# taz.de -- Dokufilm „Pompeji: Unter den Wolken“: Immer wieder kleinere Ausbrüche
> In seinem Dokumentarfilm „Pompeji: Unter den Wolken“ erkundet Regisseur
> Gianfranco Rosi den Golf von Neapel. Er erweist sich als genauer Sammler
> von Momenten.
(IMG) Bild: Die Landschaftsaufnahmen in „Pompeji: Unter den Wolken“ sollte man eigentlich im Kino sehen
Wäre der Titel „Die Erde bebt“ nicht schon vergeben, er hätte zu
[1][Gianfranco Rosis neuem dokumentarischen Essayfilm gepasst, der nach
seiner Weltpremiere bei den Filmfestspielen von Venedig] nun beim
Streamingportal Mubi zu sehen ist. Der wortwörtlichen Übersetzung des
Originaltitels „Sotto le nuvole“ – „Unter den Wolken“ – wurde in
Deutschland noch ein Pompeji vorangesetzt, eine nicht ganz falsche, aber
doch etwas zu spezifische Ortsbestimmung.
Zwar spielen Szenen des Films auch in den Resten der [2][Stadt am Fuße des
Vesuvs, die im Jahre 79 von Asche und Lava zu einer der berühmtesten
Ruinenstätten der Welt verwandelt wurde], doch Rosi geht es um mehr als
einen touristischen Blick oder offensichtliche Allegorien. Sein Interesse
gilt der gesamten Region am Golf von Neapel, den langjährigen Bewohnern der
Millionenstadt, aber auch den neuen, den Migranten, die in Europa auf eine
bessere Zukunft hoffen, oder denen, die auf Lastschiffen nur für kurze Zeit
anlegen.
Sie alle leben für eine mal längere, mal kürzere Zeit im Schatten des
Vesuvs, der der Landschaft zwar ihre unverwechselbare Note gibt, sie aber
auch seit Tausenden Jahren immer wieder erschüttert und in ihrer Existenz
bedroht.
Auch in den letzten Jahren gab es immer wieder kleinere Ausbrüche, erst
diesen März ein Beben, das mit einer Stärke von 5,9 auf der Richterskala
gemessen wurde. Als „Europas Supervulkan“ wird der Vesuv bisweilen
bezeichnet, die größte Gefahr geht indes weniger von ihm selbst aus als von
den einige Kilometer westlich des Zentrums von Neapel gelegenen
Phlegräischen Feldern. Hier hatte vor gut 70 Jahren Roberto Rossellini
Szenen seines legendären Dramas „Viaggio in Italia“ gedreht, die nun
wiederum ihren Weg in Rosis Film finden.
## Eine fragile Region
In einem verfallenen Kino flimmern die Bilder mit Ingrid Bergman über die
Leinwand, die damals selbst in dokumentarischer Manier durch Pompeji
geführt wurde und jene markanten Gipsabgüsse sah, mit denen aus den
Hohlräumen in der Lava Abbildungen der Verstorbenen geformt wurden. Ein
Memento mori, das die Fragilität der Region in ein eindringliches Bild
fasst, ein Motiv, das sich bei Rosi als roter Faden durch seinen Film zieht
– und letztlich auf sein gesamtes Werk verweist.
Vor einigen Jahren war Rosi [3][für seinen auf und um Lampedusa gedrehten
Film „Seefeuer“ mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet] worden, für einen
Film, der [4][die Flüchtlingsströme, die von Nordafrika auf einem der
südlichsten Punkte Europas ankamen], in eindringlichen Bildern einfing.
Fast meint man nun, Menschen von damals auf den Straßen Neapels zu
entdecken: Flüchtlinge, die aus Afrika nach Europa kamen und versuchen, in
Italien ein Zuhause zu finden; die sich mit Einheimischen
auseinandersetzen, die ihnen oft mit Skepsis, um nicht zu sagen mit
unverhohlener Abneigung begegnen.
Eine andere Linie des mäandernden, zu vielen Seiten offenen Films führt
diesmal zum [5][Krieg in der Ukraine], an sich weit weg von Süditalien,
aber durch Containerschiffe, mit denen tonnenweise Getreide nach Italien
gebracht wird, auch ganz nah.
Und im Bauch der Schiffe, in der Totale ganz winzig: syrische Arbeiter, die
auf den Bergen von Weizen – die in der Nahaufnahme erst recht durch Rosis
markantes Schwarz-Weiß wirken wie die rutschigen Abhänge des Vesuvs –
herumrutschen, das Schiff bis auf das letzte Korn reinigen und auf ihre
Weise für die Ernährung Europas sorgen, auch wenn es weiten Teilen Europas
mehr als recht ist, wenn sie im Schiff verborgen bleiben und nicht gesehen
werden.
Auf dem Papier hört sich das gleich viel zugespitzter an, als es in Rosis
ruhigen, betont zurückgenommenen Bildern angelegt erscheint. Kein
didaktischer Dokumentarfilmregisseur ist der inzwischen 62-jährige
Italiener, sondern ein dezenter Beobachter, ein genauer Sammler von
Momenten und Impressionen, die er mit seiner zwar nicht neutralen, aber
auch nicht agitatorischen Montage zu einem großen Ganzen formt.
8 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Michael Meyns
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