# taz.de -- Plattform Couchsurfing: Ist die Sofa-Utopie am Ende?
       
       > Unsere Autorin loggt sich nach vielen Jahren wieder bei Couchsurfing ein
       > – und fragt sich, was aus dem Konzept des kostenlosen Schlafplatzes
       > wurde.
       
 (IMG) Bild: Couchsurfing war mal ein Versprechen
       
       Mein Profil wirkt wie eine Zeitkapsel. Ein Foto vor der zugefrorenen Newa
       aus meinem Auslandssemester 2012 in Sankt Petersburg, meine Lieblingsfilme
       von vor 15 Jahren, Rezensionen von Gästen und Gastgeber:innen, an die ich
       mich erst jetzt wieder erinnere. Ich bin zurück bei [1][Couchsurfing],
       dieser Plattform, auf der man sich kostenlose Übernachtungen weltweit
       organisieren konnte. Extrem beliebt – bevor sie von [2][Airbnb] überrollt
       wurde. Wohin ist das freie Sofa verschwunden? Heute muss man für die
       Plattform zahlen, und anscheinend hat sich auch das Reisen an sich
       geändert, denn aus meinem Bekanntenkreis macht fast niemand mehr
       Couchsurfing. Auch ich bin bloß pragmatisch hier: Ich will für einen
       Workshop nach Rom, die Übernachtungspreise sind absurd, warum also nicht
       mal wieder eine Couch?
       
       Ich scrolle durch die Profile. Beamte, Anwälte, DJs und alle lieben
       kulturelle Begegnungen und sind super spontan. Mich befällt eine gewisse
       Lustlosigkeit. [3][Vor 15 Jahren war Couchsurfing ein Versprechen.] Die
       Sharing-Economy würde groß werden, Grenzen fallen, die Vereinigten Staaten
       von Europa zum Greifen nah. Natürlich war die Klientel elitär: das Bett
       zwar umsonst, aber eben nicht das Flugticket, der richtige Pass oder der
       richtige Habitus.
       
       Und doch war die geldfreie Gastfreundschaft gelebte Utopie, und viele
       Abende habe ich nie vergessen. Heute geht es beim Reisen weniger ums
       Zusammenkommen und mehr ums Abschalten: Batterien aufladen, Erholen für den
       Job. Die Aussicht, nach neun Stunden Gruppenworkshop in Rom noch den Abend
       mit Fremden zu verbringen, erschöpft mich. Couchsurfing ist für unsere
       vereinsamte und zugleich sozial ermüdete Gesellschaft vielleicht einfach
       nicht mehr Zeitgeist.
       
       Und da ist noch was. Denn ein sicherer Ort für alle war die Plattform nie.
       Die aktiven Gastgeber in Rom sind fast nur Männer. Und ich erinnere mich:
       Männer, die als Gegenleistung für das kostenlose Bett Sex erwarteten oder
       aufdringlich wurden, habe ich oft erlebt – und nicht nur ich. In
       Rezensionen schrieb ich nichts davon. Denn waren wir nicht eine große
       Community? [4][Kostenlose Gastfreundschaft] schlechtreden, das war wie ein
       Tabu. Heute scheinen die Nutzerinnen selbstbewusster, ich lese mehrere
       Klagen über übergriffige Gastgeber. Wie ein sicheres Konzept für Frauen
       wirkt es weiterhin nicht. Will ich das echt wieder? Ich buche stattdessen
       ein Airbnb.
       
       Dann aktualisiere ich doch mein Profil. Füge neue Reiseerinnerungen und
       eine neue Couch hinzu. Schalte mich als Gastgeberin wieder aktiv. Mit
       weniger Illusionen, einfach auf der Suche nach den Momenten, die ich daran
       liebte. Eine Utopie ist so schnell nicht tot.
       
       11 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Alina Schwermer
       
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