# taz.de -- Schauspielerin und Jüdin Ruth Albu: Die Vergessene
> Die deutsch-amerikanische Schauspielerin Ruth Albu hat ihre Wurzeln in
> Berlin. Vor den Nazis musste sie fliehen. Eine Erinnerung.
(IMG) Bild: Ruth Albu auf einer Aufnahme um 1928, sie trägt einen Johanna König, einen der damals angesagten Hutmacherin
Die Ruine wurde 1953 abgetragen. Bei einem Luftangriff im Zweiten Weltkrieg
war das Lichtspielhaus „Atrium“ zehn Jahre zuvor zerbombt worden. Das Kino
stand etwa zwei Kilometer südlich des Kurfürstendamms in Wilmersdorf, an
der Kreuzung der Berliner Straße und der Kaiserallee, die seit 1950
Bundesallee heißt.
Das „Atrium“ war prachtvoll, wurde 1927 eingeweiht, trug zum Glanz der
Goldenen Zwanziger bei. Das Bauwerk stach aus dem Straßenbild mit einer
herrlichen Fassade hervor, war antiker Architektur nachempfunden – konkret
dem römischen Kolosseum.
Die Premiere von „Feind im Blut“ am 17. April 1931 ist aus der Geschichte
des Hauses hervorzuheben, bot sie doch einen Anlass zum Anstoß. Die
deutsch-schweizerische Produktion war ein Aufklärungsfilm über
Geschlechtskrankheiten und erhielt Jugendverbot.
Die Besetzung führte auch einen heute unbekannten Namen auf: Ruth Albu
spielte eine der Hauptrollen. Sie war im Stadtgespräch für ihre Leistungen
auf der Bühne und vor der Kamera bekannt, ebenso wie für ihre Beziehung zu
Erich Maria Remarque, mit dem sie eine enge Freundschaft verband – und
mehr.
## Eine Schmargendorferin
Susanne Ruth Albu kam am 4. April 1908 auf die Welt. Sie war das zweite
Kind des Ehepaars Albu, Eugen und Jenny (geb. Fischer), und die jüngere
Schwester von Dorothea Albu, die später als Solotänzerin an der Staatsoper
erfolgreich war. Schmargendorf war ihre Heimat, eine idyllische Ortschaft,
1920 eingemeindet in das damalige „Groß-Berlin“.
Die Familie lebte in der Marienbader Straße 9, nahe dem Grunewald, der sich
damals bis zum angrenzenden Hohenzollerndamm erstreckte. Die Eltern waren
jüdisch. Die Kinder waren ebenfalls „mosaischen Glaubens“, wie auf den
Geburtsurkunden vermerkt war.
Die junge Ruth fand schnell zur Schauspielkunst. Sie feierte 1926 ihr
Bühnendebüt am Renaissance-Theater in Charlottenburg, mit 17 Jahren und in
„Laterna Magica“, der ersten Revue von Friedrich Hollaender. Auftritte in
Königsberg und in Breslau folgten, ebenso erneut in Berlin. Sie spielte
unter anderem in der Uraufführung des „Schinderhannes“ von Carl Zuckmayer,
am 14. Oktober 1927 im Lessing-Theater in Mitte.
Der Weg führte vor die Kamera. Albu spielte bis 1931 in fünf Kinofilmen,
die mehrfach Tabus brachen. „Geschminkte Jugend“ etwa erzählte 1929 vom
tödlichen Streit in einer jungen Clique – in Anlehnung an die sogenannte
„Steglitzer Schülertragödie“ von 1927, bei der ein Berliner Oberschüler
einen Freund und sich selbst erschoss. Das Jugendverbot wurde auch gegen
diesen Film ausgesprochen, ebenso wie gegen „Feind im Blut“. Darin spielte
Albu eine verheiratete Frau, die sich mit einer Gonorrhoe infiziert, auch
bezeichnet als Tripper.
## Eheschließung – und Liebe zu einem anderen
Albu lebte nun in Charlottenburg und in Wilmersdorf, in Telefonbüchern sind
zwei Wohnorte belegt: 1929 die Steifensandstraße 5 in Witzleben (nahe dem
Lietzensee), 1931 die Laubenheimer Straße 19 im Rheingauviertel (am
Rüdesheimer Platz). Das wohl bekannteste Foto von ihr zeigte sie um 1928 im
„Berliner Chic“ mit einem Hut von Johanna König, deren Atelier am
Hausvogteiplatz zu den vornehmsten Adressen der Hauptstadtmode zählte.
Albu heiratete am 29. Oktober 1930 in eine prominente Familie ein. Heinrich
Schnitzler, ihr Ehemann, war ein österreichischer Schauspielkollege und der
Sohn von Arthur Schnitzler, Autor der „Traumnovelle“ (1925). Die
Heiratsurkunde verzeichnete die Witzlebenstraße 31 als Albus Wohnsitz. Das
Haus grenzte direkt an das Grundstück in der Steifensandstraße 5.
Das Paar wurde nicht glücklich. Albu war zu Beginn des Jahres 1930 einem
anderen Mann verfallen: Erich Maria Remarque. Der Autor von „Im Westen
nichts Neues“ liebte abseits des Schreibtischs vor allem die Frauen.
Remarque ging drei Ehen ein, heiratete zweimal die Tänzerin Ilse Jutta
Zambona. Liebschaften und mehrere Affären verbanden ihn mit weiteren Damen,
darunter mit Marlene Dietrich und Greta Garbo auch Diven des Golden Age of
Hollywood.
Die Beziehung zu Remarque belastete die gerade geschlossene Ehe. Albu war
verheiratet, doch blieben die Schauspielerin und der Schriftsteller
einander verbunden – in wechselvoller Zeit. „Im Westen nichts Neues“ wurde
im November 1928 von der Vossischen Zeitung abgedruckt, erschien im Januar
1929 als Buch, Auflagenhöhe 1930: eine Million Exemplare. Die Nazis aber
hassten Autor und Werk. Die Premiere der US-amerikanischen Verfilmung des
Romans am 5. Dezember 1930 im Berliner Mozartsaal wurde von schweren
SA-Krawallen begleitet. Joseph Goebbels selbst putschte zum Terror auf.
Albu stand zu Remarque, zumal er sich im Januar 1930 Januar von seiner
ersten Ehefrau hatte scheiden lassen. 1931 verbrachten Albu und Remarque
den Sommer im Deutschen Reich und in der Schweiz. Der Kauf der Villa „Casa
Monte Tabor“ am Lago Maggiore durch Remarque geschah im August 1931 auf
Anregung von Albu. Sie geriet kurz darauf in die Schlagzeilen. Die Presse
vermeldete im September 1931 die angeblich bevorstehende Scheidung von
Heinrich Schnitzler. Albu sah sich zu einem Dementi gezwungen. Die
Wirklichkeit aber holte sie ein, ihre Ehe zerbrach.
Die Beziehung von Albu und Remarque endete im Sommer 1932 ebenfalls. Was
blieb, war ein Rat: Albu war es, die Remarque zur Flucht vor den immer
stärker werdenden Nazis bewegte. Remarque hatte schon 1931 seinen
Lebensmittelpunkt in die Schweiz verlegt, fühlte sich aber auch im
Deutschen Reich sicher. Albu bewies mehr Weitsicht als der Romanautor.
Schließlich beherzigte er ihre Warnung.
Remarque setzte sich am 29. Januar 1933 endgültig in die Schweiz ab – einen
Tag bevor Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde. Der Schriftsteller
verfolgte vom Lago Maggiore aus das Grauen in der alten Heimat: „Im Westen
nichts Neues“ wurde am 10. Mai 1933 bei den Bücherverbrennungen der Nazis
in die Flammen geworfen.
## Flucht und Auswanderung
Albu entging dem NS-Regime ebenfalls durch Flucht, unmittelbar nachdem die
Nazis an die Macht gekommen waren. Die Schauspielerin gelangte mit ihren
Eltern erst nach Paris, dann nach London, wo sie bei Verwandten unterkamen.
Die Zäsur eines Aufenthaltes in Wien war tief: Sie ging am 29. November
1933 ihre zweite Ehe ein, mit Ulrich Arie, einem jüdischen Polen, dessen
Lebensweg im Dunkeln liegt. Das Leben blieb hart. 1935 verstarb Eugen Albu,
ihr Vater, in London. Sie ging wieder nach Wien, wirkte erneut als
Schauspielerin, verließ Österreich aber noch vor dem sogenannten
„Anschluss“ an das nationalsozialistische Deutsche Reich von 1938.
Dokumente spiegeln die folgenden Kriegswirren. Die britische Ausweiskarte
für das Ende ihrer Internierung als „female enemy alien“ in London wurde am
11. November 1939 ausgestellt. Ruth Arie war darauf als erwerbslos
verzeichnet und wanderte mit Ehemann und Mutter in die USA aus. Die Abreise
mit dem Schiff erfolgte im September 1940 in Liverpool. Die Hafenbehörden
von New York registrierten am 3. Oktober 1940 ihre Ankunft in Amerika – als
„Housewife“. Auskunft gibt sodann der Antrag auf Staatsangehörigkeit der
USA, den Ulrich Arie am 25. September 1941 im Bundesstaat Illinois stellte.
Das Dokument führte auch die schon vollzogene Scheidung von seiner Ehefrau
‚Susan Ruth‘ auf – und dabei handelte es sich um Ruth Albu.
Die Schauspielerin heiratete am 1. August 1944 erneut. Henri Morgenroth,
ein ausgewanderter französischer Kunstsammler, war ihr dritter Ehemann.
„Hotel Berlin“, 1944/45 in Hollywood gedreht, brachte ihr die letzte
Filmrolle, mit Bezug zur einstigen Heimat. Albu gab beruflich
Schauspielunterricht im kalifornischen Santa Barbara, wo 1955 ihre Mutter
verstarb.
## Blick ins Leere
Das Ergebnis einer Spurensuche im heutigen Berlin schmerzt: Ruth Albu ist
unsichtbar geblieben. Gedenktafeln für ihre Familie und sie gibt es weder
in der Marienbader Straße 9 noch an den anderen Adressen, die mit ihr
verbunden sind.
Der Blick auf den einstigen Standort des „Atrium“ führt zu Mietshäusern.
Die Ruinen des Kinos wichen in der Nachkriegszeit dringend erforderlichem
Wohnraum. Kaiserallee 178/179 lautete die Adresse des „Atrium“ – und dort
befindet sich nun ein Eingang des U-Bahnhofs „Berliner Straße“, eingeweiht
erst 1971. Erinnerungen an das „Atrium“ gibt es nicht.
Ruth Albu verstarb am 27. Februar 2000 in Santa Barbara. Die Aufgabe für
Berlin bleibt, ihres bewegten Lebens in angemessener Weise zu gedenken.
20 Apr 2026
## AUTOREN
(DIR) Nicolas Basse
## TAGS
(DIR) Jüdisches Leben
(DIR) Bücherverbrennung
(DIR) Exil
(DIR) Schwerpunkt Nationalsozialismus
(DIR) Bestseller
(DIR) Judentum
(DIR) Antisemitismus
(DIR) Schwerpunkt Nationalsozialismus
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Daniel Kehlmanns „Lichtspiel“: Besser im Film als an der Front
Wie arrangierte sich der Regisseur G. W. Pabst mit den Nazis? Damit
beschäftigt sich Daniel Kehlmann im Roman „Lichtspiel“, den es nun als
Hörspiel gibt.
(DIR) Auf Spuren einstigen jüdischen Lebens: Straßenschilder der Erinnerung
Seit dieser Woche weisen Markierungen auf das vernichtete Zentrum des
östlichen Judentums im Scheunenviertel in Berlin-Mitte hin.
(DIR) 25 Jahre Fritz Bauer Institut: Als die Nazis noch lebten
Nach 1945 war es schwierig, antifaschistische Institutionen in der
Bundesrepublik zu etablieren. Besonders wenn es um jüdische Geschichte
ging.
(DIR) Jüdisches Leben in Berlin: Rückkehr auf den Balkon
1939 geflüchtet, 2019 nach Berlin zurückgekehrt: Tom Tugend berichtet aus
seinem Leben und aus dem seines Vaters Gustav Tugendreich.