# taz.de -- Frauenpolitikerin zu SPD und Deepfakes: „Das ist keine Politik, das ist Heuchelei“
       
       > Die Vorstöße von SPD und Grünen zu digitaler sexualisierter Gewalt
       > kritisiert Kathrin Gebel von der Linksfraktion. Warum legt die
       > feministische Partei keinen eigenen Entwurf vor?
       
 (IMG) Bild: Hat andere Ideen für den Gewaltschutz: Kathrin Gebel, frauenpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag
       
       taz: Seit Schauspielerin Collien Fernandes [1][im Spiegel ihren Ex-Mann als
       mutmaßlichen Täter genannt hat], debattiert das Land über digitale
       sexualisierte Gewalt. Dabei fällt auf: Manche Leute denken immer noch,
       digitale Gewalt sei ‚nicht so schlimm‘ wie physische. Wie sehen Sie das? 
       
       Kathrin Gebel: Digitale Gewalt ist Gewalt. Sie folgt derselben Logik wie
       jede andere Form männlicher Kontrolle: Es geht um Macht, Einschüchterung
       und Verfügung über andere. Auch im Netz spiegeln sich gesellschaftliche
       Machtverhältnisse. Und nur allzu oft ist das, was dort passiert, eine
       direkte Fortsetzung von Gewalt, die Frauen bereits offline erfahren haben.
       
       Auch Sie sind eine Frau, stehen in der Öffentlichkeit und könnten jederzeit
       das Gleiche erleben. Wie ging es Ihnen, als Sie gehört haben, was Collien
       Fernandes Ihrem Ex-Mann vorwirft? 
       
       Gerade bin ich vor allem wütend, dass Fälle wie der von Collien Fernandes
       erst dann ernst genommen werden, wenn Prominente die Beschuldigten sind.
       Das eigentliche Problem ist doch seit Jahren bekannt: sexualisierte Gewalt,
       Machtmissbrauch und das Schweigen der Mitwissenden. Dass diese Themen erst
       Gehör finden, wenn sie sich in eine Boulevardgeschichte verwandeln lassen,
       zeigt, wie sehr unsere Gesellschaft da noch immer versagt.
       
       Immerhin will SPD-Justizministerin Stefanie Hubig die Männergewalt nun
       bestrafen. Was halten Sie von [2][ihrem Gesetzentwurf]? 
       
       Leider sehe ich in der Politik wenig Fortschritt. Der Gesetzentwurf ist
       höchst wahrscheinlich nur eine überarbeitete Version aus der letzten
       Legislaturperiode, von Frau Hubig selbst kam bisher nichts Neues. Vor allem
       fehlt eine klare Linie. Digitale Gewalt wird nur als Ansammlung einzelner
       Tatbestände gedacht.
       
       Kritische Jurist*innen, wie [3][Anja Schmidt von der Uni Halle], sagen: Gut
       an den beiden Entwürfen ist trotz allem, dass sie alle Formen bildbasierter
       sexualisierter Gewalt umfassen, also sowohl den Missbrauch von
       einvernehmlich als auch von heimlich erstellten Bildern. Teilen Sie das
       nicht? 
       
       Doch, doch, das teile ich. Aber es gibt eben Lücken. Und die zu benennen
       ist unsere Aufgabe als Opposition.
       
       Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie verlogen finden Sie eigentlich die SPD,
       die in der aktuellen Debatte vorgibt, Frauen besser vor Gewalt schützen zu
       wollen, während sie in [4][mehreren Regierungen] ist, die [5][Gelder für
       Frauenhäuser und Gewaltschutz] kürzen wollen? 
       
       Auf einer Skala von 1 bis 10 würde ich sagen: 12. Das ist keine Politik,
       das ist Heuchelei. Wer den Schutz von Frauen ernst meint, muss ihn auch
       finanzieren. Das wäre ganz klar Aufgabe der SPD, es liegt in ihrem Ressort.
       Besonders ärgerlich finde ich die Doppelmoral: Man kann doch nicht bei
       Demos für Frauenrechte vorne stehen und gleichzeitig in Regierungen Gelder
       für Frauenhäuser und Gewaltschutz kürzen.
       
       Und wie finden Sie den [6][Entwurf der Grünen]? 
       
       Auch der bleibt hinter meinen Erwartungen zurück. Der Fokus auf das
       Verbreiten sexualisierter Bilder ist richtig, aber der Tatbestand ist
       unklar formuliert, der Opferschutz schwach, und die Rechte der Nebenklage
       spielen kaum eine Rolle. Plattformen, die solche Inhalte verbreiten oder
       dulden, kommen nicht vor. Außerdem geht es bei dem Thema nicht nur um
       Täter, sondern auch um Strukturen, um Plattformhaftung und um
       Betroffenenrechte im gesamten Prozess.
       
       Gibt es noch etwas, das Ihnen in den beiden Entwürfen fehlt? 
       
       Bei beiden Vorstößen fehlt eine Strafnorm gegen Identitätsmissbrauch. Auch
       das ist ja Teil des Falls von Collien Fernandes. Inwiefern sich typische
       Begleittaten, wie Doxing, auf das Strafmaß auswirken könnten, ist darin
       ebenfalls unklar.
       
       Wenn Sie so viel Kritik an den Vorschlägen der Regierung und der Grünen
       Opposition haben, wieso legt die Linke dann keinen eigenen Gesetzentwurf
       vor?
       
       Wir haben im Januar einen [7][Antrag] in den Bundestag eingebracht, in dem
       wir eigene Vorschläge, angelehnt an das spanische Modell, unterbreiten. Wir
       fordern darin eine Gesamtstrategie zum Schutz vor häuslicher und
       geschlechtsspezifischer Gewalt, statt isolierter Einzelmaßnahmen. Das ist
       wichtig, weil digitale Gewalt meist in der Folge von Gewalt im analogen
       Raum auftritt.
       
       Seit jeher kritisieren Linke Knäste und die Logik des Strafens. Was wäre
       aus Ihrer Sicht eine angemessene Rechtsfolge bei sexualisierter Gewalt wie
       Deepfakes? 
       
       Für mich geht es nicht nur darum, härter zu bestrafen, sondern darum, dass
       die gesellschaftliche Haltung sich verändert. Der Satz von Gisèle Pelicot
       [8][„Die Scham muss die Seite wechseln“] bringt es auf den Punkt. Männer
       müssen Männer zur Verantwortung ziehen. Sexualisierte Gewalt darf nie
       wieder verharmlost werden oder profitabel sein. Die Täterseite soll endlich
       den öffentlichen Druck spüren, den sonst nur Betroffene aushalten müssen.
       
       Ist es für eine linke Partei – gerade vor den Wahlen wie in diesem Jahr –
       überhaupt hilfreich, sich mit dem Thema Gewalt gegen Frauen zu befassen?
       Viele Leute interessiert das ja gar nicht. 
       
       Als feministische und sozialistische Partei haben wir die Pflicht, diese
       Themen offen anzusprechen. Gewalt gegen Frauen ist kein Randthema, sondern
       ein Spiegel sozialer Ungleichheit. Wer Gerechtigkeit will, muss das
       Patriarchat infrage stellen. Es geht nicht um Moral, sondern um Macht. Und
       darum, in welcher Gesellschaft wir leben wollen.
       
       27 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Pornografische-Deep-Fakes/!6164415
 (DIR) [2] /Gesetzentwurf-zu-digitaler-Gewalt/!6164876
 (DIR) [3] https://www.mohrsiebeck.com/buch/pornographie-und-sexuelle-selbstbestimmung-9783161626777/
 (DIR) [4] https://www.freie-radios.net/141263
 (DIR) [5] /Proteste-gegen-Kuerzungen/!6121280
 (DIR) [6] /Gesetzentwurf-zu-sexualisierter-Gewalt/!6165065
 (DIR) [7] https://dserver.bundestag.de/btd/21/039/2103918.pdf
 (DIR) [8] /Gisele-Pelicot-und-die-Nachwirkungen/!6153047
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lotte Laloire
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Digitale Gewalt
 (DIR) Collien Fernandes
 (DIR) Christian Ulmen
 (DIR) Feminismus
 (DIR) Collien Fernandes
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Feminismus
 (DIR) Kolumne Starke Gefühle
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Feministischer Fernandes-Fonds: Linke spenden ihre Diäten
       
       Aus Erschütterung über die digitale Gewalt gegen Frauen wollen die Linken
       im Bundestag ihre Einkommen deckeln und geschlossen spenden. Ein
       Streitpunkt bleibt.
       
 (DIR) Berichte digitaler sexualisierter Gewalt: Mein Gesicht, mein Körper
       
       Seit Tagen gehen Zehntausende gegen digitale sexualisierte Gewalt auf die
       Straßen. Frauen erzählen, was ihnen passiert ist – und wie sie damit
       umgehen.
       
 (DIR) Mitgründerin des Feminist Fight Club: „Allein fünf meiner Freundinnen haben digitale Gewalt erlebt“
       
       Ein neues Bündnis zeigt sich solidarisch mit Collien Fernandes und fordert
       Strafen für Deepfakes. Für Sonntag ruft es zur Demo vors Brandenburger Tor.
       
 (DIR) Deepfakes sind nicht das Problem: Die Gewalt wuscheliger Profeministen
       
       Wegen eines spektakulären Falls sexualisierter Gewalt will die
       Bundesjustizministerin jetzt Strafen für Deepfakes. Warum sie damit das
       Thema verfehlt.