# taz.de -- Traumreise mit Pinguinen: Ich war nicht wirklich dort
       
       > Reisen ist ein Privileg, und wenn das Geld nicht reicht, muss die
       > Fantasie weiterhelfen. Unsere Kolumnistin hat dabei schon die tollsten
       > Trips erlebt.
       
 (IMG) Bild: Die berüchtigte Drake-Passage auf dem Weg in die Antarktis hält ihr Versprechen
       
       Die Wellen, die gegen das Schiff klatschen, sind furchteinflößend hoch. Ich
       kann von innen sehen, wie die Wassermassen auf den verglasten Aussichtsraum
       prallen. Die berüchtigte Drake-Passage auf dem Weg [1][in die Antarktis]
       hält ihr Versprechen. Viele Passagier:innen sind seekrank in den
       Kabinen geblieben, im Speisesaal sind die Stühle fest gekettet.
       
       Ich bin hier, aber nicht wirklich. Eine Reise in die Antarktis kostet eine
       hohe vierstellige Summe pro Person. Ich habe sie nicht zufällig auf meinem
       Konto, und solange ich als freie Journalistin für die taz schreibe, wird
       sich das vermutlich auch nicht ändern. Ich reise hier nur in der Fantasie,
       in Videos und Erfahrungsberichten. Und verliere mich in Anbietern, Routen,
       besten Reisezeiten. Ich kann mich abendelang mit so etwas beschäftigen: dem
       Träumen von Reisen, die wohl nie passieren werden. Dem Reisen im Kopf.
       
       Auch dieses Reisen im Kopf ist ein Privileg. Viele Menschen auf der Welt
       träumen nicht vom Reisen, Grenzen und Geld verbieten es ihnen. Reisen
       bedeutet für sie keine Wiederkehr. Wer es sich erlauben kann, erobert sich
       aber zumindest das Träumen: vom Wanderurlaub mit den Kids, einem
       Stadionbesuch beim weit entfernten Lieblingsklub, einem Besuch Europas als
       Tourist [2][und nicht als Geflüchteter], einer glitzernden Metropole oder
       einfach davon, mal das Meer zu sehen.
       
       Eine bessere Welt wäre die, in der wir alle, ausgestattet mit einer
       Klimakreditkarte, ein gleiches Recht auf Reisen haben. Mit Begegnung statt
       Hotelkomplexen. Aber solange das System uns Grenzen auferlegt, müssen wir
       sie im Traum überwinden. Ich mag diese Fantasien. Ich sehe detailliert den
       Aufbau einer fremden Stadt, rieche den Geruch der Unterkunft, höre die
       Gespräche mit Menschen. Fantasie kann so mächtige Erinnerungen pflanzen,
       dass ich mich manchmal daran erinnern muss, dass ich nie wirklich dort war.
       
       Auch meine Reise in die Antarktis soll sich echt anfühlen. Mit meinem
       Freund diskutiere ich über die Drake-Passage: Unsere Mägen sind zu mies,
       das wird nichts, wir nehmen das Flugzeug. Und dann, auf dem antarktischen
       Kontinent? Kreuzfahrtschiff oder Forschungsschiff? Natürlich
       Forschungsschiff. Wie weit nach Süden wollen wir fahren?
       
       Im Traum sind wir reich, aber nicht Elon, also diskutieren wir sehr
       ernsthaft über das Budget. Wir beschließen, uns zu gönnen, ist ja nur
       einmal im Leben. Ich sehe die kleine Kajüte auf dem Forschungsschiff,
       kreischende Pinguinkolonien, Ausflüge mit dem Kajak durch tiefblaues
       Wasser, knirschende Eisschollen. Nur eines verbiete ich mir: Videos von vor
       Ort. Ich will mich nicht spoilern. Denn nur davon lebt ja ein Traum – von
       der Hoffnung, dass er wahr wird.
       
       13 Apr 2026
       
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