# taz.de -- Doku „Do You Love Me?“ über den Libanon: „Scheiß auf das ‚Paris des Nahes Ostens‘“
       
       > „Do You Love Me?“ nennt Lana Daher ihren Debütfilm über den Libanon. Sie
       > spricht über das Aufwachsen im Bürgerkrieg, intergenerationale Traumata
       > und Klischees.
       
 (IMG) Bild: In „Do You Love Me“ wahrt Lana Daher meistens Distanz zur Gewalt
       
       Wie erzählt man von einem Land, dessen Geschichte in den Schulbüchern nicht
       verhandelt wird, weil sich niemand dort auf eine Geschichte einigen kann?
       Regisseurin Lana Daher entwirft mit „Do You Love Me“ ein Porträt des
       Libanon, das allein aus Archivaufnahmen besteht. Anhand von Spielfilmen,
       Dokumentationen, Fernsehshows, Homevideos und Musik reist ihr Film durch
       Zeiten, Genres und Motive. Er erzählt von Zerstörung und Verlust, aber auch
       vom Meer, von Hochzeiten und Alltag oder dem Sound Beiruts. 
       
       taz : Frau Daher, welches Bild kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Ihre
       Heimat denken? 
       
       Lana Daher: Darüber habe ich noch nie nachgedacht.
       
       Sie hebt ihren Pullover hoch. Das T-Shirt darunter zeigt ein grobkörniges
       Foto von Beirut, das aus der Luft aufgenommen wurde. Man sieht den
       Küstenverlauf, die Stadt am knallblauen Meer. 
       
       Daher: Ich denke an den Blick auf Beirut beim Landen. Dieser Blick ist
       alles. Ich weiß nicht, warum wir Libanes:innen das immer wieder
       fotografieren. Als würden wir uns vergewissern: Es ist noch da. Ich nenne
       es Gotham City, obwohl alles so blau und sonnig ist. Die politische
       Landschaft und die andauernden Kriege machen etwas daraus, das sich selbst
       bei blauem Himmel nicht so anfühlt.
       
       taz : Haben Sie während der Arbeit am Film im Libanon gelebt? 
       
       Daher: Ja. Die längste Zeit, die ich im Ausland verbracht habe, war das Hin
       und Her vor meinem siebten Lebensjahr. Zwischen 1984 und 1990.
       
       taz: Das waren die letzten Jahre des Bürgerkriegs, der 1975 begann. 
       
       Daher: [1][Meine Eltern haben uns weggebracht, wenn die Lage zu schlimm
       wurde, und dann wieder zurück]. Später bin ich nur einmal weggezogen, um in
       London meinen Master in Film zu machen. Was meinen Blick auf Heimat
       wirklich verändert hat, war die Arbeit an „Do You Love Me“. Rückblickend
       war ich ziemlich naiv, als ich damit angefangen habe.
       
       taz: Was ist Ihnen bewusst geworden? 
       
       Daher: Im Film gibt es den Fischer, der sagt: „Im Libanon lieben wir uns
       alle, niemand hasst den anderen, wir sind alle füreinander da.“ Der
       Regisseur hinter der Kamera fragt: „Im Ernst?“
       
       taz: Und der Fischer fängt an zu lachen. 
       
       Daher: Ich wollte die Szene unbedingt nutzen, weil sie so stark mit meiner
       Erfahrung beim Freilegen der Archive zusammenhängt. Ich hatte die
       Vorstellung, dass wir uns alle lieben. Dass es der Krieg anderer auf
       unserem Land ist, der den Kampf verursacht. Aber innerlich haben wir so
       gegensätzliche Ansichten zu allem. Mir ist klar geworden, wie gewalttätig
       meine Heimat ist und dass viele libanesische Konfessionen einander hassen.
       Wir streiten immer darum, wie sehr wir das Land lieben, aber es ist nicht
       so, dass jede Gruppe den Libanon um des Libanon willen liebt, sondern eher
       für sich selbst.
       
       taz : Sie haben gesagt, Ihnen sei lange nicht bewusst gewesen, dass Sie
       während des Bürgerkriegs aufgewachsen sind. 
       
       Daher: Ich glaube, dass es darin Parallelen zu Deutschland gibt. Einer
       meiner Mitstreiter, ein deutscher Produzent, sagt, dass er Ähnliches bei
       seinen Großeltern und Eltern empfindet. Diese Verdrängung, die so stark in
       der Gesellschaft wirkt. Was mich angeht: Ich kann nicht beschreiben, wie
       die Stadt nach 15 Jahren Bürgerkrieg aussah. An viele Geschichten, die
       meine Mutter mir erzählt, erinnere ich mich nicht: Zeit im Schutzraum zu
       verbringen. Über die Straße zu rennen, weil es Scharfschützen gab. Aber ich
       erinnere mich, wie ich mit sieben Jahren wieder in Beirut angekommen bin.
       Wenn du damals 20 warst, war es großartig. Die Stadt gehörte dir. Ausgehen,
       Partys. Mit sieben war es die Hölle. Es gab keine Parks, Spielplätze, nicht
       mal ein Kino. Nur Schule, Zuhause, Schule, Zuhause. Wir waren kleine Kinder
       in einer völlig zerstörten Stadt. Ich habe den Krieg gespürt, auch durch
       die Angst meiner Mutter.
       
       taz: Die Erzählweise im Film ist nicht linear, aber nach einer Weile zeigen
       sich verschiedene Themen. Eines scheint das Trauma Ihrer Elterngeneration
       zu sein.
       
       Daher: Ja, [2][das intergenerationale Trauma]. Im Libanon kreisen viele
       Gespräche um den Inhalt und die Erfahrung, den Film jetzt zu sehen. Man
       steckt zu sehr in den Emotionen, um über die Form zu sprechen. Außerhalb
       ist das ausgewogener.
       
       taz: Wenn der Blick auf das Land eher durch westliche Medien geprägt ist,
       gibt es inhaltlich allerdings auch viel zu entdecken. Er bietet Zugang zur
       Kultur, den Filmen, der Musik.
       
       Daher: Als ich ihn im MoMA gezeigt habe, hat ein britischer Künstler
       gesagt: „Meine Freunde sagen seit Jahren, ich solle nach Beirut fahren: Die
       Partys seien so toll, das Essen.“ Ja, die Partys sind großartig, das Essen
       ist das beste, da bin ich nicht bescheiden. Aber dann meinte er, er habe im
       Film nur so wenig davon gesehen. Das liegt daran, dass es schwierig war,
       nicht zu sehr dem Bonbonhaften, Folkloristischen nachzugeben. All dem
       Nostalgischen. Ich verstehe dieses Bild zwar gut, aber …
       
       taz: … es wäre unvollständig, ein fremder Blick? 
       
       Daher: Ja. Scheiß auf das „Paris des Nahen Ostens“. Das ist eine so
       koloniale Sicht auf den Libanon. Wir sind nicht das Paris des Nahen Ostens,
       wir sind Beirut.
       
       taz: Am Beispiel der verheerenden Explosion im Hafen der Stadt im Sommer
       2020 zeigt sich, wie Sie mit der Darstellung von Gewalt umgehen. Drastische
       Bilder vermeiden Sie generell, hier wirken sie beinahe künstlich und
       poetisch. War das herausfordernd: keine „Kriegspornografie“ zu
       reproduzieren, um einen Begriff aus dem Film zu benutzen, und gleichzeitig
       sicherzustellen, dass die Bildästhetik sich nicht über das Sujet setzt?
       
       Daher: Absolut. Es wundert mich fast, dass Sie den 4. August erkannt haben.
       
       taz: Man hat definitiv auch in westlichen Medien davon erfahren. Ihre
       Bilder haben mich fast an 9/11 erinnert.
       
       Daher: Es war postapokalyptisch, ja. Mein Freund Malik Hosni, auch ein
       Filmemacher, war da. Seine Kamera war noch an. Er rennt und rennt, hilft
       Menschen, spricht mit ihnen. Das Einzige, was wir hinzugefügt haben, war
       ein Voiceover am Anfang. Mir war wichtig, dass das ein Film wird, den
       Libanes:innen anschauen können. Und ich wollte Respekt wahren. Deshalb
       gibt es Momente, die extrem gewalttätig sind, aber subtiler verhandelt
       werden.
       
       taz: So wie das Homevideo, das ein Mädchen zeigt, etwa fünf Jahre alt. Sie
       erzählt gerade etwas, dann ist ein fürchterlicher Knall zu hören. Jemand
       sagt, dass es „nur“ ein Überschallknall war, und doch fängt sie an zu
       weinen. Darin liegt so viel Schrecken, auch wenn das Kind zumindest
       körperlich unversehrt bleibt.
       
       Daher: So ist es jetzt wieder, wissen Sie.
       
       taz : Und nicht nur im Libanon. An all das denkt man, wenn man das Kind
       sieht. Gleichzeitig steckt so viel Zartheit und Intimität in diesen
       Homevideos. 
       
       Daher: Das Material mit den Babys und Kindern war mir sehr wichtig. Der
       Film ist aus diesem Raum in mir geboren, diesem sehr jungen Alter.
       
       taz: Seine Ästhetik erinnert oft an Musikvideos. Was waren Ihre Einflüsse,
       als Sie angefangen haben, Filme zu machen?
       
       Daher: Viele Klassiker, viele neue Regisseur:innen. Natürlich bin ich auch
       mit MTV aufgewachsen. Ich habe lange aufgelegt. Musik macht einen riesigen
       Teil unseres Lebens im Libanon aus. Und in der Nacht diese Energie
       rauszulassen, ist sehr präsent. In jedem anderen Land gäbe es sicher
       Ausgangssperren, wenn dort Krieg wäre wie bei uns. Ich erinnere mich an
       eine Nacht nach Beginn des jetzigen Krieges: Die Geräusche waren
       entsetzlich, nicht nur die Drohnen. Die israelischen Militärjets fliegen
       stundenlang in sehr niedriger Höhe. Man fühlt sich, als läge ein
       Ziegelstein auf der Brust. Also bin ich in eine Bar gegangen, die gerade
       wieder geöffnet hatte, und bis morgens geblieben, weil es sich besser
       angefühlt hat, unter Menschen zu sein und Musik zu hören. Die Stile und
       Rhythmen des Soundtracks fühlen sich ein bisschen so an, wie ich die
       verschiedenen Viertel Beiruts erlebe. Diesen starken Puls wollte ich im
       Film haben.
       
       5 May 2026
       
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