern, war Recherche gerade mit
       Blick auf diese Biker- und Lederkultur. Diesbezüglich war ich einigermaßen
       ahnungslos.
       
       taz: Es war also weniger ein persönlicher Bezug, der Ihr Interesse weckte,
       [3][als der Roman „Box Hill“ von Adam Mars-Jones auf Ihrem Tisch landete]? 
       
       Lighton: Nein, und ich kannte das Buch auch nicht. Aber ich war schon eine
       Weile auf der Suche nach einer Geschichte, die thematisch grob in diese
       Richtung ging: über eine irgendwie unschuldige, unbedarfte Person, die eine
       Art persönliche, aus der Sexualität erwachsende Revolution durchmacht. Also
       dezidiert etwas anderes als eine herkömmliche queere
       Coming-of-Age-Geschichte. Als mir Eva Yates von BBC Film dann „Box Hill“
       empfahl, wurde ich dort fündig. Und war fast noch mehr als von der
       Geschichte von ihrem Tonfall begeistert.
       
       taz: Wie würden Sie den beschreiben? 
       
       Lighton: Ich fand es sehr außergewöhnlich und aufregend, dass ich innerhalb
       weniger Seiten lachen musste und zum Nachdenken angeregt wurde, emotional
       richtig bewegt und gleichzeitig sexuell erregt war. Das muss man erst
       einmal schaffen. Zu versuchen, diese Gefühlsbandbreite so verdichtet auch
       in einem Film zu transportieren, war eine Herausforderung, der ich mich
       unbedingt stellen wollte.
       
       taz: Welches dieser Elemente war am schwierigsten im Film umzusetzen? 
       
       Lighton: Ich war mir relativ sicher, dass es nicht schwer sein würde, die
       Geschichte geil und sexy zu machen. Beim Humor musste ich einfach genau
       hinsehen und dafür sorgen, dass es nie so wirkt, als würden wir uns über
       die Figuren oder diese Community lustig machen. Aber die größte
       Herausforderung war es definitiv hinzubekommen, ein Publikum, das mit
       dieser Welt so gar keine Berührungspunkte hat und ihr womöglich mit
       Irritation begegnet, wirklich emotional zu erreichen und zu berühren.
       
       taz: Womit wir wieder bei der Recherche sind, denn Sie ließen sich für
       größtmögliche Authentizität vom Gay Bikers Motorcycle Club beraten, dem
       größten LGBTQ-Motorrad-Club Europas … 
       
       Lighton: Ja, ich war mit einer Gruppe des Vereins ein paar Mal am
       Wochenende auf Tour. Aber ich habe auch mit verschiedenen Paaren
       gesprochen, die in ihrer Beziehung unterschiedliche Formen von Machtgefüge
       ausleben. Diese Form der Recherche hat mich mehrere Monate beschäftigt,
       bevor ich mich beim Schreiben dann auf meine Instinkte als
       Geschichtenerzähler verlassen habe. Wobei es auch hilfreich war, dass viele
       der Gay Bikers auch beim Dreh von „Pillion“ als Statisten dabei waren. Mir
       war es wichtig, dass sie ihre Subkultur wirklich adäquat auf der Leinwand
       repräsentiert sahen. Ich habe gern auf ihren Rat gehört, sei es, wenn es
       darum ging, wie genau die Subs bei einer Orgie ihre Hände hinter dem Rücken
       verschränken oder welches Gleitgel sie präferieren. Als ich kürzlich den
       Film bei der Mid-Atlantic Leather, einem der weltweit größten Treffen der
       Leder- und Kink-Community, präsentierte, wurde ich danach von vielen
       Männern gefragt, woher ich all diese Details über ihre Szene wissen würde.
       Da habe ich mich doch ein wenig bestätigt gefühlt.
       
       taz: Zwischen Biker-Conventions und der [4][Weltpremiere beim Filmfestival
       von Cannes haben Sie „Pillion“] rund ein Jahr lang an den verschiedensten
       Orten gezeigt. Welches Publikum war das anspruchsvollste? 
       
       Lighton: Puh, gute Frage. Am meisten Bammel hatte ich beim Filmfestival in
       Telluride vergangenen Sommer. Das ist eine prestigeträchtige, in der
       Branche sehr wichtige Veranstaltung im US-Bundesstaat Colorado, wo das
       Publikum eher konservativ ist. Oder zumindest im Durchschnitt eher
       wohlhabend, weiß, heterosexuell und nicht sonderlich jung. Bei keinem
       Screening war ich nervöser als bei der Premiere dort. Als dann während des
       Films viel gelacht und teilweise mit lauten Zwischenrufen und anderen
       emotionalen Ausbrüchen reagiert wurde, bekam ich erstmals ein Gefühl dafür,
       dass der Film auch jenseits [5][eines queeren Zielpublikums funktioniert].
       Wobei ich niemals damit gerechnet hätte, dass selbst meine Mutter mehrmals
       mit Freundinnen ins Kino gehen und sich bestens unterhalten fühlen würde.
       
       taz: Letzteres dürfte auch damit zu tun haben, dass Sie nicht nur den Humor
       und das Setting der Romanvorlage verändert haben. Auch eine Szene des
       Buches, die recht eindeutig als Vergewaltigung zu lesen ist, kommt in
       „Pillion“ so nun nicht mehr vor. Aus Angst vor Kontroversen? 
       
       Lighton: Die Art und Weise, wie der erste penetrative Sex der beiden Männer
       im Roman beschrieben wird, macht Ray ganz ohne Frage zum Täter. Das wirft
       natürlich einen Schatten auf die gesamte Beziehung zwischen ihm und Colin.
       Ich war allerdings mehr daran interessiert, die Geschichte der beiden mit
       Elementen der romantischen Komödie zu erzählen. Mir war es wichtig, dass
       die sexuelle Dynamik zwischen den beiden eine einvernehmliche ist – und
       sich das Publikum angesichts von Rays Machtspielen und Manipulationen
       trotzdem fragt, ob er nun eigentlich ein netter Kerl oder doch böse ist und
       hier ein Fall von emotionaler Ausbeutung vorliegt. Diese Grauzone fand ich
       reizvoller als die ziemlich unmissverständliche Färbung des Romans.
       
       taz: Insgesamt ist Sex ein wichtiger Faktor in dieser Geschichte, was
       heutzutage im Kino gar nicht mehr so häufig der Fall ist. Warum war es
       Ihnen so wichtig, Sexszenen nicht nur anzudeuten, sondern ziemlich explizit
       zu zeigen? 
       
       Lighton: Ich finde es ziemlich bedauerlich, wie in den meisten Filmen und
       Serien nur noch eine Art Stenografie für Sex und Sexyness angewandt wird.
       Da sieht man dann zwar das Vorspiel und die Hinleitung, und dann gibt es
       bestenfalls noch zwei Silhouetten im Dämmerlicht und ineinandergreifende
       Hände in Großaufnahme zu sehen. Mir dagegen war es wichtig, den Sex nicht
       anders zu behandeln als die Dialoge. Beides sollte wahrhaftig und ehrlich
       wirken, nicht bloß irgendetwas behaupten und dem Publikum die Chance geben,
       sich ein eigenes Bild zu machen. Ich wollte den Raum haben, nicht nur die
       Innigkeit beim Sex und den Orgasmus zu zeigen, sondern eben auch
       Unbeholfenheit, Verunsicherung und alles andere, was dazugehören kann.
       Damit konnte ich die Idee von Kink und Fetisch für das Publikum aus dem
       Bereich der Fantasie holen und zu etwas Realem und Nachvollziehbarem
       machen.
       
       taz: Gab es Diskussionen mit den Produzent*innen, wie weit Sie gehen
       durften? 
       
       Lighton: Ich habe von Anfang an darauf gepocht, dass „Pillion“ keine zahme,
       prüde Adaption werden darf und wir ganz unverblümt mit dem Thema Sex
       umgehen müssen. Da waren wir uns zum Glück alle einig. Den Sex auszublenden
       hätte ja gewirkt, als würden wir uns dafür schämen oder genau das
       verurteilen, wovon wir eigentlich erzählen. Die einzigen Diskussionen, die
       es also gab, waren solche darüber, wie oft und wie lange man zum Beispiel
       einen erigierten Penis zeigen kann, bevor aus dem Film etwas wird, das in
       einem gewöhnlichen Kino nicht mehr gezeigt werden darf.
       
       24 Mar 2026
       
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