# taz.de -- Kleinstadt im Generationenkonflikt: Harte Mittel gegen Halbstarke
> Um Jugendliche von Spielplätzen zu vertreiben, wollte eine Stadt ein
> Hochfrequenzgerät einsetzen, dessen Töne nur Teenager hören können. Doch
> das Gerät ist nicht unumstritten.
(IMG) Bild: Dagegen geht Dissens hart vor: Zigarettenkippen auf Spielplätzen wie hier in Berlin.
DISSEN taz Ein paar Mal sind die Mitarbeiter des Jugendzentrums mit ihrem
Bus zum Spielplatz gefahren, um mit ihnen zu reden. Aber der Bus war schon
von weitem zu sehen und kein Jugendlicher mehr da, als die Mitarbeiter
endlich ausgestiegen waren. Doch einige Leute in Dissen glauben sowieso
nicht mehr, dass reden noch helfen würde. Sie meinen, dass der Mosquito SMK
II die Antwort wäre. Der Apparat stößt einen Pfeifton aus, den nur
Jugendliche hören. Glaubt man dem Hersteller, ist er eine "unschädliche
Lösung für ein modernes Zivilisationsproblem". Aber sie dürfen den Mosquito
ja nicht einsetzen, das ist nun amtlich.
Dissen ist eine Kleinstadt am Teutoburger Wald. 10.000 Menschen leben hier,
es gibt die Firma Gausepohl, die täglich tausende Schweine und Rinder
schlachtet, es gibt Homann, den Mayonnaisehersteller. Und es gibt eine
Elterninitiative, die findet, dass es genug ist mit den zerschlagenen
Klettergeräten und den Bierflaschen und der lauten Musik auf dem Spielplatz
Eschenweg. Das ist an sich nichts Besonderes, es ist ein Streit um den
öffentlichen Raum, wie es ihn immer und überall gibt. Nur dass er in Dissen
mit neuen Bandagen, elektronischen sozusagen, ausgekämpft werden sollte.
Der Mosquito ist ein grauer Kasten, zehn mal zehn Zentimeter, er sieht aus
wie eine Garagenlampe. Der Hersteller schreibt, das System generiere einen
"sehr hohen modulierten Ton, um die 16 bis 18 Kilohertz". Nur Menschen bis
zum Alter von etwa 25 Jahren können den Ton hören, weil das Gehör danach
nachlässt. Und da die meisten Menschen, die mit dem Mosquito zu tun haben,
älter sind, ist es schwierig, etwas Zuverlässiges darüber zu erfahren. Nur
die Produktionsmanagerin der Firma Compro, die das Gerät in Vechta
verkauft, ist gerade erst 25 geworden, sie sagt, es sei "wie ein
durchgängiges Piepsen, ein bisschen pulsierend".
Tanja Havel arbeitet im Dissener Reisebüro, sie hat einen rotblonden
Pferdeschwanz und lacht viel. Sie wirkt nicht wie eine Vertreterin der
Politik der harten Hand. "Es heißt, wir wollten die Jugendlichen
vertreiben", sagt sie. "Und eigentlich stimmt das." Sie hat nichts gegen
Jugendliche, aber sie findet nicht, dass sie auf dem Spielplatz randalieren
müssen. Sie findet nicht, dass dort Spritzen herumliegen sollten, auch wenn
es nur einmal vorgekommen sein soll. Sie selbst hat nicht mit ihnen
gesprochen, aber Anwohner - und die seien angepöbelt worden. "Mittlerweile
sind die Jugendlichen nicht mehr so sanft."
Eigentlich hat Tanja Havel nur mit einer Freundin einen Anwohnerflohmarkt
organisiert. Sie gingen von Haus zu Haus und fragten die Leute, was sie mit
dem Erlös anfangen sollten. "Wir brauchen einen Zaun für den Spielplatz",
sagten die. "Dann können wir abends zuschließen und die Jugendlichen kommen
nicht mehr hinein." Der Flohmarkt war ein Erfolg, Tanja Havel und die
Freundin gingen zu Gerd Majerski, dem Bürgermeister, und schlugen vor,
damit einen Zaun zu bauen. 1,80 Meter sollte er hoch sein. Aber der
Bürgermeister lehnte ab. "Das ist doch Käfighaltung", sagte er. 1,60 Meter,
sagten sie. Majerksi lehnte wieder ab.
Gerd Majerski ist mit dem BMW zum Dissener Bahnhof gekommen, er will seinen
Ort zeigen. Wenn nun schon die Medien darüber berichtet haben, dass die
Gemeinde überlegt hat, Jugendliche mit Hochfrequenzgeräten zu vertreiben,
möchte er wenigstens das Beste daraus machen. Also zeigt er Gausepohl, die
Fleischverarbeitung, und Fuchs, den größten Gewürzhersteller Deutschlands,
und dann fährt er hinaus zum Spielplatz Eschenweg, der eingerahmt ist von
Backsteinhäusern mit Hecken drumherum. Es gibt zwei Wipptiere, ein bisschen
Sand und einen Holzturm, den man kürzlich unten zugenagelt hat, weil die
Jugendlichen ihn als "Urinal" benutzt haben. So hat Tanja Havel es
formuliert.
Als der CDU-Mann Gerd Majerski vor drei Jahren zum Bürgermeister von Dissen
gewählt wurde, gab er eine Studie in Auftrag über die Jugendangebote. Da
stand, man müsse "Kinder und Jugendliche als Teil und Zukunft unserer
Gesellschaft" sehen. Gerd Majerski, der alles richtig machen möchte, hört
auf langen Fahrten gerne Schiller. Er findet, dass es ihm nun wie Gessler,
dem verhassten Vogt in "Wilhelm Tell", gehe, der doch auch alles habe
richtig machen wollen, es den Leuten aber nicht habe recht machen können.
Majerski erzählt vom Hallenbad, das sie endlich renovieren wollen, von der
Hauptschule, die die drittbeste in Niedersachsen sei, und vom Märchenwurm,
mit dem sie den Kindern das Lesen nahe bringen wollen. "Kinder sind
nachwachsende Rohstoffe", sagt er. Mit den Jugendlichen auf dem Spielplatz,
den älteren Rohstoffen, hat er einmal gesprochen, sie haben ihn nicht
angepöbelt, aber schließlich hätten sie auch gewusst, dass sie mit dem
Bürgermeister sprachen. "Was wollt ihr?", hat er sie gefragt. Aber dazu sei
ihnen nichts eingefallen. "Man kann nicht alle erreichen", sagt Majerski.
Im Rat haben sie geglaubt, dass das Mosquito-Gerät eine gute Lösung sei für
die, die man nicht erreichen könne. Ein Ratsmitglied, das davon in der
Zeitung gelesen hatte, hatte vorgeschlagen, die Sache prüfen zu lassen, der
Rat war dafür. Aber dann hörte die niedersächsische Sozialministerin von
den Plänen in Dissen und sagte in einem Interview, dass man lieber
miteinander sprechen solle. Außerdem ließ sie den gewerbeärztlichen Dienst
Oldenburg prüfen, ob der Mosquito nach dem Geräte- und
Produktionssicherheitsgesetz genehmigungspflichtig sei. Nein, antwortete
der gewerbeärztliche Dienst, das sei er nicht, und gesundheitliche Risiken
konnte man auch nicht finden. Dann sollte die Bundesanstalt für
Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin genauer untersuchen, ob der Mosquito
gesundheitsschädlich ist oder nicht.
"Es geht nicht um Dissen, es geht um das große Ganze", sagt der Sprecher
der Ministerin. Das große Ganze ist die Tendenz, die hinter dem Einsatz
eines solchen Geräts stecken würde und die "einen nicht glücklich macht",
so der Sprecher. "Am Anfang sollte das Gespräch stehen." Nun ist die Studie
fertig (siehe Kasten). Das überraschende Ergebnis: Der Mosquito ist alles
andere als unbedenklich. Die Dissener werden sich etwas Neues einfallen
lassen müssen.
Der Spielplatz Eschenweg ist an diesem Wintertag so leer, als sei der
Mosquito doch in Betrieb. Im Ortszentrum gibt es den Jugendtreff Fifty-One
in einem ehemaligen Laden, wo Grünpflanzen um einen Billardtisch und eine
Bar gruppiert sind. Draußen stehen drei Jungs, denen man anhört, dass sie
aus der ehemaligen Sowjetunion kommen. Freundlich sagen sie, nein, im
Eschenweg seien sie nicht gewesen, aber auf dem Spielplatz Mozartstraße.
"Wir wurden ständig weggeschickt, wegen jedem Scheiß. Ab und zu waren wir
auch richtig laut, und nach ner Weile gingen wir den Leuten auf die Nerven.
Selbst wenn wir nichts machten."
Drinnen, hinter den Plastikvorhangfransen, steht eine Mitarbeiterin des
Jugendzentrums und verteilt Queues. Alkohol ist verboten, und um acht wird
abgeschlossen. "Man wird nie alle erreichen", sagt sie. So hat das auch
Gerd Majerski gesagt. "Manche wollen einen Raum ohne Kontrolle."
Markus Achermann ist Vertriebsleiter bei Arcawa, der Schweizer Firma, die
Mosquito in Österreich, der Schweiz und seit diesem Jahr in Deutschland
vertreibt. Er ist nett am Telefon, und wenn man ihm glauben darf,
verbringen seine Mitarbeiter viel Zeit damit, Privatleute davon zu
überzeugen, dass es keine gute Idee ist, Kinder vom Nachbarspielplatz mit
Mosquito in die Flucht zu schlagen. "Und wenn sie hören, dass das Gerät 750
Euro kostet und man einen Installateur braucht, bricht die Nachfrage
schnell zusammen." Dann muss Markus Achermann nicht mal darauf hinweisen,
dass man nur sein eigenes Grundstück beschallen darf. Die Leute rufen immer
dann an, wenn etwas in den Zeitungen über den Mosquito steht, es spielt
dabei keine Rolle, ob es ein Artikel ist, der nahe legt, dass der Mosquito
keine gute Lösung ist.
Markus Achermann will keine genauen Verkaufszahlen nennen. Die
Herstellerfirma hat diverse Expertisen eingeholt, die die gesundheitliche
Unbedenklichkeit bestätigen sollen. Sie hat sogar bei einem
Rechtsanwaltsbüro in Cambridge prüfen lassen, ob die Grundrechte dadurch
eingeschränkt würden. Die Anwälte kamen zu dem Schluss, dass das Recht auf
Versammlungsfreiheit nicht "das Recht von Teenagern einschließt, sich ohne
bestimmtes Ziel zu versammeln. Das Gerät hindert Menschen nicht daran, sich
zu versammeln, sondern nimmt ihnen die Motivation, an einem bestimmten Ort
herumzulungern."
Dennoch haben einige Schweizer Kantone das Gerät verboten, aber in anderen
benutzen es Schulen und Behörden. Und in England soll es an einem
Polizeiwagen installiert worden sein, um unerwünschte Ansammlungen von
Jugendlichen zerstreuen zu können. Der freundliche Markus Achermann sagt,
dass diese Erfindung wohl die "gesellschaftliche Situation" spiegle,
"vielleicht auch die Hilflosigkeit". Er findet es schade, dass der Markt
danach verlangt. Und er findet die Berichte seiner Kunden erschreckend. Das
seien Leute, die schlicht Angst hätten, dass ihr Geschäft abbrenne, wenn
wieder einmal die Abfallcontainer angezündet würden, Leute, die ihm
erzählten, dass die Polizei nicht mehr käme, wenn sie sie riefen. "Jetzt
gibt es vielleicht wieder ein bisschen eine Diskussion darüber", sagt
Markus Achermann.
Weil die Idee, den Mosquito zu installieren, für so viel Unruhe gesorgt
hatte, denkt man in Dissen jetzt über Alternativen nach. Georg Majerski
hätte gern eine Videokamera am Spielplatz installiert, aber das hat der
niedersächsische Datenschutzbeauftragte abgelehnt. Die Mütter von der
Elterninitiative sammeln jetzt für eine Skaterbahn, aber die soll 20.000
Euro kosten und der Flohmarkt hat nur 4.000 Euro eingebracht. Bei einer
Befragung haben sich die Dissener Schüler vor allem einen McDonalds
gewünscht.
Der Erfinder des Mosquito, Howard Stapleton, hat übrigens gerade etwas
Neues entdeckt: einen Klingelton für Handys, den nur Jugendliche hören.
21 Dec 2007
## AUTOREN
(DIR) Friederike Gräff
## TAGS
(DIR) Niedersachsen
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