# taz.de -- Berliner beim Bergsteigen: Bärbel, deine Welt sind die Berge
       
       > Wenn man mit Turnschuhen das Gebirge betritt, ist der Abstieg manchmal
       > weiter entfernt als gedacht. Wie gut, wenn man den Heiland trifft. Oder
       > Bärbel.
       
       Ich mag Berge. Sie sind schön und schroff. Ich muss sie nur von Weitem
       sehen und träume mich auf den Gipfel. Vor allem, wenn da Schnee liegt. So
       wie neulich im bayerisch-österreichischen Grenzgebiet, als wir all unsere
       Bergerfahrung aus dem Berliner Volkspark Prenzlauer Berg zusammennehmen und
       loswandern.
       
       Wir grüßen fröhlich Menschen. Wir treffen einen Hund, der aussieht wie ein
       schwarzes Schaf. Und wir essen unsere gesamten Vorräte. Selbst die
       Höhenangst, die mich sonst vom Glühbirnenwechsel abhält, verschwindet. Es
       ist ein Wunder.
       
       Bis der Berg plötzlich doch ein Berg ist: Bei jedem Schritt sprießt mehr
       Wurzelwerk aus immer steilerem Boden. Alles ist rutschig wie Schmierseife.
       Und wir – tragen Turnschuhe. Das weiß der Berg!
       
       Hinter jeder Biegung foppt er uns. Er tut, als wäre der Abstieg endlich da.
       Aber da ist nur der nächste Kamm. Und die Wege werden schmal und schmaler.
       Trotzdem schaffen wir es am Schnee vorbei zum echten Scheitelpunkt. Still
       und moosbewachsen liegt er da. Der Heiland beäugt uns von seinem Kreuz aus.
       
       Hier tritt endlich Bärbel in unsere Geschichte. Ich klammere mich an das
       einzige dünne Bäumchen hier. Vor mir reckt nackter Fels einen spitzen,
       mahnenden Finger in den Himmel.
       
       „Ja, doch!“, rufe ich. Und ernte den fragenden Blick einer Frau. Sie sitzt
       doch tatsächlich auf einer schmalen Holzbank direkt neben diesem erhobenen
       Finger. Um sie ist nichts als Nichts. Mir schlottern die Knie.
       
       Beim Abstieg stellt sie sich uns als Bärbel vor und bietet uns einen Riegel
       als Notration an. Bärbel sieht aus, als hätte der Berg sie gemacht. Ihr
       langes, dunkelblondes Haar schwingt locker unter einem Stirnband. Eine
       Weste hält sie warm und mächtiges Wanderschuhwerk in der Spur.
       
       Wir sehen ehrfürchtig zu, wie Bärbel als strahlender Punkt an uns vorbei,
       zwischen Felsen und über Wurzeln, verschwindet. Bevor die Nacht einsetzt,
       sind wir auch endlich im Tal. Und Bärbel? Sitzt wohl schon längst beim
       Enzian.
       
       9 Apr 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Klaus Esterluss
       
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