# taz.de -- Symbole der Erinnerung: Trumps Geschichtsumdeutung
       
       > Denkmäler sind oft Gesten der Selbstermächtigung von unten. Der Mann im
       > Weißen Haus ist leider nur an der Umdeutung von Geschichte interessiert.
       
 (IMG) Bild: Das Denkmal für Jutta Baumwol in Neuendorf
       
       Sie ist eine anmutige Frau. Eine Frau mit Grazie, mit Eleganz – und
       Bestimmtheit. Und sie ist aus Cortenstahl. Es handelt sich um eine Statue,
       die sich an einer Landstraße in Brandenburg befindet. Die Frauenfigur steht
       stellvertretend für alle Personen, die einmal im Landwerk Neuendorf im
       Sande zur Zwangsarbeit herangezogen wurden, damals zu Kriegszeiten, Anfang
       der 1940er Jahre.
       
       [1][Aufgestellt wurde diese Statue erst 2018], auf Betreiber des Bruders
       von Jutta Baumwol. Jutta wurde von Neuendorf aus nach Auschwitz deportiert
       und dort ermordet. Ihr Bruder überlebte die NS-Zeit, verfolgte viele Jahre
       später die Spur seiner Schwester zurück und fand den kleinen Gutshof in
       Brandenburg. Um an seine Schwester Jutta zu erinnern und alle anderen, die
       damals dort waren, wurde die Statue aufgestellt, mit viel Unterstützung aus
       dem Dorf, mit Hilfe der Familie Baumwol, mit Appellen an die Politik, die
       erst verhallten und dann doch wirkten.
       
       Seitdem ist die Frauenfigur auf dem Platz am Eingang des Gutshofs ein
       Erinnerungsort der ganz besonderen Art. Zum Beispiel zum
       Holocaust-Gedenktag am 27. Januar oder am 8. Mai, zum Tag der Befreiung.
       
       Es ist der Versuch, einen Teil deutscher Geschichte nicht in Vergessenheit
       geraten zu lassen – und den Angehörigen einen Ort zu geben. Zum Trauern.
       Und um das Leben zu feiern. Die Figur ist eine Geste der Selbstermächtigung
       im Lokalen.
       
       ## Geschichte wird zum Schlachtfeld der Narrative
       
       Rund 7.000 Kilometer entfernt versucht sich der Mann im Weißen Haus an
       einer auf den ersten Blick vergleichbaren Geste. Auch er interveniert auf
       dem Terrain der Erinnerung. Aber selbstredend im autokratischen Sinne: Es
       geht um Christoph Kolumbus, gemeißelt in Stein, überlebensgroß. In dieser
       Woche ließ US-Präsident Donald Trump an der Nordseite des Eisenhower
       Executive Office Building, das an seinen Amtssitz grenzt, eine Statue des
       Seefahrers aufstellen.
       
       Sie ist eine Rekonstruktion eines Denkmals, das Präsident Ronald Reagan
       1984 in Baltimore enthüllt hatte. Während [2][der
       Black-Live-Matters-Proteste] nach dem Tod von George Floyd im Jahr 2020
       wurden in vielen Städten in den USA solche Denkmäler gestürzt oder
       zerstört. Denn sie erinnern an die gewaltvolle Kolonialgeschichte der
       Vereinigten Staaten. Nun will der Mann im Weißen Haus symbolpolitisch gegen
       den Denkmalsturz angehen – und Kolumbus als „ursprünglichen amerikanischen
       Helden“ darstellen.
       
       Unterstützung bekam Donald Trump für seine Geschichtsumdeutung von der
       Italian American Organizations United. Dort ist man der Meinung, dass
       Kolumbus nahe des Weißen Hauses zum einen „friedlich glänzen“ und zum
       anderen „geschützt“ werden könne.
       
       Auch in Brandenburg glitzert in der Frühjahrssonne friedlich das Antlitz
       der Frau aus Stahl auf dem ameisenbesetzten Holzstumpf. Radfahrer halten ab
       und zu an, und wer an Geocaching Freude hat, wird auch an diesem Ort fündig
       werden. Spätestens im Mai wird die Statue wieder viel Besuch bekommen. Dann
       wird der Geburtstag von Jutta Baumwol gefeiert. In diesem Jahr wäre sie 101
       Jahre alt geworden.
       
       30 Mar 2026
       
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