# taz.de -- Falsche Fakten: Wenn der Begriff Wahrheit zerstört wird
       
       > Im Kampf um die Demokratie drohen Fake News das Rennen gegen Fakten zu
       > gewinnen. Es gilt, die Machtstrukturen der Plattformen zu durchbrechen.
       
       Vor einigen Jahren schien es so, als sei die Gesellschaft gegen
       Desinformation gut gewappnet: Plattformen regulieren, Betreiber in die
       Pflicht nehmen, bessere Recherche, professioneller Faktencheck,
       journalistische Einordnung. Die Instrumente schienen vorrätig, sie müssten
       nur genutzt werden. Mein 2019 veröffentlichtes Buch „[1][Fakten gegen Fake
       News]“ formulierte diese Zuversicht als Programm. Fakten sollten überzeugen
       und wirken, wenn man sie nur sauber genug aufbereitet und sichtbar genug
       platziert.
       
       Knapp eine Dekade später erweist sich diese Hoffnung nicht direkt als naiv,
       aber doch als zu optimistisch. Die damaligen Diagnosen waren nicht falsch.
       Im Gegenteil, sie haben sich bestätigt. Nur eben mit einer Wucht, die die
       Prognosen überrollt hat.
       
       Was als mediales Korrekturproblem erschien, entpuppt sich als Umbau des
       [2][gesamten Diskursraums]. In diesem Raum sind Fakten so leicht verfügbar
       wie nie zuvor. Zugleich sind sie politisch schwächer als je zuvor. Der
       Titel „Fakten gegen Fake News“ war eine Selbstvergewisserung.
       
       Er setzte auf das aufklärerische Versprechen, dass überprüfbare Tatsachen,
       journalistische Sorgfalt und öffentliche Einordnung ausreichen, um der Flut
       von Falschbehauptungen standzuhalten. Der Ausruf hatte Pathos, aber auch
       Programm. Nur reichte das nicht. Schon in den 2010er Jahren ließen sich die
       Linien klar erkennen. Autoritäre Akteure wie die AfD, der Kreml oder Donald
       Trump nutzten Desinformation strategisch. Bekannt ist zudem gewesen:
       Algorithmen verstärken Emotionen.
       
       Journalistische Institutionen werden gezielt delegitimiert. Öffentliche
       Debatten polarisieren sich. Diese Befunde waren gut belegt, empirisch wie
       international vergleichbar. Es fehlte nicht an Wissen und praktischen
       Beispielen. Unterschätzt wurde dabei wohl die Dynamik ihrer
       Wechselwirkungen. Desinformation arbeitet nicht im Modus des Skandals,
       sondern mit Redundanz und Gewöhnung. [3][Falschbehauptungen] verschieben
       nach und nach Wahrnehmungsrahmen, verformen Erwartungen, untergraben
       Deutungsmuster.
       
       ## Wenn etwas kippt
       
       Irgendwann kippt etwas. Dann wirken sachliche Informationen verdächtig,
       Institutionen suspekt, Verfahren beliebig. Wahrheit verschwindet nicht
       spektakulär. Sie erodiert leise. Und die großen Plattformen lieferten dafür
       die optimale Umgebung, wie ein Treibhaus der Desinformation. Desinformation
       ist kein isolierter Störfall im Informationsfluss, sondern ein
       grundlegendes Strukturmerkmal unserer gegenwärtigen Öffentlichkeit. Was
       bleibt, sind Bauchgefühl, Bestätigung und das, was im eigenen Feed
       plausibel wirkt.
       
       Meinungen werden zum Faktum erklärt, Fakten werden zur Meinungssache
       herabgestuft und damit verhandelbar. Hannah Arendt beschrieb diesen Zustand
       mit Blick auf totalitäre Propaganda. Ziel sei nicht, eine bestimmte Lüge
       durchzusetzen, sondern den Begriff von Wahrheit selbst zu zerstören. In
       digitalen Öffentlichkeiten lässt sich genau diese Verschiebung beobachten –
       mit dramatischer Geschwindigkeit. Korrekturen existieren. Fakten sind
       jederzeit abrufbar.
       
       Sie erreichen jedoch fast nie diejenigen, für die sie relevant wären. Am
       Ende entscheidet nicht, was stimmt, sondern was passt. Während progressive
       politische Strömungen über immer mehr Wissen und valide Argumente verfügen,
       mit denen sie aber nichts mehr bewirken können, brauchen reaktionäre
       Milieus keine Fakten, um maßgeblich auf den öffentlichen Diskurs
       einzuwirken und ihn zu bestimmen. Das bekannte Framing ist regelmäßig in
       den großen Talk-Formaten zu beobachten, etwa in der zu Recht kritisierten
       [4][Miosga-Sendung mit Tino Chrupalla], in der auf großer Bühne die Frage
       diskutiert wurde, ob „Trump ein Vorbild“ sei.
       
       Diese Veränderungen in der politischen und medialen Atmosphäre sind kein
       Naturereignis, sondern von Menschen gemacht. Sie sind das Resultat von
       journalistischer Angst vor klaren Einordnungen, false balance – aber vor
       allem eines Öffentlichkeitsmodells, das von wenigen privaten Unternehmen
       organisiert wird. Aufmerksamkeit ist Ware, Empörung Währung, Zuspitzung der
       Motor. Algorithmen belohnen Tempo und Affekt, nicht Einordnung und Kontext.
       Differenzierung kostet Klicks. Prüfung kostet Zeit.
       
       ## Gegenmittel: Faktencheck
       
       In diesem Klima haben Fakten strukturell kaum eine Chance, auch wenn man
       sich immer neue niedrigschwellige Formate ausdenkt, um die Aufmerksamkeit
       der Plattformen bedienen zu können. Auch wenn man Faktenchecks so weit
       herunterbricht, dass kaum noch etwas übrig bleibt. Viele etablierte Medien
       kämpfen ums wirtschaftliche Überleben, sie reagieren darauf teilweise mit
       verkürzter oder sogar irreführender Zuspitzung, der Übernahme von rechten
       Narrativen, die als „kontroverse Positionen“ zur Debatte gestellt werden.
       
       Doch je mehr sich Medien den Vorgaben der Plattformen unterwerfen, umso
       eher wächst deren Macht und die Möglichkeit, redaktionelle Inhalte in die
       Plattformen zu saugen – und gleichzeitig die Nutzer*innen dort zu
       halten. Die Plattformen wachsen weiter, weil sie die redaktionellen Inhalte
       ausbeuten. Es droht ein verödetes Internet, das zunehmend von den
       hermetisch abgeriegelten Plattformen abgehängt wird.
       
       Trotz dieser fatalen Entwicklungen bleiben Journalismus und Faktenchecks
       unverzichtbar. Sie dokumentieren, ordnen ein, widersprechen. Ohne sie wäre
       das Feld komplett den Lautesten überlassen. Doch sie operieren in einem
       Umfeld, das ihre Wirkung systematisch begrenzt. Wer Desinformation
       offenlegt, wird angegriffen. Wer Widersprüche benennt, wird delegitimiert.
       Ziel dieser Angriffe ist selten das einzelne Argument, fast immer die
       [5][Glaubwürdigkeit der Institutionen] selbst.
       
       Wenn die Träger der Fakten beschädigt werden, verlieren auch die Fakten
       ihre Durchsetzungskraft. Die [6][Coronapandemie] hat diese Dynamiken
       verdichtet. Wissenschaftliche Unsicherheit wurde als Schwäche gedeutet,
       politische Abwägung als Willkür. Vertrauen in Expertise erlitt nachhaltigen
       Schaden. Eine kritische Aufarbeitung ist notwendig, auch weil Maßnahmen
       nicht immer transparent oder verhältnismäßig wirkten. Sie verkommt jedoch
       zur Farce, wenn das Urteil bereits feststeht und Entscheidungen aus ihrem
       Kontext gerissen oder als Teil eines vermeintlichen Plans gelesen werden.
       
       ## Öffentliche Räume nutzen
       
       Viele erfolgreiche Desinformationsnarrative knüpfen genau hier an. In den
       2010er Jahren wurde diese Eskalation nicht vorhergesehen. Nicht, weil die
       Analyse falsch war, sondern weil ihre Konsequenzen unterschätzt wurden. Was
       also tun? Es lohnt sich, einen Blick auf die noch funktionierenden
       öffentlichen Räume zu werfen, um zu verstehen, was sie attraktiv macht.
       Vereine, Initiativen, lokale Zusammenschlüsse, Orte, an denen
       [7][Mitverantwortung] mehr zählt als Erregung. Dort entstehen Bindung,
       Gespräch und Widerspruch ohne Dauerempörung.
       
       Dort wird gestritten, ohne dass jeder Dissens zur Identitätsfrage
       aufgeblasen wird. Sie haben Bedeutung. Das ist ihre Stärke. Wohingegen auf
       Plattformen ein anderes Prinzip dominiert. Kurze Affekte verdrängen längere
       Argumente. Konstruktive Beiträge gehen im Rauschen unter oder werden als
       Zensurversuch denunziert. Mitverantwortung spielt keine Rolle, Fakten
       werden niedergebrüllt – jeden Abend hundertfach auf dem heimischen Sofa zu
       erleben im Kosmos der AfD-nahen Tiktok-Livechannels.
       
       Es geht nicht nur um falsche Inhalte, sondern um gefährliche Strukturen und
       darum, wie unsere Öffentlichkeit funktionieren soll. Klar ist: Solange
       Plattformmonopole den Diskurs organisieren, werden in Sachen Desinformation
       lediglich Symptome bekämpft: einzelne Falschmeldungen, einzelne Kampagnen,
       einzelne Akteure. Die Ursachen bleiben unangetastet. Die Hoffnung auf eine
       partnerschaftliche Selbstregulierung der Plattformen hat sich als Illusion
       erwiesen.
       
       Sie entziehen sich ihrer Verantwortung und unterstützen teilweise sogar
       offen autoritäre Politiker, die wiederum die Plattformen fördern. Dieser
       Zustand ist untragbar. Öffentlichkeit darf nicht dauerhaft privat,
       zentralisiert und profitorientiert organisiert sein. Erst wenn Sichtbarkeit
       nicht monopolisiert wird, können Fakten wieder als gemeinsame Bezugsebene
       wirken. Nicht als unfehlbare Wahrheit, sondern als Grundlage für
       Verständigung.
       
       Die eigentliche Herausforderung liegt deshalb nicht in Detailkorrekturen
       einzelner Plattformpraktiken, sondern im Bruch mit ihrer monopolartigen
       Stellung über weite Teile politischer Kommunikation. Es geht um die
       Rückgewinnung öffentlicher Räume, in denen Sichtbarkeit nicht gekauft,
       Fakten nicht beliebig relativiert werden und demokratische Aushandlung
       nicht algorithmisch verzerrt wird.
       
       Der Rückblick auf die 2010er Jahre lohnt sich. Nicht zur Selbstberuhigung,
       sondern zur Selbstkritik. Die Warnungen und Alternativen lagen auf dem
       Tisch, nur wurde kaum eine eigene Infrastruktur aufgebaut. Warum Befunde
       nicht durchdrangen, bleibt eine offene Frage. Einzelne Projekte zum
       Faktencheck werden kaum ausreichen. Wer den demokratischen Diskurs retten
       will, muss die Machtstrukturen der Plattformökonomie angreifen und
       durchbrechen – publizistisch und politisch.
       
       15 Apr 2026
       
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