# taz.de -- Atommülltourismus durch NRW: Castor-Transporte gestartet
> Erste hochradioaktive Brennelemente haben das Forschungszentrum Jülich
> verlassen. Kritiker warnen vor potenziellen Gefahren für Millionen
> Menschen.
(IMG) Bild: Ein Schwertransporter mit einem Castor-Behälter fährt an Teilnehmer:innen einer Anti-Atomkraft-Demonstration vorbei
Begleitet von Protesten hat in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch die
Welle von hoch radioaktiven [1][Atommülltransporten] begonnen, die bis
August 2027 beinahe im Wochentakt mitten durch Nordrhein-Westfalen rollen
soll. Begleitet von einem massiven Polizeiaufgebot verließ ein erster, rund
130 Tonnen wiegender Schwertransport mit einem Castor-Atommüllbehälter das
Forschungszentrum Jülich am Dienstagabend gegen 22.20 Uhr. Insgesamt lagern
in Jülich damit noch 151 Castoren mit rund 280.000 Brennelementen des dort
1988 stillgelegten ersten deutschen Hochtemperaturreaktors.
„Allein hier in Jülich waren bestimmt mehr als 1.000 Polizist:innen vor
Ort“, sagte Marita Boslar von der Initiative Stop Westcastor der taz am
Telefon. Wasserwerfer seien aufgefahren worden, auch berittene Polizei sei
im Einsatz gewesen. An einer Mahnwache vor dem Forschungszentrum hätten nur
etwa 40 Menschen teilgenommen – andere seien wegen Polizeisperren nicht
durchgekommen. „Leute konnten nicht aus öffentlichen Bussen aussteigen“, so
Boslar. Auch Radfahrende und Fußgänger:innen hätten den Protestort nur
mit Umwegen erreichen können.
Umweltschützer:innen kritisieren die Transporte aus dem rheinischen
Jülich ins rund 180 Kilometer entfernte Zwischenlager Ahaus im nördlichen
Münsterland schon seit Jahren als „[2][gefährlich und unnötig]“. Denn die
„unverzügliche Räumung“ des Jülicher Atommüllzwischenlagers war schon 2014
angeordnet worden – wegen angeblicher Erdbebengefahr. Doch spätestens seit
2022 ist klar: Diese Erdbebengefahr [3][gibt es gar nicht].
Gleichzeitig ist klar: Gegen mögliche Terrorangriffe, etwa durch
Drohnenangriffe oder gar den Beschuss mit panzerbrechenden Waffen, bieten
die Castoren keinen Schutz. Für „Personen in der Nähe der Transportstrecke“
könnte die daraus folgende radioaktive Strahlung „gesundheitsschädlich,
vielleicht sogar lebensbedrohlich“ sein, warnte etwa die renommierte
Physikerin Oda Becker im Juli 2024 in einer [4][Stellungnahme] noch einmal
– insbesondere, da sie „die Inhalationsdosis unmittelbar nach dem
potenziellen Terroranschlag, also vor einer Evakuierung, erhalten würden“.
## Weiter juristische Gegenwehr
Potenziell gefährdet sind damit bei jedem Transport Millionen Menschen: Die
Transportstrecke führt über die maroden NRW-Autobahnen 44, 46, 57 und 42
vorbei an der Landeshauptstadt Düsseldorf, mitten durch Duisburg und
Oberhausen im westlichen Ruhrgebiet und dann ab Bottrop über die A31 nach
Ahaus. Dort hatten sich am Dienstagabend rund 500 Menschen mit einer Demo
vom Bahnhof zum Rathaus gegen die den Atommüll gewandt. Proteste gab es
auch entlang der Transportstrecke, etwa in Moers oder an der einzig
nutzbaren Rheinbrücke in Duisburg-Baerl, die der Castor etwa 10 Minuten
nach Mitternacht passierte.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) kündigte an, weiter auch
[5][juristisch] gegen die Transporte vorgehen zu wollen. „Solange nicht
alle Sicherheitsfragen geklärt sind, halten wir den Start dieser Transporte
für rechtswidrig“, erklärte Kerstin Ciesla, in NRW stellvertretende
Landesvorsitzende des Umweltschutzverbands. „Deshalb kämpfen wir weiter und
werden am Donnerstag im Hauptverfahren unsere Klagebegründung einreichen,
um eine vollständige Aufklärung und Bewertung der Risiken zu erreichen.“
Die für die Atomaufsicht zuständige grüne Wirtschaftsministerin
Nordrhein-Westfalens, Mona Neubaur, sieht sich unterdessen mit
Rücktrittsforderungen konfrontiert. Denn die Atommülltransporte seien ein
„Musterbeispiel an politischer Verantwortungslosigkeit“, sagt der
atompolitische Sprecher der Linken in NRW, Hubertus Zdebel. Denn Neubaur
habe die Anordnung zur „unverzüglichen Räumung“ des Jülicher Atommülllagers
jederzeit zurücknehmen können, nachdem sich die Erdbebengefahr als nicht
existent erwiesen habe, argumentiert Zdebel wie viele Umweltschützer:innen.
## Frust über Grüne
Für die Grünen im Landtag erklärte deren anti-atompolitische Sprecherin
Norika Creuzmann dagegen, ihre Partei habe sich „stets für eine möglichst
risikoarme und langfristig tragfähige Lösung ausgesprochen – nämlich den
Neubau eines Zwischenlagers direkt am Standort Jülich“. Doch der scheiterte
offenbar schlicht an der Finanzierung: Die Baukosten eines den heutigen
Sicherheitsstandards entsprechenden Lagers werden auf mehr als 500
Millionen Euro geschätzt. Die Castor-Transporte gelten mit 150 Millionen
Euro dagegen als vergleichsweise günstig – wobei die Polizeieinsätze dabei
noch nicht einberechnet sind.
Auch bei Atomkraftgegner:innen ist der Frust über Neubaur deshalb
groß. „Von einer grünen Ministerin“, sagte etwa die Aktivistin [6][Hanna
Poddig], die bis zur Ankunft des Castors um 2.05 Uhr mit einer Mahnwache am
Lager Ahaus vor Ort war, „sind in der Atompolitik keine mutigen Schritte zu
erwarten“.
25 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Heftige-Kritik-an-Castor-Transporten/!6102761
(DIR) [2] /BUND-ueber-Atommuell-Fahrten-durch-NRW/!5980047
(DIR) [3] /Protest-gegen-Castor-Transporte/!5968470
(DIR) [4] https://www.ausgestrahlt.de/media/filer_public/ee/33/ee336aac-817e-4dac-b0f0-0da35c883ba3/stellungnahme_transportjuelich_final_rb.pdf
(DIR) [5] /Niederlage-fuer-Umweltorganisation-BUND/!6159373
(DIR) [6] /Klimaaktivistin-ueber-langen-Atem/!6106725
## AUTOREN
(DIR) Andreas Wyputta
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Sorgen.