# taz.de -- Shakespeare Company spielt Gegenwärtiges: Ein Theaterensemble auf der Suche nach seinem Sinnstifter
       
       > In der Bremer Shakespeare Company zeigt Marc von Henning, dass sein
       > Triptychon „Unruhe am Rand der Schöpfung“ uns noch immer umtreiben kann.
       
 (IMG) Bild: Wackelige Angelegenheit: Wenn der Bücherstapel abhebt, ermöglicht das etwas Durchblick auf der Bühne
       
       Das Unbestimmte des Daseins ist eine Provokation, die das fragwürdige Wesen
       Mensch nervös macht. Nach Halt suchen lässt, Wahrheit, Sinn. Wen dabei
       metaphysische Annahmen nicht zufriedenstellen, der schottet sich gern in
       eigene Illusionen ab – und geht der Welt verloren. Das eint die
       Protagonist:innen von drei Erzählungen, die der britische Dramatiker
       und Heiner Müller-Übersetzer Marc von Henning verfasst, unter dem Titel
       „Unruhe am Rand der Schöpfung“ in ein szenisches Triptychon verwandelt und
       nun, [1][25 Jahre nach der Stuttgarter Uraufführung, in der Bremer
       Shakespeare Company erneut inszeniert] hat.
       
       Damit wird das Problem dieses vom Ensemble selbstverwalteten Theaters
       gleich mitverhandelt. Nachdem die 1983 gegründete BSC sich bis zur
       Jahrtausendwende mit Volkstheaterverve ausgepowert und alle
       Shakespeare-Stücke abgearbeitet und den Verlust der Gründerfiguren
       überwunden hatte, sucht sie derzeit, wofür sie steht. Ästhetisch wird mal
       hier was ausprobiert und dort wieder gelassen. Dafür sind Hennings Figuren
       ein Gegenentwurf. Sie haben sich für eine Sinnsetzung entschieden. Und
       ziehen sie durch.
       
       Rechts auf der pathetisch dunklen Bühne steht Simon Elias als Sprechstatue.
       In der Mitte stapelt „Der blinde Bibliothekar“ (Michael Meyer) alte
       Folianten zu gen Himmel strebenden Türmen, eine Anspielung auf Jorge Luis
       Borges' „Bibliothek von Babel“. Besonders wichtige Exemplare hat er im
       Gedächtnis verinnerlicht.
       
       Zur Verdeutlichung stopft er sich Buchseiten in den Mund. So wie ein
       „Buchmensch“ in der Verfilmung von Ray Bradburys Buchverbrennungsdystopie
       „Fahrenheit 451“ Geschichten von Edgar Allan Poe auswendig lernt, kann auch
       von Hennings Bibliothekar Poes „Schatten“ aus dem Gedächtnis deklamieren.
       Vor lauter Anspielungen und Zitaten ist der Eigensinn der in Szene
       gesetzten Storys schwer zu erkennen, auch weil zusätzlich Kalendersprüche
       eingebaut sind wie: „Zweifeln ist gut für den Verstand. Glauben ist gut für
       die Seele.“
       
       Wie Wagner in Fausts Studierzimmer platzt ins Bücherarsenal ein altklug
       schwätzender Schüler, kenntlich am Tornister und von Tim Lee leider recht
       albern dargestellt. Dabei hat er die Botschaft des Textes zu vermitteln:
       „Der Geschmack des Apfels ist weder im Inneren des Apfels selbst, noch im
       Mund des Essers. Es braucht die Begegnung zwischen den beiden.“
       
       So ist es mit den Büchern. Lesen reicht nicht, bloße Gelehrsamkeit geht in
       die Leere. Man muss auch schon mal vor die Tür des Buchbunkers treten und
       leben. Aber der Bibliothekar artikuliert seine Angst, draußen „zu Staub zu
       werden“ und fegt zur Illustration etwas auf ein Kehrblech.
       
       Mit „Die Kritik“ folgt ein Text, für den Svea Auerbach ihren Hass auf
       autoritäre Machtstrukturen im Theater auszuleben scheint. Sie spielt eine
       Regisseurin, die ihre 37. „Macbeth“-Inszenierung im herbstlich gewandeten
       Schottland-Bühnenbild zeigen und dabei die „nackte, hässliche Wahrheit“ der
       Figuren herauspräparieren möchte. Das Ensemble zieht nicht mit. Die
       Enttäuschung kippt in wüste Beschimpfungen. Schade, dass das nur als
       klamaukige Generalabrechnung zu erleben ist, die den Wunsch der
       Regisseurin, mit selbstbestimmten Schauspieler:innen zu arbeiten, zum
       bloßen Witz verkommen lässt.
       
       Für „90 Tage“ berichtet Michael Meyer in schöner Gelassenheit von einem
       suizidalen Mann, der sein Leben bedeutungslos findet. Als Widerspruch
       ersehnt er eine „eine einfache Zugewandtheit. Aus dem Nichts.“ Sollte er
       das binnen 90 Tagen erleben, werde er sich nicht in den Tod flüchten. Auf
       der Bühnenrückwand fliegt ein schwarzer Luftballon durch einen verschneiten
       Tannenwald.
       
       ## Verlust der Poesie
       
       Tim Lee hat hier die Erzählerworte Worte stumm in eine nun winterliche
       Landschaft zu übersetzen. Er kramt Symbole seiner Einsamkeit aus Kartons.
       Irgendwann hilft ihm eine Frau, die Kartons gen Himmel zu stapeln, wie
       anfangs die Bücher: Da ist sie, die „Geste, die sagt: Niemand ist allein“.
       Also Weiterleben.
       
       Die collagierten Erzählungen sind lesenswert geblieben. Ihre Bebilderungen
       helfen aber nur bedingt und zerstören gerade in der dritten Szene ihren
       Poesiewillen. Aber immerhin ergänzt die Produktion die BSC-Sinnsuche auf
       reizvolle Weise.
       
       21 Apr 2026
       
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