# taz.de -- Hochfrequenzgeräte in Adelebsen: Jugendliche weggepiept
       
       > Der Bürgermeister von Adelebsen bei Göttingen wollte Jugendliche mit
       > Ultraschall vertreiben. Nach einer Woche hat er die Geräte wieder
       > abgeschaltet.
       
 (IMG) Bild: Tatort oder Spot zum Chillen: Von dieser Bank vor dem Rathaus in Adelebsen sollten Jugendliche vertrieben werden
       
       Der Bürgermeister weiß noch genau, wann er den Ton zum ersten Mal gehört
       hat. Das war vor 33 Jahren. Er war 14 und mit seinen Eltern im
       Italienurlaub. Unter dem Balkon aus „Romeo und Julia“ in Verona hörte er
       plötzlich dieses Piepen. „Können wir mal weitergehen?“, fragte er die
       Eltern. Die wunderten sich. Sie hörten nichts.
       
       Warum es damals da gepiept hat, weiß Holger Frase (SPD) nicht. Aber seither
       weiß er, dass es diesen Ton gibt, den junge Menschen hören und alte nicht.
       Er erzählt die Geschichte gerne, an einem Dienstag Ende März in seinem Büro
       im ersten Stock des Rathauses von Adelebsen im niedersächsischen Landkreis
       Göttingen.
       
       Mitte März hat Holger Frase unter dem Vordach des Rathauses zwei
       Hochfrequenzgeräte anbringen lassen, die einen Ton produzieren, den vor
       allem Menschen unter 25 Jahre hören können. Um Jugendliche zu vertreiben.
       Das fanden nicht alle schlecht, aber viele. Das Fernsehen kam in einer
       Woche zweimal in den 3.500-Einwohner*innen-Ort. Jugendliche wegpiepen, und
       das mit einer Technik, die auch gegen Maulwürfe, Marder und andere
       Schädlinge eingesetzt wird?
       
       Auf Social Media waren Menschen empört. „Menschenverachtend“ nannten die
       Grünen in Adelebsen die Geräte. Sogar die CDU kritisierte den Bürgermeister
       wegen seines Alleingangs. Nach einer Woche einigte Frase sich mit dem
       Gemeinderat darauf, die Geräte wieder abzustellen. „Freiwillig“, sagt er,
       „quasi als Entgegenkommen.“
       
       ## Problem: Jugendliche chillen auf einer Bank
       
       Die Geräte, zwei kleine graue Kästen, hängen aber immer noch vor dem
       Rathaus. „Sie sind aber nicht mehr am Strom“, sagt der Bürgermeister. Dann
       tippt er mit dem Fuß von außen gegen das Gebäude. „Sehen Sie?“ sagt er. An
       der Fassade ist ein kleines Stück Putz abgeplatzt. Davor steht eine Bank
       auf sehr sauberen Pflastersteinen. Der einzige Farbklecks ist eine pinke
       zerdrückte Energydrinkdose.
       
       An dieser Bank vorm Rathaus, sagt der Bürgermeister, gibt es ein Problem
       mit Jugendlichen. Das sagt nicht nur er, sondern das erzählen auch andere
       im Ort, die Sozialarbeiterin aus dem Kinder- und Jugendbüro, ein Rentner im
       Eiscafé, eine junge Frau am Bahnhof und sogar die Grünen.
       
       Das Problem: Seit rund zwei Jahren chillen Jugendliche im Alter von 13 bis
       14 Jahren abends an der Bank vor dem Rathaus, hören nachts laut Musik,
       hinterlassen Pizzakartons und Schmierereien (darunter die Postleitzahl,
       aber auch Hakenkreuze), haben schon einen Blumenkübel umgestürzt, einen
       Fahnenmast rausgerissen und zweimal Bücher im Bücherschrank an der
       Rathausfassade angezündet. Einen politischen Hintergrund vermutet niemand.
       Es kursierten Namen, die niemand nennen will.
       
       Die Polizei konnte bisher keine Täter ermitteln. Eine Polizeisprecherin
       schreibt der taz, dass sie schon Medienanfragen erreicht haben. Man sei
       sensibilisiert, das Rathaus Adelebsen sei aus polizeilicher Sicht aber
       „nicht als auffällig anzusehen“.
       
       Der Bürgermeister sagt, es gäbe Anwohner, die ihn montags anriefen, wenn es
       am Wochenende laut war. Sie gingen nicht zur Polizei, sondern zu ihm. Zwei
       Anwohner*innen waren wegen der Jugendlichen in der letzten
       Einwohnersprechstunde. Mit der taz will am Dienstag aber niemand sprechen.
       
       Vor dem Adelebser Rathaus kommt die Sonne raus und wärmt die Bank. Ein
       Kirschbaum blüht. Man hört das Plätschern der Schwülme. Das ist ein kleiner
       Bach, der durch Adelebsen fließt. Drei Jugendliche fahren lautlos auf
       E-Rollern vorbei.
       
       Eigentlich, erzählt der Bürgermeister, habe seine Tochter ihn auf die Idee
       mit den Piepsgeräten gebracht, weil sie ihm immer sage, wenn er die
       Batterien am Marderschreck in der Garage tauschen muss. Praktisch, oder?
       Dem NDR hat er die Geschichte auch schon erzählt.
       
       Man habe vorher einiges anderes versucht, sagt er auch. Das WLAN
       abgestellt, die Jugendlichen kamen trotzdem. Nachts die Bank reingeholt,
       sie schleppten eine andere an.
       
       Nach dem ersten Versuch der Jugendlichen, das Rathaus anzuzünden – er meint
       den Bücherschrank – sei es dann ein leichter Schritt gewesen,
       „Jugendschreck“ zu googlen. Er sei sofort fündig geworden.
       
       Er findet die Idee immer noch gut. „Ich glaube fest daran, wenn das jetzt
       nicht so hochgekocht worden wäre, dann hätte das schon bewirkt, dass wir in
       zwei, drei Monaten vielleicht die Dinger hätten automatisch abschalten
       können, weil einfach nichts mehr passiert.“ Seit die Geräte abgestellt
       sind, habe es aber auch nichts mehr gegeben.
       
       ## Piepsgeräte des Bürgermeisters „unmöglich“
       
       Gegenüber vom Rathaus sitzt Gerd Schäfer, 67, vor dem Eiscafé. Er ist 2022
       aus Kassel hergezogen und findet die Piepsgeräte des Bürgermeisters
       „unmöglich“. Man dürfe Jugendlichen nicht das Gefühl geben, nicht
       willkommen zu sein. „Das Problem sitzt im Rathaus und nicht davor“, sagt
       er.
       
       Als Schäfer seinen Kaffee ausgetrunken hat, kommt er mit seinem Hund das
       Stück mit über die Straße zum Rathaus. Er will das eigentliche Problem
       Adelebsens zeigen. Vor dem Rathaus deutet er auf den Boden. Da wächst ein
       Grashalm zwischen Gehewegplatten. „Das meine ich. Hier macht keiner richtig
       sauber“.
       
       In Adelebsen sind die Menschen im Durchschnitt 47,8 Jahre alt. Der Anteil
       der unter 18-Jährigen liegt bei 15,3 Prozent. Das ist nicht viel älter als
       der Bundesdurchschnitt. Es ist auch kein ausgestorbener Ort. Es gibt
       mehrere Sportvereine, ein Eiscafé, eine Pizzeria, einen Supermarkt, und mit
       Bus und Bahn kommt man tagsüber sogar zweimal die Stunde weg.
       
       Donald van der Laan, Geschäftsführer der niederländischen Firma, die die
       Piepsgeräte in Deutschland vertreibt, freut sich über den Anruf der taz.
       „Auch negative Berichte sind nicht negativ geschäftsmäßig“, sagt er. Wer in
       Deutschland seine Kunden sind, will er nicht sagen.
       
       [1][Vor drei Jahren hat er es dem ZDF Magazin Royale noch erzählt], aber
       die Kunden hätten nicht so gute Erfahrungen gemacht. Nur so viel: Die
       Hälfte der Geräte landen bei kleineren Gemeinden, der Rest bei
       Privatpersonen. Aus Großstädten kämen nur selten Anfragen.
       
       ## Rotterdam testet im öffentlichen Raum
       
       In den Niederlanden ist das anders. [2][Rotterdam] testet gerade
       Piepsgeräte im öffentlichen Raum, die Anwohner:innen per Smartphone
       anschalten können, wenn Jugendliche ihnen zu laut sind. Praktisch, oder?
       
       In deutschen Großstädten sind es nicht nur Jugendliche, die im öffentlichen
       Raum stören. Gegen erwachsene Obdachlose setzen unter anderem Leipzig oder
       Stuttgart schon länger klassische Musik ein.
       
       Und im kleinen Adelebsen, was macht man jetzt mit dem Problem mit den
       Jugendlichen am Rathaus, wenn nicht wegpiepen?
       
       Andrea Ströbele, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Gemeinderat, fordert
       mehr Geld für [3][Jugendarbeit und ein Jugendzentrum] für Adelebsen. „Was
       Adelebsen fehlt, ist ein Ort, wo Jugendliche abends einfach sein können,
       ohne sich anmelden oder etwas bezahlen zu müssen“, sagt Ströbele. Es sei
       aber auch wichtig, vorher mal mit den Jugendlichen zu sprechen.
       
       Daniela Brill, eine der Sozialarbeiterinnen aus dem Kinder- und Jugendbüro,
       das Basteltreffen und Freizeitfahrten anbietet, sagt, sie sähen ein, dass
       ihre Angebote die Jugendlichen von der Bank nicht so richtig abholten. Sie
       wünschen sich einen zusätzlichen männlichen Sozialarbeiter.
       
       Die Jugendlichen, die am Dienstag durch Adelebsen laufen, tragen
       Noise-Canceling-Kopfhörer. Außer Fabio, 16, Shari, 19, und Dominik, 18. Sie
       stehen an einem Wäldchen am Bahnhof und rauchen. Sie haben die Piepsgeräte
       nicht selbst gehört, weil sie über die Osterferien weg waren.
       
       Fabio sagt, wo sie gerne in Adelebsen rumhängen: „Rewe Parkplatz, Rathaus,
       überall, wo man sitzen kann.“ Ein Jugendraum, denken sie, würde
       kaputtgemacht werden. Wobei es im Nachbarort Barterode funktioniere. Da
       hatten sich Jugendliche aber selbst für den Raum eingesetzt.
       
       Der Bürgermeister hat sich mit dem Gemeinderat darauf geeinigt, die Geräte
       abzustellen, wenn Adelebsen sich dafür eine halbe [4][Stelle mehr für
       Jugendarbeit] leistet. Ob die Stelle kommt, entscheidet der Rat am 5. Juni.
       Solange will Bürgermeister Frase die ausgeschalteten Geräte noch hängen
       lassen. „Ich möchte einfach nicht, dass mein Rathaus in Flammen steht“,
       sagt er.
       
       26 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=l1hCf9J2pCM
 (DIR) [2] /Fotomuseum-Rotterdam-in-altem-Hafensilo/!6156742
 (DIR) [3] /Trendstudie-Jugend-in-Deutschland/!6166212
 (DIR) [4] /Jugendzentren-streiten-mit-Nachbarn/!6149413
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Amira Klute
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Niedersachsen
 (DIR) Jugendliche
 (DIR) Dorfleben
 (DIR) Bürgermeister
 (DIR) Generationen
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) wochentaz
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Mit Kultur gegen die Landflucht: Was bewegen
       
       Kultur hilft, auch gegen Landflucht und verödendes Dorfleben. Doch sie
       erfolgreich zu fördern, ist anspruchsvoll – und das liegt nicht bloß am
       Geld.
       
 (DIR) Verdrängung der Jugend: Rein in die Parks!
       
       Die jüngeren Generationen werden von älteren aus den öffentlichen Räumen
       der Stadt gedrängt. Es ist Zeit, sie zurückzuerobern.
       
 (DIR) Kleinstadt im Generationenkonflikt: Harte Mittel gegen Halbstarke
       
       Um Jugendliche von Spielplätzen zu vertreiben, wollte eine Stadt ein
       Hochfrequenzgerät einsetzen, dessen Töne nur Teenager hören können. Doch
       das Gerät ist nicht unumstritten.