# taz.de -- Fossile Energiekonzerne vor Gericht: Schuldig im Sinne des Klimawandels
       
       > Die Klimakrise zerstört Existenzen. Betroffene fordern, dass die
       > Antreiber zur Verantwortung gezogen werden. Helfen soll dabei die
       > Klimaattributionsforschung.
       
 (IMG) Bild: Ausgelöst duchen den Klimawandel: Sturzfluten im Gebiet Bahrain im nordwestpakistanischen Distrikt Swat am 1.9.2022
       
       Wer ist schuld, wenn Extremwetter Existenzen zerstört? Eine vergleichsweise
       junge Wissenschaft kann inzwischen Antworten liefern: die
       Klimaattributionsforschung. Sie weist nach, welchen Anteil der
       menschengemachte Klimawandel an konkreten Wetterereignissen hat – und
       ermöglicht es Betroffenen, Verursacher vor Gericht zur Verantwortung zu
       ziehen. Das Forschungsfeld hat eine rasante Entwicklung hingelegt.
       
       Was das konkret bedeutet, zeigt ein Fall aus Pakistan. 2022 ereignete sich
       dort die größte Flutkatastrophe seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Bei
       Rekordhitze, schnell schmelzenden Gletschern und massivem Monsunregen ging
       ein Drittel des Landes unter – vier Monate lang.
       
       Knapp zwei Millionen Häuser wurden zerstört, Tausende Menschen starben,
       mehr als 30 Millionen waren betroffen. Darunter 39 Bäuerinnen und Bauern,
       die zwei Ernten und damit ihre Lebensgrundlage verloren. Eine [1][Studie
       der World Weather Attribution (WWA)] lieferte wissenschaftliche Belege
       dafür, dass die Klimakrise dieses Ausmaß wahrscheinlich erst ermöglicht
       hat.
       
       ## Ungleich verteilte Verantwortung
       
       Forschende wissen seit den 1960er Jahren, dass die Erhitzung
       menschengemacht ist. Und sie wissen heute, dass nicht alle Menschen gleich
       viel dazu beigetragen haben. PakistanerInnen etwa haben im Durchschnitt
       sehr wenig Treibhausgase verursacht, sind aber besonders stark betroffen.
       Länder wie die USA oder Deutschland, Konzerne wie Gazprom oder Shell tragen
       dagegen eine überproportional große Verantwortung, weil sie historisch
       große Mengen an Treibhausgasen freigesetzt haben.
       
       Wie lässt sich also für konkrete Klimaschäden eine konkrete Verursachung
       nachweisen? Die Grundlage dafür legte der deutsche Physiker Klaus
       Hasselmann, der Anfang der 1990er Jahre mit Kollegen aus Japan, den USA und
       Italien begann zu untersuchen, wie der Klimawandel die
       Durchschnittstemperaturen auf der Erde beeinflusst – der Beginn der
       Attributionsforschung. Sie untersucht, wie viel menschengemachter
       Klimawandel im Wettersystem der Erde steckt. 2021 erhielten Hasselmann und
       seine Kollegen dafür den Nobelpreis für Physik.
       
       Nach der Jahrtausendwende erschien dann die erste Attributionsstudie zu
       Extremwetter: Ein Team um den Wissenschaftler Peter A. Stott [2][wies 2004
       im Fachjournal Nature nach], dass der menschengemachte Klimawandel die
       [3][Rekord-Hitzewelle von 2003] deutlich wahrscheinlicher gemacht hatte.
       
       Seither hat sich das Feld rasant entwickelt. „Wir fanden, die Wissenschaft
       konnte nicht damit weiter machen, einfach nur allgemeine Aussagen über
       Wetterextreme zu liefern, ohne dabei irgendetwas über einzelne
       Extremereignisse zu sagen“, steht auf der Webseite der World Weather
       Attribution, die von der Klimawissenschaftlerin Friederike Otto und ihrem
       2022 verstorbenen Kollegen Geert Jan van Oldenborgh gegründet wurde.
       
       ## Forschung, die vor Gericht führt
       
       Inzwischen führt das WWA sogenannte schnelle Attributionsstudien durch, die
       wenige Tage oder Wochen nach Extremwetterereignissen veröffentlicht werden.
       Das Motiv: Die Öffentlichkeit solle Bescheid wissen, dass die Wetterextreme
       vom Klima getrieben und die Klimakrise bereits stattfindet. „Jahrzehntelang
       konnten Wissenschaftler die Frage nicht beantworten, ob der Klimawandel für
       ein bestimmtes Extremereignis verantwortlich ist. Dank der
       Attributionsforschung ist dies nun möglich“, sagt Theodor Keeping, der für
       die WWA am Imperial College in London forscht.
       
       Diese Forschung wird zunehmend vor Gericht genutzt. „Die
       Attributionswissenschaft wird mittlerweile von jenen eingesetzt, die
       Emittenten zur Rechenschaft ziehen wollen“, sagt Keeping. Das Argument geht
       so: Wenn eine Studie zeige, dass eine Hitzewelle aufgrund des
       menschengemachten Klimawandels hundertmal häufiger auftrete, und
       nachgewiesen werden könne, dass ein Unternehmen für ein Prozent der
       historischen Emissionen verantwortlich sei, trage es auch ein Prozent der
       Verantwortung für die Schäden.
       
       In der Hoffnung, dass ein Gericht diesen Zusammenhang anerkennt,
       [4][verklagten die 39 Bäuerinnen und Bauern aus Pakistan] mithilfe des
       European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) und der
       Anwältin Roda Verheyen die zwei größten CO₂-Emittenten Deutschlands vor dem
       Amtsgericht Heidelberg: den Energieerzeuger RWE und den Zementhersteller
       Heidelberg Materials.
       
       Verheyen sagt: „Einen Anspruch auf Schadenersatz kann man nur stellen, wenn
       eine Handlung kausal einen Schaden verursacht. Wir müssen also beweisen,
       dass die Emissionen dazu beigetragen haben, dass meine Mandanten zu Schaden
       kamen.“
       
       In anderen Klagen seien solche wissenschaftlichen Gutachten längst gängig.
       „Bei Schadenersatzklagen wegen Asbest stellten medizinische Gutachten
       komplexe Kausalzusammenhänge heraus, ohne dass hundertprozentige Sicherheit
       verlangt wurde – der menschliche Körper ist einfach nicht vollständig
       erforscht. Warum soll es beim Klimawandel anders sein?“
       
       ## Lückenlos Ketten nachweisen
       
       Die Forschung bezeichnet dieses Bemühen, eine lückenlose Kette von
       Verursachern zu Geschädigten nachzuweisen, als Ende-zu-Ende-Attribution –
       der vorläufige Gipfel einer Entwicklung: vom Nachweis, dass der Klimawandel
       menschengemacht ist, über die Zuordnung wirtschaftlicher Verluste, Verluste
       der Artenvielfalt oder gesundheitlicher Schäden aufgrund der Klimakrise bis
       hin zur Benennung konkreter Verursacher.
       
       „Die Attributionswissenschaft nimmt keine Stellung“, betont
       Attributionsforscher Keeping. „Wir versuchen wissenschaftlich zu ermitteln,
       ob der Klimawandel ein Ereignis intensiver oder wahrscheinlicher gemacht
       hat.“ Meistens sei das der Fall, aber es gebe auch Extremwetter, bei denen
       der Klimawandel keine Rolle gespielt habe.
       
       Er persönlich hoffe, dass Machthabende immer weniger Möglichkeiten bekämen,
       den Klimawandel politisch zu ignorieren. Aber: „Die Entscheidung über die
       Verantwortlichkeit liegt bei den Gerichten und Politikern.“
       
       12 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.worldweatherattribution.org/climate-change-likely-increased-extreme-monsoon-rainfall-flooding-highly-vulnerable-communities-in-pakistan/
 (DIR) [2] https://www.nature.com/articles/nature03089
 (DIR) [3] /Meeresforschung/!6142378
 (DIR) [4] /Flutkatastropher-Pakistaner-fordern-Schadenersatz-von-deutschen-CO2-Riesen/!6124958
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tim Feldmann
       
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