# taz.de -- Nach Klinikschließung in Ahlhorn: Suchtkranke Kinder und Jugendliche bleiben auf der Strecke
> Deutschlands größte Entwöhnungsklinik für suchterkrankte junge Menschen
> muss schließen. Ab Sommer gibt es dann nur noch 25 Plätze –
> deutschlandweit.
(IMG) Bild: Verführerisch: Alkopops sind leicht konsumierbar und knallen trotzdem
Hunderttausende Kinder und Jugendliche leiden an Suchtstörungen, sei es
durch [1][Medienkonsum] oder Drogenmissbrauch. Durch die Schließung von
Deutschlands größter Entwöhnungsklinik droht das ohnehin schon geringe
Hilfsangebot weiter zu schrumpfen – auf 25 Rehaplätze. Und das in ganz
Deutschland.
„Ein strukturelles Systemversagen“ nennt das der Betreiber der
Dietrich-Bonhoeffer-Klinik, die am 30. Juni ihr Angebot einstellt. Das
Problem: Die Therapieangebote werden von den Kranken- und
Rentenversicherungen bezahlt. Die Sätze der Versicherer seien allerdings zu
gering, um eine Klinik wie die Dietrich-Bonhoeffer-Klinik zu betreiben.
Es gebe „keine finanzielle Lösung, bei der eine qualitative und für die
Patientengruppe zielführende Fortführung des Klinikbetriebs möglich ist“,
sagt Wolfgang Vorwerk, Vorstand der Leinerstift Gruppe, die die Klinik
betreibt.
Die Kinder, die in die Klinik kommen, haben bereits eine Entgiftung oder
einen Entzug hinter sich. Allerdings reicht das für suchtkranke Kinder und
Jugendliche nicht aus, sagt Rainer Thomasius. Er hat das Deutsche Zentrum
für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum
Hamburg-Eppendorf aufgebaut und gilt als Jugendsuchtexperte: „Die
Erfolgsquote bei den qualifizierten Entzugskliniken liegt bei 25 Prozent,
75 Prozent werden also wieder rückfällig“.
## Millionendefizite zwingen die Klinik zur Aufgabe
Gerade deshalb braucht es Angebote wie das der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik
im niedersächsischen Ahlhorn. Mit individuellen Therapieangeboten,
medizinischer Versorgung und einer integrierten Schule werden Kinder und
Jugendliche auf ihrem Weg aus der Sucht begleitet. Auch in Hinblick auf
eine zukünftige Berufsbildung werden die Patient:innen unterstützt.
Das kostet Geld. Mehrere Monate sind die Patient:innen vor Ort
untergebracht. Der Tagessatz, den die Klinik pro Platz von der Renten- oder
Krankenversicherung erhält, beträgt derzeit 320 Euro. Die tatsächlichen
Kosten liegen etwa 70 Prozent darüber, wie das Leinerstift auf Nachfrage
mitteilt.
Die Folge ist ein erhebliches Defizit. Über eine Million Euro Minus soll
die Klinik 2025 eingefahren haben, für dieses Jahr wird mit einem Verlust
von 1,5 Millionen Euro gerechnet. Dabei war die [2][Klinik bereits 2024]
insolvent. Das diakonische Leinerstift sprang ein, um den Betrieb zu
retten. „Von zahlreichen Seiten wurde uns signalisiert, dass es dieses
Angebot unbedingt braucht“, sagt Wolfgang Vorwerk.
„Über ein Jahr haben wir uns intensiv darum bemüht, mit den verschiedenen
Kostenträgern und der Politik tragbare Einigungen zu treffen. Leider wurden
wir eines Besseren belehrt“, lautet sein ernüchterndes Fazit. Dabei ist die
Bedeutung seiner Klinik in der Politik durchaus durchgedrungen.
„Die rehabilitationsmedizinische Versorgung suchterkrankter Kinder und
Jugendlicher ist notwendig und sie ist erhaltenswert“, sagt [3][Hendrik
Streeck], der Beauftragte der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen.
Gerade bei jungen Menschen entscheide frühe und qualifizierte Hilfe oft
darüber, ob ein Leben wieder auf Kurs komme oder ob aus einer schweren
Krise eine dauerhafte Abhängigkeit werde. „Umso alarmierender ist die
aktuelle Lage“, sagt Streeck.
Dass es dennoch so wenige Angebote gibt, liege „nicht an fehlendem Bedarf,
sondern an einer zersplitterten Verantwortung“, so Streeck weiter. Das
belegen auch die Zahlen des Jugendsuchtexperten Thomasius: 1.200 Kinder und
Jugendliche benötigten pro Jahr eine Behandlung in einer Entwöhnungsklinik.
Nur 110 davon können mit den aktuellen Kapazitäten versorgt werden. Fallen
die 60 Plätze der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik weg, werden es zukünftig noch
weniger sein.
In der Pflicht sieht Streeck deshalb die Länder, Kostenträger, aber auch
den Bund. Zwar könne letzterer nicht jede einzelne Einrichtung ersetzen.
„Aber er trägt sehr wohl Verantwortung dafür, dass gesetzliche und
finanzielle Rahmenbedingungen nicht dazu führen, dass junge Menschen
zwischen den Systemen verloren gehen“, sagt Streeck.
Deshalb setze er sich „mit Nachdruck dafür ein, dass diese Versorgung nicht
weiter ausgedünnt wird“. Eine „klare Erwartung“ möchte er im Gespräch mit
den Kostenträgern und den politischen Verantwortlichen formulieren.
Im Falle der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik könnte das zu spät kommen. Das Fass
zum Überlaufen brachte nicht zuletzt eine [4][Strukturreform] der Deutschen
Rentenversicherung zum 1. Januar 2026. Damit kündige sich „ab 2027 nochmal
eine Reduzierung des Tagessatzes durch die Rentenversicherung und damit
eine Erhöhung des Defizits auf unserer Seite an“, sagt Karen Landwehr,
verantwortlich für die Unternehmenskommunikation des Leinerstifts. Über
drei Millionen Euro würden der Klinik 2027 dann fehlen.
Zu viel, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Die Deutsche Rentenversicherung
verweist auf die bundeseinheitlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen, nach
denen sie die Leistungen bezahlt. Für 2026 sei mit der
Dietrich-Bonhoeffer-Klinik ein Vergütungssatz verhandelt worden, der „den
Besonderheiten der Klinik und den finanziellen Bedarfen entspricht“. Warum
die Klinik ihren Betrieb nicht fortführen kann, könne „die Einrichtung oder
ihr Träger nur selbst beantworten“.
## Zukünftige Versorgung bleibt ungeklärt
Zukünftig möchte die Deutsche Rentenversicherung im Rahmen ihres
Versorgungsauftrages sicherstellen, dass „alle jungen Menschen einen
Reha-Platz erhalten, wenn sie ihn benötigen“. Die Bedarfslage werde aktuell
durch Gespräche beim Bundesministerium für Gesundheit mit den relevanten
Akteuren geklärt.
Dieses Unterfangen dürfte durch die Schließung von Deutschlands größter
Reha-Klinik für suchterkrankte Kinder und Jugendliche nicht einfacher
werden. Eine Unterbringung in anderen Einrichtungen, etwa denen [5][für
Erwachsene], hält Experte Thomasius für keine Alternative. Kinder und
Jugendliche bräuchten eine qualifizierte, zielgerichtete Behandlung.
Auch das Come In in Hamburg, das Reha-Plätze für Kinder und Jugendliche
anbietet, kämpft mit dem Pflegesatz, den es erhält. Lediglich durch die
Querfinanzierung ihres Trägers könne es weiterhin bestehen. Sollte sich das
strukturell unterfinanzierte System allerdings nicht dauerhaft
stabilisieren, könnten perspektivisch weitere Angebote in Frage stehen,
heißt es von Seiten der Hamburger Reha-Klinik.
30 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Im-Bann-der-Algorithmen/!6155162
(DIR) [2] https://www.leinerstift.de/2024/10/11/leinerstift-gruppe-uebernimmt-ahlhorner-klinik/
(DIR) [3] /Hendrik-Streeck/!t5677959
(DIR) [4] https://www.deutsche-rentenversicherung.de/DRV/DE/Experten/Infos-fuer-Reha-Anbieter/verguetungssystem/verguetungssystem-2026.html
(DIR) [5] /Mangelhafte-Versorgung-von-Suchtkranken/!6103296
## AUTOREN
(DIR) Johannes Strauch
## TAGS
(DIR) Niedersachsen
(DIR) Sucht
(DIR) Drogensucht
(DIR) Jugendliche
(DIR) Sozialversicherung
(DIR) GNS
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Lachgas
(DIR) Social Media
(DIR) Drogenkonsum
(DIR) Jugendliche
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Lachgasverbot für Minderjährige: Schluss mit lustig
Seit Sonntag wird Lachgas nur noch eingeschränkt verkauft. Minderjährige
sind vom Erwerb ausgeschlossen. Das Ziel: mehr Gesundheitsschutz. Reicht
das?
(DIR) DAK-Studie: Hunderttausende Kinder und Jugendliche süchtig nach Social Media
Seit Jahren untersuchen eine große Krankenkasse und ein
Universitätsklinikum die Nutzung von sozialen Medien bei Kindern und
Jugendlichen. Neue Zahlen zeigen klare Trends.
(DIR) Lachgaskonsum bei Jugendlichen: Bis das Lachen vergeht
Lachgas ist als Droge bei Jugendlichen immer beliebter, teils mit
gravierenden Folgen. Experten unterstützen ein Abgabeverbot an
Minderjährige.
(DIR) Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen: Und dann kam der Alkohol
Max und Elisabeth sind noch sehr jung und schon trockene Alkoholiker*innen.
Warum wird der Rausch in der Jugend so romantisiert?