# taz.de -- Neuausrichtung von „Demokratie Leben“: Prien streicht Projekt gegen Antiziganismus
       
       > Das von der Bundesfamilienministerin verfügte Ende von 200
       > Demokratieprojekten bedroht auch die Bildungsarbeit der Sinti in
       > Niedersachsen.
       
 (IMG) Bild: Gewachsene Partnerschaft: Volker Kluwe, Chef der Polizeidirektion Hannover, eröffnet eine Ausstellung über Deportationen von Sinti
       
       „Der Bundesregierung ist es ein zentrales Anliegen, die Perspektiven von
       Sinti und Roma stärker in den öffentlichen Fokus zu rücken“, hieß es am
       vergangenen Mittwoch, dem Internationalen Tag der Roma, in einer Erklärung
       des [1][Bundesbeauftragten gegen Antiziganismus, Michael Brand (CDU)].
       „Diskriminierung bekämpft man am besten mit Aufklärung und Wertschätzung.
       Begegnung und gutes Miteinander sind dafür wichtige Grundlagen.“
       
       Am selben Tag kämpft Jill Strüber, Bildungsreferentin im niedersächsischen
       Verband deutscher Sinti, um die Fortführung eines Projekts, das den oben
       postulierten Zielen entspricht wie kaum ein anderes – und nun von Brands
       Ministerium beendet werden soll. „Was hier zur Disposition steht, sind
       keine abstrakten Konzepte, sondern konkrete Unterstützungsangebote für
       Betroffene“, sagt Strüber der taz.
       
       Im Projekt „Mit Haltung gegen institutionellen Antiziganismus in der
       kommunalen Praxis und Verwaltung“ werden seit 2025 Mitarbeitende
       zahlreicher Behörden darin geschult, diskriminierende Verhaltensmuster zu
       erkennen und zu verändern. Dazu gehören unter anderen die Polizei
       Göttingen, die zentrale Polizeidirektion Niedersachsen, das Jobcenter der
       Region Hannover, die Landeszentrale für politische Bildung oder der
       kommunale Sozialdienst Hannover.
       
       Die Bedarfe für diese Arbeit sind laut Strüber mehrfach empirisch
       nachgewiesen worden, zuletzt in einer im Februar veröffentlichten
       [2][Studie im Auftrag des Bundesinnenministeriums zum Thema
       institutioneller Rassismus in deutschen Behörden].
       
       ## Prien will „auf die Mitte der Gesellschaft zielen“
       
       Das Projekt war für eine Laufzeit von vier Jahren geplant. Jetzt ist es
       eines der 200 Projekte des Bundesprogramms „Demokratie leben“, die
       Familienministerin Karin Prien Ende des Jahres auslaufen lassen will. „Wir
       müssen mehr auf die Mitte der Gesellschaft zielen“, [3][begründete Prien in
       einem Interview mit der taz ihre Pläne für einen Umbau des Programms]. Die
       gestoppten Projekte könnten sich nach neuen Kriterien wieder bewerben.
       Kritiker sehen in dem Vorgehen einen weiteren [4][Angriff der Union auf
       missliebige Organisationen].
       
       Das Innovative an dem niedersächsischen Projekt gegen Antiziganismus ist
       unter anderem, dass es mit dem [5][hier entwickelten Modell der
       Z-Projektion arbeitet]. „Wir arbeiten nicht mit dem erhobenen Zeigefinger
       und vermitteln keine Lösung nach Schema F“, sagt Strüber. „Unser Ziel ist
       es, Leute selbst zu befähigen, sowohl bei sich als auch bei Kolleg:innen
       und auch in ihren Strukturen diese Mechanismen zu identifizieren.“ Typische
       Z-Projektionen seien zum Beispiel, Sinti und Roma als bildungsfern
       abzustempeln, sie mit Kriminalität in Verbindung zu bringen oder zu
       erwarten, sie würden nach einem falschen Wort aggressiv werden.
       
       Das Projekt wird kontinuierlich vom Institut der Didaktik der Demokratie an
       der Leibniz Uni Hannover evaluiert. „Unsere Bildungsangebote wirken in
       beide Richtungen“, sagt Strüber. „Sie sensibilisieren nicht nur
       Institutionen, sondern senden auch ein wichtiges Signal an die Community,
       dass sich staatliche Strukturen öffnen und Vertrauen wieder wachsen kann.“
       Mit dem vorzeitigen Ende des Projekts wäre auch das Ziel des Verbands,
       anerkannter Bildungsträger zu werden, vorerst gescheitert.
       
       „Jahrzehntelang hat sich keiner für uns in irgendeiner Art und Weise
       interessiert, der Völkermord wurde erst 1982 anerkannt“, sagt die deutsche
       Sinteza. „Durch die Bildungsbenachteiligung und Segregation hat es lange
       gedauert, bis sich unsere Selbstorganisationen gebildet haben, bis Menschen
       aus den Communitys es geschafft haben, an die Universitäten zu gehen, um
       jetzt zu sagen: Als Profiteurin von Ressourcen bin ich in der Lage, etwas
       zurückzugeben.“ Auch viele Jüngere würden beginnen, sich zu engagieren – im
       vollen Bewusstsein, sich zur Zielscheibe mancher Gruppen zu machen.
       
       „Und jetzt sehen wir, dass da ein [6][genereller Vertrauensentzug]
       stattfindet, indem man sagt: Was ihr da macht, ist sowieso nicht wertvoll
       und vielleicht seid ihr ja auch Linksradikale. Man wird wieder mit einem
       Generalverdacht konfrontiert. Und man wird wieder von Ressourcen
       abgeschnitten.“
       
       Das Schlusswort soll noch mal der Bundesbeauftragte Brand haben: „Mit einer
       Fassadenaktion unter dem Titel ‚Antiziganismus? Nicht mit uns!‘ macht das
       Ministerium deutlich, dass Antiziganismus keinen Platz in unserem Land
       hat.“
       
       12 Apr 2026
       
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